• November 26, 2019
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Elektronische Patientenakte und digitale Technologien

Neue Chancen für die Diabetesversorgung und -forschung

 

Digitale Transformation verändert die Medizin inhaltlich und strukturell in allen Bereichen, wie zum Beispiel Forschung, Diagnostik, Monitoring, Therapie, Versorgung sowie Beratung, Aufklärung, Screening und Prävention. Bei einem derart tiefgreifenden Wandel ist es die Rolle einer themenbeziehungsweise krankheitsspezifischen wissenschaftlichen Fachgesellschaft, wie zum Beispiel der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), sich primär durch die Formulierung von konkreten medizinischen Standards aktiv in die Gestaltung mit einzubringen.

 

Die DDG sieht es als ihre Aufgabe beim Thema Digitalisierung, den Handlungsrahmen für den Wandel und damit eine erkennbare Positionierung basierend auf medizinischen Standards intern und extern darzulegen. Dafür hat sie Handlungsfelder für den digitalen Wandel definiert, wie zum Beispiel Datenschutz, Interoperabilität, Forschung, digitale Behandlungsstandards (Strukturqualität, Prozessqualität, Er- gebnisqualität, Anforderungsprofil für die elektronische Gesundheitskarte [eGK]), Schulung, Aus- und Weiterbildung, „Sprechende Medizin“ sowie Prävention, und diese in einem „Code of Conduct Digital Health“ der DDG (siehe Homepage der DDG) näher ausgeführt. Digitalisierung als Technologie soll helfen, Prävention, patientenzen- trierte Therapie und Versorgung in der Diabetologie flächendeckend sowie fach- und sektorenübergreifend zu verbessern.

 

Das Ziel einer optimalen Versorgung ist es, die Lebenserwartung und Lebensqualität der Menschen mit Diabetes zu normalisieren. „Ein Leben ohne Diabetes“ wäre das Ideal. Hierzu müssen strategisch relevante Daten erhoben werden können, mit denen sich patienten-, bedarfs- und ergebnisorientierte Maßnahmen zur Verbesserung von Prävention, Krankheitsverlauf und Versorgung entwickeln lassen und die eine ver- netzte Diabetes-Forschung ermöglichen.

 

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) sieht in der Digitalisierung eine große Chance, flächendeckend medizinische Versorgung auf höchstem Niveau zu gewährleisten. Mithilfe moderner Technologien lässt sich das realisieren, woran die Versorgung komplex und chronisch kranker Patienten seit vielen Jahren leidet. Die oft unüberbrückbaren Grenzen zwischen unterschiedlichen medizinischen Fach- und Berufsgruppen, aber auch zwischen Kliniken und Praxen, Pflege- und Reha-Einrichtungen oder zwischen Stadt und Land können durch intelligente Vernetzung überwunden werden. Dies würde zeitnah aussagekräftige Versorgungsforschung ermöglichen und die Versorgungssituation der Patienten verbessern. Auch die Ärzte würden gewinnen, nämlich Zeit für den Patienten und Informationen. Statt mit Doppelbefundungen oder unvollständigen Daten Zeit vertun zu müssen, könnten sie sich besser informiert ihren Patienten widmen.

 

Digitale Transformation: Neue Zeiten, neue Überzeugungen und neue Anforderungen erfordern natürlich eine Umgestaltung
In der Gesundheitspolitik und der Öffentlichkeit werden neue Anforderungen in der Zukunft steuern, wie sich die Diabetologie entwickeln wird. Erwartet werden neben Struktur- mehr Prozess- und Ergebnisqualität sowie eine leitlinienbasierte überprüfbare Patientenversorgung. Patient und Arzt möchten direkt beim Kontakt („In Time“) alle verfügbare Literatur beziehungsweise allen Wissensstand bediener- freundlich „an der Hand“ haben. Daher strebt die DDG für die Zukunft ein primär inhaltlich getriebenes und kompetenzorientiertes Versorgungskonzept an. Dies muss für den Patienten verständlich sein, transsektoral gedacht und den individuellen Expertisen der Behandler gerecht werden.

 

Neue Möglichkeiten der Diabetesversorgung durch digitale Technologien: Was heißt das?
Neue Möglichkeiten sind unter anderem, einen einheitlich lesbaren und verwendbaren Datenpool zu implementieren, auf den Patienten, Ärzte und Forscher (natürlich mit unterschiedlichen Zugriffs- und Verwendungsrechten) zugreifen können. In diesen Pool werden die klinischen Daten aus dem Krankenhaus (stationärer Sektor), einer Praxis (ambulanter Sektor) sowie aus Präventionsprogrammen (individuell und strukturiert) sowie klinischen Forschungsprogrammen eingespeist. Zudem können dann auch in naher Zukunft neue computerassistierte Fragebögen zu patientenbezogenen Endpunkten (PROs) in die tägliche Versorgung mit aufgenommen werden.

 

Die Daten müssen in einer Struktur und Qualität abgelegt werden, die eine „problemlose Lesbarkeit“ ermöglichen. Die sogenannten „Akten“ stellen die inhaltliche medizinische Qualität der erhobenen Daten (medizinischer Standard) sicher, zum Beispiel durch eine wissenschaftliche Fachgesellschaft. Zudem können unter anderem Differentialdiagnosen, medizinische Empfehlungen und Leitlinien bei kritischen Punkten hinterlegt werden, sodass eine sofortige „In Time“-Handlungsempfehlung für den Patienten vorliegt und regelmäßig aktualisiert werden kann. Zudem ist die „aufbereitete“ Evidenz beziehungsweise wissenschaftliche Literatur zu dem Thema direkt verfügbar.

 

Daraus könnte dann regelmäßig aktuell analysiert werden, wie Prozesse sich gestalten und genutzt werden, ob diese mit sinnvollen Ergebnissen (Outcome) verbunden sind, und wir erhalten damit automatisch einen „Versorgungsmonitor“ der Diabetologie sowie ein umfassendes „nationales“ Diabetes-Register.

 

Welche Perspektiven ergeben sich für die Prävention und Forschung?

Durch Analysen von Datenmustern (Big Data) werden wir unter anderem neue Zusammenhänge, Subgruppen, klinische Verläufe und Therapieansätze erkennen. Prädiktive Modelle werden damit sehr gut Risiko-Individuen frühzeitig und präzise erkennen. Patienten, die ganz besonders von einer Therapiebeziehungsweise Interventionsstrategie profitieren und welche nicht, werden deutlich besser identifiziert werden. Gesundheitspolitisch ermöglichen diese Datenschätze zum ersten Mal eine wirklich bedarfs- und ergebnisorientierte Steuerung und dies zum Wohle der Betroffenen und unserer Solidargemeinschaft!

Vita Prof. Dr. med. Dirk Müller-Wieland

 

Akademische Ausbildung

Studium der Humanmedizin in Hamburg, amerikanisches Staatsexamen (FMGEMS), Approbation zum Arzt und Promotion zum Dr. med. über die „Regulation der Cholesterinbiosynthese in frisch isolierten mononukleären Leukozyten durch adrenerge Rezeptoren“

 

Beruflicher Werdegang

Seit 2016 - Medizinische Klinik I, Universitätsklinikum der RWTH Aachen, Koordinie- rung des klinischen Forschungszentrums der Medizinischen Klinik I, seit dem 1.2.2017

 

Preise

1987 - Deutsches Komitee zur Förderung der Atheroskleroseforschung 1991 - Dr.-Martini-Stiftung, Hamburg


1995 - Bertram-Preis der Deutschen Diabetes Gesellschaft

 

Sonstige Aktivita?ten

Seit 2016 - Sprecher Kommission Struktur und Krankenversorgung der DGIM 2017 - Tagungspräsident zusammen mit Professor A. Schürmann der Deutschen Diabetes Gesellschaft


2015 - 2017 Vizepräsident der DDG

 

2017 - 2019 Präsident der DDG