An der DIS wird eine ganz besondere Idee gelehrt

Jeder Schüler kann und will lernen er soll sich individuell entwickeln und dabei immer seine Wirkung auf andere und deren Wirkung auf sich selbst berücksichtigen. Die Schüler der DIS haben die besten Abschlüsse, sollen trotzdem mit Spaß und Leichtigkeit lernen. Disy wollte wissen, wie das geht und Schuldirektor John F. Nelson musste uns Rede und Antwort stehen. Seit zwei Jahren leitet der US-Amerikaner die Dresden International School.

 

Warum sind Ihre Schüler so leistungsstark?

Wir haben Klassen mit 19-20 Schülern und der Schultag ist klar strukturiert. Das gibt den Schülern viel Zeit zum Lernen. Dieses Verhältnis ist in der Schulausbildung grundsätzlich wichtig, sogar wichtiger als das Lehrprogramm selbst. Unsere Lehrer sind Profis und das Programm ist sehr erfolgreich.

 

Ihr Programm endet in der 12. Klasse mit dem sogenannten IB-Diploma?

Ja, das IB-Konzept ist weltbekannt und sehr erfolgreich. Es gibt über 4.500 Schulen, die eines der drei IB-Hauptprogramme anbieten, aber es gibt nur etwas mehr als 200, die alle drei IB-Programme unterrichten. So wie wir. Das Schulprogramm wird mit dem IB-Diplom abgeschlossen. Mit diesem Abschluss haben die Schüler eine Eintrittskarte in Universitäten auf der ganzen Welt.

 

Wird der Abschluss auch als Deutsches Abitur anerkannt?

Ja. Der Abschluss ist in Sachsen sowie in ganz Deutschland anerkannt. Umgerechnet lag unsere durchschnittliche Abiturnote in diesem Jahr bei 2,1. Alle Absolventen haben ihr IB-Diplom erreicht. Das ist sehr, sehr gut. Es ist bereits das dritte Mal seit 2004, als die erste Abschlussklasse graduierte.

 

Ist die DIS eine elitäre Schule?

Das Schulprogramm vermittelt neben der akademischen Ausbildung auch soziale Kompetenzen. Die Schüler werden nicht nur Akademiker, sondern auch gute Menschen. Sie verstehen, wie man mit anderen Menschen zusammenarbeitet. Sie verstehen, wie man als Mensch in der großen Welt agiert. Unsere Schüler haben Selbstvertrauen und Respekt und sind in der Lage, sich auch in neuen Situationen zurechtzufinden.

 

Streben viele Ihrer Schüler eine Management-Karriere an?

Während der 5. Klasse erarbeiten die Schüler selbstständig ein Projekt, was die Schüler frei wählen und am Ende des Schuljahres vorstellen. Ich finde es immer sehr beeindruckend, was die 11-Jährigen dabei präsentieren. Oft hat es den Anschein als wären sie schon 18 Jahre alt; so selbstbewusst und engagiert treten die Grundschüler auf. Ein ähnliches Projekt gibt es auch noch mal am Ende des MYP-Programms, in der Klassenstufe 10, das sogenannte Personal-Project. In diesem setzen sich die Schüler über einen längeren Zeitraum mit einer selbst gewählten Thematik auseinander. So haben sich viele Schüler in diesem Kontext wirtschaftlich ausprobiert oder haben ein Kleidungsstück entwickelt oder ein Skateboard oder Roboter hergestellt. Sie haben dabei selbstständig geforscht und ihre Ideen umgesetzt.

 

Klingt sehr praxisorientiert...

Ja, es gibt den Kindern auf diese Art und Weise Selbstbewusstsein. Sie lernen etwas, können es praktisch umsetzen, vorstellen und erklären; und das normalerweise in 2-3 Sprachen. Und sie lernen gut mit anderen zusammenarbeiten. Es ist wichtig, gute akademische Leistungen zu erbringen. Es ist gut, viel zu wissen oder viele Ideen zu entwickeln. Aber die Fähigkeit, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu arbeiten, Ideen umzusetzen und diese anderen zu vermitteln, das ist etwas, was unsere Schüler im IB-Programm lernen und was sie erfolgreich werden lässt.

 

Also wird bei Ihnen nicht nur Fachwissen vermittelt, sondern Lösungskompetenz, selbstständiges Arbeiten und Teamfähigkeit? Alles,was Chefs bei potentiellen Mitarbeitern suchen.

Das hoffen wir doch. Wir vermitteln den jungen Menschen, dass es nicht immer nur einen Weg gibt, sondern verschiedene und individuelle Wege. Wir lehren ein System, was die Schüler ein Leben lang anwenden können. Deswegen suchen Chefs aus Amerika, Kanada und Großbritannien IB-Kanditaten.

 

Ist der Zugang zu Universitäten mit Ihrem IB-Diplom auch leichter?

Es ist auf jeden Fall viel leichter, in eine Universität, egal wo auf der Welt, zu kommen. Seit 2004 wächst die Absolventenzahl der Abschlussklasse. Im letztem Schuljahr waren es 31. Darunter waren auch zwei Kandidaten, die einen umgerechneten Abschluss von 1,0 hatten. Die meisten Absolventen studieren in UK, viele auch in Deutschland und in anderen Ländern.

 

Wenn Sie so selbstbewusste Individualisten erziehen... Ist das nicht schwer für die Lehrer, die jungen Leute im Zaum zu halten?

Ich weiß, was sie meinen. Es hilft, dass die Klassen sehr klein sind. Die Lehrer haben deshalb die Zeit, jeden Schüler individuell zu unterstützen und mit ihnen zu lernen. Auch nach dem Unterricht können die Schüler zusätzliche Hilfestellungen beim jeweiligen Fachlehrer bekommen zum Beispiel in Englisch, Chemie oder Mathe. Dies wirkt sich zudem positiv auf die gute Beziehung zwischen Schülern und Lehrern aus, welche ein wichtiger Baustein für den individuellen schulischen Erfolg ist.

 

Das klingt nach einem Paradies für Schüler und Lehrer?

Wir sehen die Freude bei den Schülern. Sie bleiben auch nach der Schule gerne hier. Sie kommen selbst am Wochenende. Lernen kann man überall. Das lebenslange Lernen ist unser Ziel.

 

Für viele Schüler anderer Gymnasien oder Grundschulen scheint die Schule eher eine Last zu sein...

Die Schule soll keine Last sein, sondern vielmehr eine Gelegenheit, ein Abenteuer. Lernen ist ein Genuss. Das sehen wir jeden Tag.

 

Was müssen Ihre Lehrer haben, damit sie diese tolle Lehr-Idee soumsetzen können?

Sie müssen viel Energie und Interesse haben. Und die Weltanschauung vertreten, dass es immer eine Lösung, immer eine Antwort gibt. Das ist elementar für unsere Schulausbildung. Das können vor allem erfahrene Lehrer gut umsetzen. Im Durchschnitt sind die Lehrer acht bis zehn Jahre an der DIS. Was im weltweiten Vergleich zu anderen internationalen Schulen überdurchschnittlich lang ist. Die meisten haben schon in einigen anderen Ländern gearbeitet. Aktuell haben wir Lehrer aus 20 Nationen, u.a. aus Indien, Libanon, Australien, Spanien oder Nordamerika.

 

Sind Ihre Lehrer einfühlsamer als andere?

Unsere Lehrer sollen verstehen: Jeder Schüler kann lernen, will lernen und ich, als Lehrer, kann ihnen dabei helfen. Wenn ein Schüler bei einem Thema mehr Zeit braucht, dann nehmen wir uns auch die Zeit.

 

Warum ist das nicht an allen Schulen so?

Unsere Lehrer haben einfach die Ressourcen dazu. Es braucht gewisse Rahmenbedingungen. Das ist an öffentlichen Schulen natürlich anders. Hier in Dresden gibt es eine sehr differenzierte Schullandschaft, Eltern und Schulen können sich glücklich schätzen.

 

Werden mit Ihrem System alle Kinder gute Schüler, oder schaffen es einige doch nicht?

Etwa die Hälfte unserer Schüler sind schon seit 12 bis 16 Jahren an der DIS. Denn sie haben bereits unsere Preschool, also KiTa, besucht. Es kommt vor, dass wir nach ein paar Schuljahren feststellen, dass ein Kind unser Programm nicht schafft. Dann versuchen wir gemeinsam mit den Eltern eine Lösung zu finden. Eine Option wäre ein Schulwechsel. Eine andere Möglichkeit wäre der Schulabschluss nach der 10. Klasse, was als Mittlerer Schulabschluss anerkannt ist. Außerdem haben wir ein starkes Förderprogramm, welches zusätzliche Lernunterstützung ermöglicht.

 

Wenn man Ihnen zuhört, will man selbst wieder Schüler sein. Wie können Dresdner Eltern Ihren Kindern den Genuss dieser Ausbildung zukommen lassen?

Wir sind eine freie Schule. Jeder kann sich bewerben. So haben wir neben vielen internationalen Schülern auch Jungen und Mädchen die aus Deutschland kommen bzw. Dresdner sind. Die Voraussetzung bis zur 5. Klasse ist: Schüler müssen lernen wollen. Ab Klasse 6, dann beginnt das Middle Years Programme, müssen Schüler wenigstens ein bisschen Englisch sprechen. Denn im Unterricht lernen alle auf Englisch, bis auf die anderen Sprachen, Deutsch und Spanisch.

 

Viele Ihrer Schüler kommen und gehen, weil ihre Eltern international tätig sind. Gibt das nicht immer Unruhe?

Es geht. In diesem Jahr haben wir zum Beispiel mit 80 neuen Schülern begonnen. Während des Schuljahres kommen weitere 30 Schüler dazu. Wir können sie relativ schnell durch individuelle Unterstützung sowie spezielle Programme, wie unsere Student Ambassadors, integrieren. Sogenannte Schülerpaten sind neuen Schülern bei ihren ersten Schritten im Schulalltag behilflich. Begleitet und koordiniert wird dies u.a. von unserer Schulpsychologin.

 

Wie schaffen Sie es, genug Selbstbewusstsein in den Kindern zu entwickeln?

Wir haben die Idee, dass jeder Schüler herausfinden möchte: Wer bin ich? Was kann ich tun? Was will ich tun? Sie sollen das Selbstbewusstsein bekommen: Ja ich bin einzigartig individuell, aber ich habe immer eine Wirkung auf andere. Und andere haben eine Wirkung auf mich. Das muss uns bewusst sein.

 

Also vermitteln Sie auch Toleranz?

Wir vermitteln den Schülern, dass ihre Identität eng verbunden ist mit der Identität von anderen. Alle Kulturen sind wertvoll und dies gilt es zu beschützen. Jede Familie möchte letztendlich das gleiche für ihr Kind. Nämlich die Möglichkeit, dem Kind Optionen aufzuzeigen, dass es später einen Job findet und es auf seinem Weg zu begleiten. Es ist nicht so, dass wir nur gute Chemiker oder Akademiker ausbilden. Nein, wir erziehen gute Nachbarn.

 

Welchen Anspruch haben Sie an die Eltern?

Sie müssen verstehen, dass die Ausbildung für das Kind wichtig ist. Die Eltern sind normalerweise sehr engagiert z.B. als ehrenamtlicher Helfer in der Bibliothek, im Schulgarten oder auch in unserer Eltern-Lehrer-Organisation, die die Funktion eines Elternrats erfüllt. Wir wollen, dass die Eltern Teil dieser Schulgemeinschaft sind. Wenn sie Fragen haben, bekommen sie immer gleich eine Antwort. Entweder vom Lehrer oder von der Schulverwaltung. Wir kommunizieren über viele Kanäle mit den Eltern. Unsere Schule arbeitet sehr transparent.

 

Wie wichtig sind Ihnen zufriedene Eltern?

Sehr, sehr wichtig. Unsere Eltern sind zufrieden. Das zeigt uns auch die regelmäßige Elternumfrage. Wir sprechen mit unseren Eltern nicht nur über Zensuren oder Examen. Wir reden mit ihnen auch über ihr Kind und was es macht. Ein Eltern-Lehrer-Gespräch zum Beispiel leitet der Schüler. So erfahren die Eltern direkt, wie sich ihr Kind entwickelt.

 

Wie muss man als Direktor einer solchen Schule sein?

Ich habe schon in vielen Schulen in verschiedenen Ländern gearbeitet. In keiner anderen Schule hat es so gut funktioniert wie hier. Es ist mir eine richtige Freude hier. Ich mag die Klassen, die Eltern, die Lehrer.

 

Ist die technische Ausstattung der Schule so außergewöhnlich wie das System?

Die Schulausstattung ist sehr gut, auch, weil wir sie regelmäßig erneuern. Beispielsweise haben wir in jedem Klassenzimmer interaktive Tafeln, sogenannte Whiteboards. Die Schüler der Klassen 6-12 arbeiten im Rahmen des BYOD-Programms (Bring Your Own Devise) mit ihren Laptops im Schulunterricht. Diese Technologie ist Teil des Schulprogramms. Wifi gibt es auch überall. Ich finde es gut, wie die Kinder mit dieser Technik arbeiten. Sie lernen, dass man alles im Internet finden kann, jedoch selektieren muss, was wichtig und richtig ist. Den Umgang mit den Medien zu lernen, ist sehr wichtig.

 

Wie finanziert sich die Schule?

Es gibt neben dem Elternschulgeld die regulären Zuschüsse von Freistaat und Stadt. Unsere Familien haben die Möglichkeit eine finanzielle Unterstützung zu erhalten, die nach bestimmten Kriterien geregelt ist. Unser Förderverein unterstützt die Schule zusätzlich durch Fundraising-Projekte und Veranstaltungen. Die Erlöse solcher Aktivitäten kommt sowohl dem Kita- als auch Schulbereich zugute. So hat der Förderverein anlässlich des 20-jährigen Schuljubiläums eine Sonderuhrenedition zusammen mit Nomos Glashütte entwickelt. Diese limitierte Auflage ist nur über uns erhältlich. Ein tolles Spendenprojekt für die Schulgemeinschaft als auch für Uhrenliebhaber weltweit. Vorsitzender Ihres Schulvereins war viele Jahre bis zu seinem plötzlichen Tod Professor Dr. Wolfgang Donsbach.

 

Was verbinden Sie mit ihm?

Er war ein interessanter Mensch. Er verstand den Menschen und war sehr an ihm interessiert. Deswegen hat er sich so stark für unsere Schule engagiert. Ich habe immer gern mit ihm gearbeitet. Er war sehr intelligent. Er wollte die Schule immer voranbringen, hatte viele Ideen und noch mehr Energie. Die Schule war für ihn eine Herzensangelegenheit und er hat die Schule mit jeder Faser gelebt. Er verstand die Macht der Ausbildung und er versuchte, diese jedem zugänglich zu machen. Das war ihm sehr wichtig. Er war ein guter Kerl. Er fehlt uns sehr.

 

Nun feiern Sie 20 Jahre DIS. Wie ist Ihr Fazit und was wünschen Sie für die Zukunft?

Wir sind mit 13 Schülern gestartet, jetzt lernen hier fast 500. Die Schule ist um einiges größer geworden. Aber die Idee ist geblieben. Wir lernen jedes Jahr, wie wir uns weiter verbessern können. Die Welt ist ein Klassenzimmer. Die Schüler sollen uns mit dem Wissen verlassen: Ja, ich lerne Lebenslang, also auch nach der Schulzeit, egal wo ich bin.