Melli Beese - die erste Motorfliegerin Deutschlands

Eine Dresdnerin auf Höhenflug

Hedwig Amelie Beese wurde am 13. September 1886 in Laubegast als Tochter eines Steinmetz geboren. Schon in frühen Jahren wollte sie ihrer künstlerischen Ader nachgehen und selbst Bildhauerin werden. In Deutschland war man aber noch lange nicht so weit, Frauen eine Ausbildung zukommen zu lassen.

So musste Amelie, von allen nur „Melli“ genannt, nach Stockholm gehen, um ein Studium an der königlichen Akademie der Freien Künste zu erhalten. Dort hörte sie von den Flugerfolgen der Gebrüder Wright und den ersten motorbetriebenen Flugzeugen. Ihre Leidenschaft war entbrannt, das wollte sie auch.
Sie kam zurück nach Dresden und wurde Gasthörerin am Technikum, der heutigen Technischen Universität. Sie besuchte  Vorlesungen in Mathematik, Mechanik, Schiffbau und Flugmechanik. Nach langem Suchen fand sie im November 1910 in Johannisthal bei Berlin den Fluglehrer Robert Thelen von der „ad astra Fluggesellschaft“, der sie aufnehmen wollte. Ein Novum, denn Frauen waren in der heroischen Fliegerliga der Männer unerwünscht. Die gewaltige Summe von 3000 Reichsmark und weitere 1000 Reichsmark für die Versicherung kostete der Flugschein, den Vater Beese seiner Tochter zur Verfügung stellte. Gleich bei einem ihrer ersten Flüge verunglückte sie und erlitt einen fünffachen Beinbruch. Angesichtes der Flugzeugmodelle aus Sperrholz und Drahtseilen ein äußerst glimpflicher Ausgang. Mellis Mut blieb aber ungebrochen. Zusätzlich nahm der Neid und der Unmut der männlichen Kollegen absurde bis gefährliche Züge an: Benzin wurde abgelassen, Zündkerzen verdreckt. Am Tag ihrer Flugprüfung musste sie deshalb ihre missgünstigen Mitschüler austricksen. Sie startete so früh am Morgen, dass noch kein anderer auf dem Flugplatz war. Außerdem bestand sie auf unabhängige, fremde Prüfer. An diesem Novembermorgen 1911 bestand Melli Beese als erste deutsche  Frau die Fliegerprüfung und bekam an ihrem 25. Geburtstag ihren Flugschein mit der Nummer 115 ausgehändigt. Endlich konnte sie an den zahlreichen Flugschauen auch als Fliegerin teilnehmen. Aber immer noch wurde sie von einigen männlichen Kollegen geschnitten, die nicht mit Melli Beese gemeinsam auftreten wollten. Dabei war sie nicht nur tollkühn, sondern auch unglaublich talentiert. Mit ihrer Rumbler Taube schaffte sie die Rekordhöhe von 850 m und blieb unglaubliche zwei Stunden und 20 Minuten in der Luft. 1912 gründete sie ihre eigene „Flugschule Melli Beese G.m.b.H.“ in Berlin-Johannisthal mit Unterstützung von Kommerzienrat Karl August Lingner, dem Erfinder des Odol-Mundwassers. Sie baute, schraubte und pflegte ihre drei Maschinen selbst. Später heiratete sie ihren Flugchef, den Franzosen Charles Boutard. Im August 1914 wurde ihr diese Ehe zum Verhängnis, denn mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurden sie und ihr Mann als „Feinde des Deutschen Reiches“ eingestuft. Flugschule und Werkstatt wurden ihnen weggenommen und das Paar nach Wittstock verbannt. Mittellos und hungernd musste sie dort von Almosen der Bevölkerung leben. Erst 1925 kamen sie nach Johannisthal  zurück, wo sie ihre entzogen Fluglizenz neu erwerben wollte. Leider erlitt sie dabei eine Bruchlandung. Eine Klage gegen die Enteignung ihrer Flugschule gewann sie zwar, aber mit der Auszahlung von 80.000 RM inmitten der Inflation war dieser Erfolg praktisch wertlos. Kurze Zeit später wurde ihre Ehe zu Charles Boutard geschieden. Mit 39 Jahren setzte die einst bewunderte erste Fliegerin Deutschlands ihrem Leben im Dezember 1925 ein Ende.                   

Norbert Scholz