Ist Deutschland bald das Wirtschafts- MUSEUM der Welt?

Interview mit dem Präsidenten des Landesverbandes Sachsen des Bundesverbandes der Mittelständischen Wirtschaft (BVMW), Dr. Jochen Leonhardt (GF ST Treuhand, Lincke und Leonhardt KG, Wirtschaftsprüfungsgesellschaft), über die aktuelle Wirtschafts- und Finanzlage, die Banken- und die Ölkrise, das wirtschaftliche Fiasko, auf das wir ohne Verbesserung der Rahmenbedingungen zusteuern, und die Chancen, die das Land und jeder Einzelne hat, auch in Zukunft im globalen Markt zu bestehen.

Wie sieht die Entwicklung auf den Finanzmärkten aus?
Zwischen 2005 und 2006 sah es sehr gut aus, die Geschäfte florierten und die Aussichten waren positiv. Bis zur großen Bankenkrise vor 18 Monaten.

Alle sprechen von der größten Bankenkrise seit dem Zweiten Weltkrieg …
Das stimmt. Es gab vor dem Weltkrieg die Wirtschaftskrise, danach mehrere Börsencrashs und Konjunkturkrisen und die Krise am Neuen Markt im Jahr 2000. Aber eine globale Krise solchen Ausmaßes gab es nicht. Man muss sich die Dimension klarmachen: Die Bundesanstalt für Finanzdiensleistungen (Bafi n) schätzt die Verluste auf 600 Milliarden Euro.

Und die deutschen Banken hingen alle mit drin …
Richtig, viele der deutschen Großbanken in Deutschland waren betroffen. Die ersten Finanzprodukte (Subprimes) waren auch gut. Der Immobilienmarkt der USA versprach eine hohe Bonität und Rendite und es wurden sehr freigiebig Hypotheken ausgegeben. Da die Verschuldung der Haushalte stieg und die Immobilienpreise fielen, statt zu steigen, fielen viele Kredite aus. Die Banken mischten diese schlechten Risiken mit anderen Finanzprodukten, aber trotzdem war das Debakel nicht aufzuhalten.

Wie kann so etwas passieren? Die Verantwortlichen sind doch Profis auf ihren Gebieten und sollten solche Entwicklungen einkalkulieren.
Solche Krisen entstehen wie eine Lawine. Die Rating-Agenturen haben die von den Banken zusammengestellten Risikopakete zu gut eingeschätzt, die Banker haben den Urteilen vertraut und so kam alles ins Rollen. Als abzusehen war, was passiert war, hat keine Bank gewagt, den ersten Stein zu werfen. Es hätte auch nichts mehr gerettet, die Krise wäre nur zeitiger eingetreten. Somit war die Lawine nicht aufzuhalten. 

Sind der Ex-Finanzminister und der ehemalige Ministerpräsident Opfer dieser Krise?
Sie haben den politischen Preis dafür bezahlt. Das sehr hohe Risiko wäre vermeidbar gewesen. Das Problem heute ist, alle wollen schnelles Geld verdienen. Die Landesbanken waren lange Zeit die Refi nanziers der Sparkassen. Dann begannen sie, eigene Geschäftsmodelle zu entwickeln. Die Landesbanken gehören meiner Meinung nach auf den Prüfstand. Die Krise der Sächsischen LB war auch dem fehlenden Geschäftsmodell geschuldet.

Und vorhersehbar?
Natürlich. Die Sächsische Landesbank ist überdimensionale Risiken eingegangen – 40 Milliarden Euro. Selbst drei Prozent Verlust hätten 1,2 Milliarden betragen, das allein hätte die Bank nicht verkraftet. Bei dem Fonds haben sie auf 10.000 US-Häuslebauer gesetzt und haben dieses Investement selbst mit einem kurzfristigen Kredit refi nanziert. Keiner hat geglaubt, dass die Ami-Schuldner so schnell zahlungsunfähig werden. Aber es ist passiert …

Kann man solche Fälle zukünftig vermeiden?
Wir brauchen strengere Regeln. Es geht zum Beispiel nicht, dass die Tochter einer Landesbank in Irland unglaubliche Geschäfte tätigt und die Muttergesellschaft dafür haftet und dies in den Bilanzen nicht klar und deutlich erscheint. Da muss die Politik ran.

Was für Auswirkungen hatte oder hat die Krise auf die sächsische Wirtschaft?
Die Kredite wurden knapper und die Zinsen stiegen. Vor allem der Mittelstand hat weniger Möglichkeiten für Investitionen, weil die Banken bei Kreditvergaben einen bestimmten Anteil an Eigenkapitel brauchen. Die Auswirkungen der Krise für uns hier greifen erst jetzt und in den nächsten zwei bis drei Jahren, weil viele Finanzierungen vorher schon gestanden haben. Jetzt wird es schwer für mittelständische Unternehmen in Sachsen und in ganz Deutschland.

Schlimm genug, dass die Ölkrise zusätzliche Probleme verursacht. Es gibt viele Thesen über die Ursachen. Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe?
Es ist die Spekulation, nicht der Mangel. Die Frage ist, ob mit lebenswichtigen Rohstoffen in so großem Maße spekuliert werden darf.

Kann man etwas dagegen tun?
Es gibt dagegen leider kein Rezept. Es gilt die Freiheit des Handels. Der Handel mit Rohstoffen ist immermal turbulent. Das Kupfer geht immer mal nach oben oder nach unten, Lebensmittelpreise auch. Aber bei manchen Industrierohstoffen merkt der Endverbraucher das nicht. Bei jeder Schwankung des Öls ist der Einzelne betroffen und persönlich involviert.

Und dann ist da noch die Steuer …
Stimmt. Der hohe Steueranteil macht das Öl hier besonders teuer. Bei jeder Preiserhöhung verdient der Staat mit. Wie gesagt, die Spekulationen sind der größte Preisbestimmer. Die OPEC versucht schon immer die Förderungen dem Markt anzupassen. Die OPEC sagt übrigens auch, sie wäre mit dem halben Ölpreis zufrieden. Daran liegt es also nicht.

Schwächt die Abhängigkeit von den öl- und gasfördernden Ländern Deutschland?
Wenn die fördernden Länder dann auch noch eine eigene Industrie aufbauen, wie in Russland, ja. Im Moment kaufen wir die Rohstoffe, aber produzieren noch selbst. Wenn das nicht mehr nötig ist, bekommt Deutschland ein Problem.

Hat Deutschland nicht schon längst ein Problem? Unabhängig von den Rohstoffen, wenn ich mir die rasante Entwicklung in Indien, China, überhaupt dem asiatischen Raum, den arabischen Ländern und Russland anschaue – wird Deutschland bald das wirtschaftliche Museum der Welt?
Sie haben recht, wir müssen sehr aufpassen, den Anschluss nicht zu verlieren. Im Moment sind wir noch Export-Weltmeister. Aber gerade einer unserer Hauptzweige, die Maschinenbauindustrie, profi tiert im Moment noch von den genannten Ländern, die dabei sind, ihre eigene Industrie aufzubauen. Irgendwann sind die entweder damit fertig oder selbst so weit, sich die entsprechenden Maschinen zu bauen. China wird uns wohl schon im nächsten Jahr im Export überholen. Auf vielen Gebieten droht, dass wir den Anschluss verlieren.

Sind unsere Politiker und Wirtschaftsgrößen denn blind für die internationale Entwicklung oder kann man das Problem gar nicht mehr komplex angehen und sie wollen keine Panik machen?
Man kann die Probleme kaum komplex in den Griff bekommen. Auf dem Weltmarkt ist jetzt der Endpreis gefragt. Der Preis bestimmt. Und wenn Länder wie China jetzt zum Preis auch zunehmend Qualität bieten, wird es für Deutschland schwer.

Wegen dem hohen Lohnaufwand, der Steuer- und Abgabenlast?
Ja. Wenn heute ein Arbeitnehmer 2000 Euro netto verdient, kostet das den Arbeitgeber 4437 Euro brutto. Das steht in keinem Verhältnis. Wenn Sie einem Handwerker 13 Euro zahlen, kostet den Unternehmer diese Handwerksstunde insgesamt zwischen 35 und 40 Euro beim Endkunden. In China kostet diese Stunde aber nur 1 Euro. Außerdem steigen bei uns die gesundheitsfördernden Kosten und die Soziallasten.

Wie lange wird es dauern, bis wir kollabieren?
Das werden wir nicht. Aber es muss sich schnell viel ändern. Im theoretischen Fall, dass nichts geändert würde, würde es 10 bis 15 Jahre dauern, bis wir nicht mehr wettbewerbsfähig sind.

Was sind jetzt die drei wichtigsten Schritte, um das zu vermeiden?
1.Bildung, 2. Abgaben runter und 3. Entbürokratisierung.

Das Thema Bildung wird immer wieder pseudomäßig diskutiert. Aber außer viel Aufregung, Wahlkampfthemen und Talkshows scheint nichts dabei herauszukommen. Wie sähe Ihr Lösungsansatz aus?
Wir müssen mit der Ausbildung früher anfangen, Vorschulen einrichten und früh Talente erkennen und fördern. Außerdem müssen die Natur- und Ingenieurwissenschaften den jungen Leuten attraktiv gemacht werden. Dann muss zeitig genug sondiert werden, wer die Praxisnähe und wer die Wissenschaftsnähe bevorzugt. Wir müssen früh spezialisieren. Die aufstrebenden Länder investieren alle in Bildung. Das ist das Potenzial.

Haben wir noch weitere Chancen, uns dem internationalen Wettbewerb auch in Zukunft zu stellen?
Wir müssen Spitze in den Innovationen bleiben und dürfen die Lizenzen für Patente nicht so schnell ins Ausland oder an die großen internationalen Konzerne verkaufen. Wir müssen es schaffen, stets die beste technische Lösung zu bieten und die Hochschulen und die Industrie müssen besser zusammenarbeiten.

Auf welchen Gebieten können wir noch führen?
Wir sind gut und haben weiter Chancen in der Biotechnologie, der Gentechnologie, der Solartechnik, den erneuerbaren Energien und dem Maschinenbau. Mit entsprechender Nachwuchsförderung können wir da nach wie vor mithalten. Aber die Politik muss bessere Rahmenbedingungen schaffen.

Wie sehen Sie die wirtschaftliche internationale Neuordnung?
Sie haben die arabischen, asiatischen Länder und Russland schon genannt. Wir müssen für die Araber ein guter Exportpartner zum Beispiel im Bereicht der Gesundheitsindustrie bleiben und Russland ein guter Partner. Ganz wichtig ist, dass die EU ein starker Wirtschaftsraum wird.

Das sieht bei dem bürokratischen Hickhack in der EU nicht wirklich so aus …
Die EU muss ihr Image als bürokratisches Monster ablegen. Momentan bremst die EU mehr, als das sie fördert. Sie sollte der Verkäufer der Leistungskraft Europas sein und ein gutes, motiviertes Umfeld für wirtschaftlichen Aufschwung.

Bis die EU so weit ist, könnte dieses gute, motivierte Umfeld doch schon mal in Deutschland bzw. Sachsen aufgebaut werden.
Wir denken immer noch, unser Wohlstand ist Gottgegeben und es bleibt immer so. Jedes Land und jede Branche hat seine eigenen Interessen. Wir brauchen ein Umfeld, das Dynamik schafft und die Wirtschaft entfesselt.

Was würden Sie jedem Einzelnen in diesem Zusammenhang sagen wollen, der täglich an der Basis kämpft?
Gemeinsam sind wir stark. Wir sollten die Gemeinschaft stärken, Netzwerke aufbauen und Projekte angehen, die für alle von Nutzen sind. Mit wirtschaftlichem Geschick, Kreativität und Mut zu Innovationen lässt sich viel stemmen. Es gibt schon viele sächsische Unternehmen, die sich dem internationalen Export stellen. Wir haben wirtschaftlich ein hohes Niveau, darauf sollten wir stolz sein und aufbauen.

Das Interview führte Anja K. Fließbach