Und auf dem Dach ein nackter Mann

Dirk Gruhn (41), Hotelmanager art‘otel Dresden

Er schockierte seine Eltern, als er kurz vor dem Abitur die Schule abbrach, um Page zu werden. Acht Jahre trainierte er chinesisches Boxen – ein gefährlicher Sport, der ihn wesentlich geprägt hat. Er arbeitete bei allen großen Hotelketten der Welt und boxte sich bis an die Spitze durch. Seit zweieinhalb Jahren ist er Hotelmanager des art‘otels Dresden – eine Liebe auf den ersten Blick.

Ich hab mich noch nie so wohl gefühlt in einer Stadt“, wundert sich der gebürtige Hannoveraner selbst ein bisschen, wenn er an seinen ersten Dresden-Besuch zurückdenkt. Das war im Januar 2005, und Gruhn kam nicht als Tourist. Er wollte ein Wochenende lang prüfen, ob er künftig das art‘otel leiten möchte. Seine Entscheidung fiel schnell. „Ich sagte sofort Ja. Vier Wochen später habe ich schon hier gearbeitet“, erinnert er sich. „Dass Dresden im Vergleich mit anderen Städten eher wie ein Dorf wirkt, stört mich nicht“, sagt er. Die Mentalität der Sachsen und das Entwicklungspotenzial der Stadt inspirieren ihn. „Das Umland ist traumhaft, und die Lage am Fluss liebe ich besonders“, schwärmt er. Auch das besondere Hotelambiente verfehlte seine Wirkung nicht. Das Haus ist dem Künstler A.R. Penck gewidmet und zeigt über 750 Originalarbeiten von ihm. „Als ich hierher kam, hatte ich von Kunst nicht viel Ahnung“, gibt Dirk Gruhn zu. Den in Dublin lebenden Penck würde er gern irgendwann persönlich kennenlernen. Schmunzelnd erzählt er die Geschichte der sechs Meter hohen Penck-Statue: „600 Meter von der Semperoper entfernt einen nackten Mann aufs Dach zu stellen, soll damals einige Diskussionen ausgelöst haben. Aber manchmal muss man provokativ sein, um für neue Sachen offen zu sein.“ Das ist das Stichwort für die legendären Tiefgarage-Partys der 90er-Jahre, die in seinem Haus stattfanden. „Ich werde immer wieder danach gefragt und würde die Partys gern wieder aufleben lassen, sobald sich ein geeigneter Partner findet“, kündigt er an.

Dirk Gruhn hat eine typische Hotellaufbahn hinter sich. Die spontane Lust auf die Hotellerie machte ihm ein Freund, der als Page arbeitete. „Ich hab keine Lust mehr auf Schule, ich muss was tun“, stellte er in der 12. Klasse fest und brach kurz vor dem Abitur die Schule ab. „Meine Eltern fanden das nicht witzig.“ Aber er wusste, was er wollte und bereute diesen Schritt nie. Nach einer Ausbildung zum Hotelkaufmann wechselte er, wie es in seiner Branche normal ist, alle zwei, drei Jahre mit der Stadt auch seine Position. Stationen in Mainz, Bonn, Köln, Hannover wechselten sich ab, ehe ihn der Job für zwei Jahre nach Florida führte, wo er ein Hotel leitete. Zwischendurch betrieb er zwei Jahre ein eigenes Restaurant in Köln. Das Fachwerkhaus in Rheinnähe ging im wahrsten Sinne des Wortes baden. Gruhns Existenz als Selbstständiger war damit beendet. Doch Aufgeben war zu keiner Zeit ein Thema für ihn. „Ich hatte dort zwar eine schlechte Zeit, aber ich konnte sehr viele wertvolle Erfahrungen sammeln.“

Seine Wanderjahre möchte Dirk Gruhn am liebsten beenden. „Ich würde gern für immer in Dresden bleiben.“ Gemeinsam mit seiner Frau, einer Arzthelferin, und drei Kindern fühlt er sich heimisch in sächsischen Gefilden. „Ich bin zum zweiten Mal verheiratet, da weiß man, worauf es ankommt“, sagt der Mann mit ruhiger Stimme. Er verbringt so viel Zeit wie möglich mit seiner Familie, macht seinen beiden größeren Kindern morgens die Schulbrote oder wickelt den Kleinsten. Das ist bei einem durchschnittlichen Elfstunden-Arbeitstag nicht leicht. Kein Tag ist wie der andere, doch er beginnt mit einem Frühstück im Hotel – aus Kontrollgründen. „Für die Gäste ist das Frühstück mit am wichtigsten, das muss perfekt sein.“ Es folgen Meetings, Telefonate und Gespräche mit Kollegen oder Fahrten zur Zentrale nach Berlin. Läuft ein Monat, werden bereits die nächsten Monate geplant. Gestresst wirkt Dirk Gruhn nicht. Es sind die kleinen Dinge, die ihm Kraft geben. Das mag an seinem Lebensmotto liegen: „Es gibt keine Probleme, nur Herausforderungen.“ Niemals den Kopf hängen zu lassen, hat er verinnerlicht. Seit er jahrelang Kampfsport betrieb, interessiert er sich für Buddhismus und möchte irgendwann Asien hautnah erleben. „Wenn man jeden Tag von früh bis abends im Hotel verbringt, verliert man den Blick dafür, deshalb muss man auch mal loslassen.“ Das sagt er auch seinem Team und beginnt in seiner knappen Freizeit gerade wieder, regelmäßig Sport zu treiben. Fußball und Squash. Seinen eigenen Urlaub verbringt er am liebsten, „wo man abschalten, aber auch etwas unternehmen kann“. Luxus ist ihm dabei nicht so wichtig. „Es zählt, dass für jeden etwas dabei ist.“

Dagmar Möbius