Sag mir, wo die Azubis sind ... und wie man sie begeistern kann

Wir haben mit Unternehmern verschiedener Branchen gesprochen. Lesen Sie, wie Hotel Adlon, Promi-Friseur Udo Walz oder Küchenchef Alfons Schuhbeck junge Arbeitnehmer motiviert.

 

Das betriebliche Ausbildungsplatzangebot ist im letzten Jahr auf 574.200 weiter angestiegen und Unternehmen haben es weiterhin schwer, Azubis zu finden. Ganze 57.700 Plätze blieben letztes Jahr unbesetzt. Früh aufstehen, wenig Lohn und arbeiten am Wochenende zählen zu den Kriterien, weshalb sich immer mehr Jugendliche in Deutschland gegen eine Ausbildung entscheiden. Vor allem Ausbildungsstellen in einigen Handwerksberufen und in Hotel- und Gaststättenbereichen blieben unbesetzt.

 

Starkoch Alfons Schuhbeck erinnert sich an bessere Zeiten: „Früher standen 50 Bewerber vor meiner Tür, heute stehen da keine mehr.“
Andreas Kämpf, Mitglied des internationalen Wirtschaftrates e.V., beklagt, dass Ex- pansionen durch den Personalmangel ausgebremst werden. Seine neue Filiale kann er nicht eröffnen, weil kein Personal da sei. „Das geht aber nicht nur mir so, das höre ich von überall“, beschreibt der Unternehmer. „Wir in der Gastronomie stehen mit dem Rücken an der Wand. Wir finden keine Auszubildenden und greifen auf Flüchtlinge zu- rück. Meine Hauptaufgabe am Tag besteht darin, mich um diese neuen Mitarbeiter zu kümmern. Die Zeiten haben sich gravierend verändert und die Politik hat das verschlafen“, sagt Detlef Schüler, Inhaber von Die Pastamanufaktur.

 

Und auch in der Musikbranche ist das Problem bekannt. Tom Schwenke, Geschäfts- führer der Music Academy, sieht den Grund für die Entwicklung die sich verändernde Arbeitseinstellung der Jugend. „Viele junge Menschen wollen, dass sich das Arbeitsleben nicht wie Stress anfühlt.“?Auch der Dresdner Autohändler Adrian Glöckner bestätigt diese Beobachtung. „Den heutigen Bewerbern und Mitarbeitern ist eine Work-Life-Balance extrem wichtig.“


Dass es den Ausbildungsberufen an Bewerbern mangelt, liegt auch für Starfriseur Udo Walz nicht an den Arbeitsbedingungen. Auch er ist davon überzeugt, dass sich die Einstellung der Jugendlichen geändert habe. „Wir haben als Berufsanfänger wie wahnsinnig gearbeitet. Heute teilen sich die jungen Leute ihre Zeit und ihr Leben ein wie sie wollen. Sie sind überhaupt nicht mehr karrieresüchtig“, bedauert er.

 

Wer Auszubildende anwerben möchte, braucht ein gutes Image, sowohl als Arbeitgeber-Marke aber auch als ganze Branche. In der Gastronomie vollzieht sich da gerade ein Wandel. Eine Ausbildung zum Koch galt als besonders hart. Alfons Schuhbeck hat es geschafft, das Image des Kochberufes maßgeblich zu verbessern. Gelungen ist ihm das mit seinen Fernsehshows. „Ich möchte den Spirit an junge Leute weitergeben und sie motivieren, Koch zu werden. Gern bei uns.“ Auch Udo Walz hat mit dem Fernsehen geschafft, dass ihn 98 Prozent der Deutschen kennen. Früher bekam er Aufmerksamkeit, weil er Größen wie Marlene Dietrich frisierte. Seitdem er aber an der Seite von Joko und Klaas im TV zu sehen war, kennen ihn auch Jugendliche. PR für neue Mitarbeiter oder Auszubildende braucht es seiner Meinung nach heute immer. Wenn er sie erstmal im Laden hat, kann er sie begeistern. „Wenn Lehrlinge bei mir sind, verändern sie sich schnell. Ich lehre die Jugend, wieder Ehrgeiz zu entwickeln und Freude daran zu haben, viel Geld zu verdienen“, erklärt er.

 

Dass Walz und Schuhbeck es geschafft haben, eine neue Unternehmermarke zu etablieren, ist unverkennbar.?Doch wie sieht es mit Traditionsunternehmen wie dem Hotel Adlon aus, das zwar schon immer bekannt war, nun aber auch junge Leute von seinen Qualitäten überzeugen muss?? Laut Hoteldirektor Seubert ist das nicht nur für den Erfolg des eigenen Betriebes von großer Bedeutung. Er sieht in den Ausbildungsberufen die Basis des wirtschaftlichen Erfolges Deutschland und erzählt, wie er Jugendliche für Hoteljobs überzeugt. „Wir müssen die positiven Seiten des Berufes aufführen“, erklärt er. Besonders ansprechend wären die internationalen Möglichkeiten, die der Beruf bietet. Außerdem wäre die Vielseitigkeit ein Aspekt, der viele von einer Ausbildung im Adlon überzeugt. „Es ist in keinem Beruf so leicht, mit einer Kerntätigkeit so viele verschiedene Dinge auszuprobieren und Arbeitsabläufe kennenzulernen. Das muss man den jungen Leuten?gegenüber herausstellen.“ Dass sich der Beruf auch in Zukunft auszahlen wird, betont?er und spricht damit auch Azubis an, die Wert auf Sicherheit legen. Dafür tritt der Manager zwar nicht wie Walz und Schuhbeck im Fernsehen auf, setzt aber ebenfalls auf Präsenz und Eigenwerbung. Neben Besuchen an Schulen und Hotelfachschulen, ist für ihn die Wahl der richtigen Medien entscheidend, wo man den Beruf so ansprechend wie möglich präsentieren muss.

 

Darin sieht auch Curry-Paule eine Lösung, der zusammen mit seinen Mitarbeitern sieben Imbissbuden in Berlin führt. Statt seine Ausbildungsstellen neu zu besetzen, bildet er lieber Mitarbeiter weiter, die schon bei ihm arbeiten. „Diese Leute bringen schon Arbeitsenergie mit und haben eine Basis. Zur Not binde ich mir eine Schürze um und brate selbst eine Wurst, um zu zeigen, wie viel Spaß das macht“, lacht er. Doch die Vermittlung der Werte des eigenen Geschäfts ist nur der erste Schritt. Um Auszubildende von der Arbeit im Unternehmen zu überzeugen, sollte man ihnen auch vertrauen. „Man muss loslassen können und nicht denken, man sei der einzige, der alles kann“, betont Kämpf. Martin Wenzel, Geschäftsführer der WIP Dresden GmbH, denkt ähnlich. Auch für ihn ist Vertrauen unabdingbar, um die Jugend von der eigenen Branche zu überzeugen. „Man muss das Pflichtbewusstsein wecken“, sagt er. Auch für Schönheitschirurg Dr. Marwan Nuwahyd liegt der Erfolgsschlüssel in der Vermittlung der Geschäftsphilosophie. Er sucht nach Mitarbeitern, die seine Erfolgsvision verinnerlichen und Impulse geben. „Das ist schwer“, gesteht er. Nuwahyd ist nicht der einzige Arzt, der auf der Suche nach qualifiziertem Fachper- sonal ist. Obwohl die Gehälter Medizinischer Fachangestellter linear um 2,6 Prozent gestiegen sind und weiter steigen, fehlt es den Praxen an Auszubildenden.

 

Nur wenn das Team die Möglichkeit dazu hätte, könnten Arbeitsabläufe optimiert werden und Auszubildende würden sich am Arbeitsplatz wohlfühlen.?„Die Zeiten haben sich geändert“, weiß auch Ulrich Finger, Geschäftsführer der Messe Dresden. Chefs müssen sowohl bei der Anwerbung von Azubis und Mitarbeitern sehr viel diplomatischer sein als früher, als auch im geschäftlichen Ablauf. „Aber verbiegen muss man sich als Chef auch nicht. Man hat schließlich die Verantwortung und muss Ziele erreichen“, erklärt er nachhaltig.


Auf 25 Ausbildungsplätze im Hotel Adlon melden sich rund 25 Bewerber und auch, wenn nicht viel Auswahl bleibt, kann man offensichtlich dem Azubi-Mangel entgegenwirken.?Auch für Dr. Gisbert Porstmann, Direktor der Museen der Stadt Dresden und der Städtischen Galerie Dresden ist die Mitarbeitersuche ein heikles Thema: „Es läuft mittelmäßig. Wir kämpfen immer darum, Mitarbeiter zu bekommen. Für den Doppelhaushalt haben wir drei von acht Stellen besetzen können. Diese Quote ist heutzutage toll. Uwe Schatz, Geschäftsführender Gesellschafter von „DER IMMO TIP“ Dresden berichtet Folgendes: „Es gibt viele junge Menschen, die mit neuen Technologien auf den Markt kommen. Das alte Maklertum ist immer weniger gefragt.“

 

Richard Fordham, Inhaber und Geschäftsführer des Fleisch-Restaurants  „El Rodizio“ hat auch große Schwierigkeiten, motivierten Nachwuchs zu finden: „Wir suchen Azubis und würden gerne ausbilden, aber es gibt keine. Gastronomie ist nicht einfach. Man muss den ganzen Tag laufen, Teller tragen und auch noch freundlich sein.“ Er fügt hinzu: „Entweder man ist für Gastronomie geeignet und das Herz ist dabei, oder nicht. Wir haben sieben Tage die Woche geöffnet, von acht bis 24 Uhr. Man muss jeden Tag fit sein.“ Viele junge Leute suchen heutzutage den leichten Weg bei dem man meistens das gleiche Gehalt bekommt.


Jochen Reichel, Inhaber der Event-Agentur „respect“, hat andere Erfahrungen gemacht. Er ist der Meinung, die Rekrutierung der Azubis ist eine Frage der Motivation. „In unserem Bereich im Eventmarketing ist es überhaupt kein Problem. Viele wollen Veranstaltungskauffrau oder -kaufmann werden“ Von anderen Firmen, mit denen Reichel zu tun hat, berichtet er jedoch anders. Gerade Optiker und Friseure hätten es schwer, neue Mitarbeiter zu gewinnen. Grund sei die falsche Motivation: „Sie haben die Erwartung, 80.000 Euro Jahresgehalt und zwei Tage Home-Office zu bekommen. Das ist der heutige Trend, den aber die wenigsten Firmen mitgehen können.“ Grund für diese falsche Motivation sieht Reichel unter anderem in den sozialen Medien: „Ich habe bei unserem letzten großen Event mit dem Disy-Magazin in Hamburg festgestellt, dass 50 Prozent der jungen Casting-Teilnehmer sagten, sie wären von Beruf Influencer.“