Was denkt Thilo Sarrazin jetzt?

 Bei unserem Gespräch während Ihrer Tour durch Sachsen hatten Sie mich gebeten, zum besseren Verständnis Ihrer Thesen Ihr Buch vollständig zu lesen. Das habe ich getan.
Na gut, da haben Sie sich die Qualifi kation für Fragen erworben.
Sehr großzügig! Wie geht es Ihnen mit dem plötzlichen Zuwachs an Öffentlichkeit?
Ich war auch schon vor dem Buch in Berlin eine öffentliche Person, jetzt bundesweit. Ich gehe damit gar nicht um. Ich registriere das aus den Augenwinkeln. Das war´s. Das Leben geht normal weiter.
Was ist das Schöne an der Öffentlichkeit?
Das ist eine philosophische Frage. Wer bekannt ist, hat natürlich einen Hebel, weil die eigene Meinung gehört wird.
Was hat Ihnen auf der Rundreise durch Sachsen besonders gefallen?
Die Sachsen sind ein sehr aufmerksames, ernsthaftes Volk. Sie sind interessierte Zuhörer und stellen gute Fragen.
Manchmal werden Sie missverstanden, als hielten Sie Ostdeutsche für dümmer als Westdeutsche.
Aus meinen Äußerungen im Buch ist das nicht zu erkennen.
Wie kam es zu dem Buch?
Ich war in Berlin vor einigen Jahren Finanzsenator, fing an mit einem Haushaltsdefi zit von 5,2 Milliarden Euro, arbeitete dort sechs Jahre hart und hatte auf einmal aufgrund einer sehr guten Konjunktur Ende des Jahres 2007 zum ersten Mal einen Haushaltsüberschuss. Das hatte von den Berlinern keiner erwartet. Man kann nicht sechs Jahre lang Finanzsenator sein, ohne wiederholt mit den Zähnen zu knirschen über all die Missstände, die man sieht. Wenn man aber etwas an den Missständen ändern will, kann man auch nicht ununterbrochen alles sagen, was einen stört, sonst ist man nicht mehr lange im Amt. Das ist kein Vorwurf. Das ist eben so. Nun, hatte ich mir gesagt, hast du ein Zeitfenster, in dem du ungestraft mal das sagen kannst, was sonst nicht möglich ist.
Wann konnten Sie etwas sagen?
Ich habe die Jahreswende 2007/2008 benutzt, einige Dinge zur Bildungspolitik zu äußern, die vielleicht sonst in dieser Offenheit nicht
gesagt werden. Daraufhin sprach mich im März 2008 der Verlag DVA an, ob ich nicht ein Buch über den deutschen Sozialstaat schreiben
will. Darüber hatte ich noch nicht nachgedacht. Ich habe einige Wochen überlegt und mit dem zuständigen Abteilungsleiter des Verlags
gesprochen. Dann begann ich aufzuschreiben. Aber das Buch, das ich eigentlich schreiben wollte, konnte ich bestimmt nicht als Finanzsenator verlegen lassen. Das ging nicht. Wenn das Buch verlegt wird,

Was sorgte Sie?
Was mich sorgte, war die demografische Entwicklung in Deutschland.
Drei Trends lösten meine Sorge aus. Sie stellen in der Summe das Problem dar, um das es geht. Ich fange an mit Altbekanntem, das
wir immer vergessen, damit, was es in seiner Konsequenz heißt. Es ist normal, dass die Kinderzahl fällt, wenn der Wohlstand steigt. Die Statistik sagt, dass eine Bevölkerung dann konstant bleibt, wenn es pro Frau durchschnittlich 2,1 Kinder gibt. Dieses Niveau war etwa erreicht in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Es gab Einwirkungen von Kriegen und Wirtschaftskrisen. Das aber war es zumindest bis Mitte der Sechzigerjahre. Dann sank in ganz wenigen Jahren von 1960 bis 1970 die Zahl der Geburten pro Frau von 2,1 auf 1,4 Kinder in Westdeutschland. Dort ist sie bis heute.
Wie war das in der ehemaligen DDR?
In der ehemaligen DDR verlief es ein bisschen anders. Da sank die Kinderzahl. Da hatte die Regierung sowieso Ängste wegen der Republikflucht, weil viele abgewandert sind bis zum Fall der Mauer.
Es gab eine Reihe kinder- oder geburtenfreundlicher Maßnahmen. Die Wohnungsfrage war leichter zu lösen, wenn man Kinder hatte.
Kurzum, es gab etwas mehr Kinder in der ehemaligen DDR. Ab dem Jahre 1990 passte sich das dann auch ganz schnell an das westdeutsche Niveau an. Seit zehn Jahren gilt wieder die alte Regel 1,4 Kinder pro Frau.
Was bedeutet das?
Nun mag man denken, das ist doch jetzt auch nicht so wahnsinnig schlimm, 1,4 Kinder sind auch etwas. Nur muss man sich überlegen,
was das bedeutet. Das heißt nämlich, dass jede Generation um ein Drittel kleiner ist als die davor. 1,4 Kinder pro Frau heißt 0,65 Töchter pro Frau. Nur die Töchter bekommen Kinder. Die Zahl der Töchter pro Kind ist dann die Nettoreproduktionsrate. Kein schönes Wort, aber ein Fachbegriff. Das bedeutet, dass jede Generation um 35 Prozent kleiner ist als die davor. Wenn die Generation 1 100 hat, wird die nächste Generation 65, die Generation danach 47, dann 28 Prozent haben. So geht es weiter. In wenigen Generationen hat sich ein Volk, ein Staat, eine Gesellschaft aufgelöst, weil es dann keine Menschen mehr gibt.
Das ist keine Theorie, sondern es hat sich bei uns bereits teilweise vollzogen. Der Jahrgang 1965 hatte in Deutschland 1,3 Millionen Geburten gehabt. Heute haben wir 1,4 Millionen im Alter von 45 Jahren unter uns, die in dem Jahr geboren wurden. Dazu kamen noch ein paar Zuwanderer. Mein Geburtsjahrgang hatte 1,1 Millionen, der Geburtsjahrgang 2010 650.000. Was heißt das? Mein Geburtsjahrgang 1945, der vor einem Jahr das gesetzliche Ruhestandsalter erreichte, trat mit 20 ins Arbeitsleben. Der Jahrgang 1990 war noch knapp 900000 Geburten stark. Alle Welt redete gleich vom Arbeitskräftemangel. Wie geht das weiter?
Der Jahrgang 1965, jetzt 45 Jahre alt, tritt in 20 Jahren in den Ruhestand. Dann gehen 1,3 Millionen Menschen aus dem erwerbsfähigen Alter raus. Es rücken 650000 nach. Da kann man sehen, wie das so weitergeht. Das ist der erste Weg, wie sich Deutschland abschafft, ganz einfach, indem jede Generation ein Drittel kleiner ist als die davor. Das ist ein Prozess, den wir uns in größter Ruhe anschauen, weil wir aus irgendeinem Grund meinen, uns beträfe er nicht. Das ist richtig. Wenn die Dinge eintreten, wie sie eintreten, sind wir alle, die wir da sind, nicht mehr vorhanden. Bis auf die Sorge, dass genug Menschen da sind, die unsere Renten bezahlen, war es das für uns gewesen. Insofern ist die Gesellschaft als Kollektiv von dieser Entwicklung wenig betroffen. Bisher haben
wir auch nur die positiven Seiten der Entwicklung gehabt. Wir haben den Jahrgang 1965 mit den meisten Geburten, der jetzt in Saft
und Kraft steht, der in Führungspositionen als Vorstandsvorsitzender Posten besetzt, Parteivorsitzender wird, was auch immer. Das ist der Jahrgang der Norbert Röttgen, der hat das Alter.
Also fehlt uns der Nachwuchs …

Das hat aber auch Vorteile. Es gibt weniger lärmende Kinder in den Straßen. Es gibt weniger Posten für Lehrer an den Schulen. Man kann die eine oder andere Einrichtung schließen. Damit fallen Kosten weg. Der stärkste Jahrgang ist noch in Saft und Kraft. Der Prozess geht weiter. Eine Gesellschaft, die älter wird, verändert auch ihren Stil und ihren Charakter. Ein 75-Jähriger hat andere Eigenschaften und Fähigkeiten als ein 45-Jähriger, der wieder andere als ein 25-Jähriger. Bei aller Seniorenfreude sollte der Nationaltorwart vor der Vollendung des vierzigsten Lebensjahres aus dem aktiven Berufsleben ausscheiden.
Ähnliches gilt für einen Dachdecker und andere Tätigkeiten, innovative Tätigkeiten insbesondere. Das Alter, in dem man Einfälle hat, liegt zwischen 25 und 35. Fragt man Nobelpreisträger, die mit 50, 55 ihren Preis bekommen, wann sie den Einfall hatten, für den sie letztendlich den Preis bekamen, ist das fast immer so, dass man den in der Jugend mit der optimalen Ausbildung irgendwann zwischen dem 25. und 35. Lebensjahr bekam. Wenn wir jetzt älter und weniger werden, oder diejenigen weniger, die innovativ denken und künftige Erfindungen machen, ist es nicht egal, wenn ein 80-Millionen-Volk durchschnittlich 45 Jahre alt ist, in weiten Teilen der dritten Welt 13 Jahre ist oder in wenigen Jahren über 50 ist wie in Deutschland. Wir schaffen uns nicht nur in dem Sinne ab, dass wir weniger werden, sondern wir schaffen uns auch in dem Sinne ab, dass die Zahl derjenigen, die das innovative Element in der Gesellschaft bilden, was weitgehend an der Jugend hängt, noch stärker absinkt als der Rest der Bevölkerung.
Ein wichtiger Ansatz in Ihren Ausführungen ist die Bildung …
Das zweite Element ist, dass sich die Zahl der Geburten, die sowieso für die Bestandserhaltung niedrig ist, sich nicht gleichmäßig auf die Bevölkerung verteilt. Wir haben seit vier Jahrzehnten den Umstand, dass die Menschen mit einfacher Bildung, insbesondere aber auch Menschen, die man als bildungsfern bezeichnet, durchschnittlich deutlich mehr Kinder haben als der Durchschnitt,
während Menschen mit hoher Bildung weniger Kinder haben. Ich will dazu nur ein paar Zahlen vortragen.
Wenn man sich die Jahrgänge der Frauen, die heute vierzig und älter sind, anschaut, das sind Jahrgänge, in denen man normalerweise keine Kinder mehr bekommt, und die untersucht und nach den Kategorien des Statistischen Bundesamtes nach einfacher,
mittlerer und hoher Bildung sortiert, sieht man – es gibt im Durchschnitt 1,4 Kinder, das hatten wir bereits genannt – Frauen mit einfacher Bildung haben durchschnittlich 1,83 Kinder, Frauen mit mittlerer Bildung 1,4, mit hoher Bildung, mit dem Abschluss Techniker oder Ähnlichem 1,2, Frauen mit Universitätsabschluss liegen bei weit unter 1. Nun ist es so, dass so wie Haarfarbe, Augenfarbe, Körpergröße und anderes auch die Eigenschaften des Gehirns zum großen Teil erblich sind. Die Wissenschaftler streiten,
ob die geistigen Fähigkeiten zu 50 oder 80 Prozent angeboren sind.
Das ist egal. Ein ganz großer Teil ist angeboren. Die geistigen Fähigkeiten des Menschen bestimmen auch weitgehend seine Bildungslaufbahn und den Lebenserfolg. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die beim Menschen gemessene Intelligenz mit seiner Lebensstellung, seiner beruflichen Stellung und seinem Einkommen korreliert. Wenn sich letztlich die Geburtenzahlen auf die unterschiedlichen Schichten unterschiedlich verteilen, ist das für den Teil der Intelligenz, der angeboren ist, auf lange Sicht nicht ohne Einfluss, wie bei anderen auch.
Wenn jemand Pferdehalter ist und Schimmel und Rappen hat, weiß man, dass sich das natürlich vererbt. Dann gibt es Mischungen, die
sind gefleckt. Aber logisch ist, wenn der Schimmel sich anders fortpflanzt als die Rappen, wächst der Rappenanteil. Umgekehrt wächst
der Schimmelanteil. Das ist wertfrei und gilt auch für den Menschen.
Dazu kommt, dass geistiges Interesse, geistige Fähigkeiten, geistige Eigenschaften nicht nur teilweise vererbt werden.
Der Mensch ist sehr biegsam ...
Ja, im Wesentlichen braucht er eine sehr gute Bildung und auch eine Motivation, um aus den Eigenschaften etwas zu machen. Man erbt die Möglichkeiten, etwas zu leisten, etwas zu lernen. Hier ist das nächste Element, das ist die kulturelle Vererbung. Deshalb sind Sachsen trotz heftigster Bemühungen in der DDR, Mecklenburger nach Sachsen zu versetzen und Sachsen nach Mecklenburg, so anders als die Mecklenburger, was ich jetzt gar nicht im Sinne einer Wertung sage. Es liegt einfach daran, dass die Mecklenburger ihre kulturellen Traditionen haben, die sie an ihre Kinder weitergeben, die Sachsen auch ihre Traditionen haben, die sie an ihre Kinder weitergeben. Also haben die Sachsen eine andere Mentalität als die Mecklenburger, was beide, wenn sie zueinander kamen, leidvoll gespürt haben. Ulbricht war bekanntlich Sachse. Wie auch immer, es gibt neben der physischen Vererbung auch eine kulturelle Vererbung. Menschen geben an ihre Kinder ihre Werthaltungen weiter. Sie geben auch die Haltung weiter, dass der Fleiß im Leben wichtig ist oder nicht. Sie geben die Haltung weiter, dass Bildung wichtig ist oder nicht. Das prägt wiederum die Lebenseinstellungen
ihrer Kinder. Der Anteil bildungsferner Schichten an den Geburten wächst. Bei uns in Deutschland hat das aus den dargestellten
Gründen Einfl üsse auf den Bildungswillen und die Fähigkeiten der nachwachsenden kleiner werdenden Generation.
Können Sie das belegen?
Dass wir hier einen negativen Trend haben, dafür gibt es überwältigende statistische Belege, über die nur keiner redet, weil es auch keine einfachen Antworten gibt. Das westdeutsche Unternehmen BASF macht für seine Lehrlingsausbildung in Deutschland seit Mitte der Siebzigerjahre mit Lehrlingsbewerbern denselben Test, der Rechtschreib- und der Rechenkenntnisse. Dieser Test wird seit Mitte der Siebzigerjahre kontinuierlich ausgewertet, wie hoch der Anteil falscher und richtiger Antworten ist, der Anteil der Rechtschreibfehler in Diktaten usw. In diese Testauswertung werden nur die Bewerber einbezogen, die ihre gesamte Schullaufbahn in Deutschland verbracht haben. Wer also als marokkanisches oder portugiesisches Kind im Alter von acht, neun Jahren zu uns in die Schule kam, wurde nicht in die Testauswertung einbezogen. Hier zeigt sich seit Mitte der Siebzigerjahre bei diesen Bewerbern für die Ausbildung als Facharbeiter bei BASF ein kontinuierlicher Rückgang der Testergebnisse. Das sind Indikatoren. Unsere Jugend wird nicht nur weniger, der fachliche und geistige Standard sinkt.

 

So weit der erste Teil des Interviews. In der nächsten Disy lesen Sie die Fortsetzung, in der Sarrazin zu Zuwanderung und Integration Stellung bezieht.

 

Geboren wurde Thilo Sarrazin am 12. Februar 1945. Aufgewachsen ist er in Recklinghausen als ältester Sohn eines Arztes in einer
achtköpfi gen Familie. Sarrazin ist verheiratet und hat zwei Söhne. Sein Weg als studierter und promovierter Volkswirt führte ihn durch das Bundesfinanzministerium, das Bundesministerium für Arbeit und Soziales, den internationalen Währungsfond IWF, die Treuhandanstalt, Treuhandliegenschaftsgesellschaft. Er leitete im Finanzministerium das Referat, das 1989/90 die deutsch-deutsche
Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion vollendete. Er war zeitweise bei der Deutschen Bahn tätig als maßgeblicher Mittler des Volksaktienmodells. Als Berliner Senator für Finanzen schaffte Thilo Sarrazin es erstmalig in der Geschichte des Landes Berlin einen Haushaltsüberschuss auszuweisen. 2009 wechselte Thilo Sarrazin vom Berliner Senat in den Vorstand der Deutschen Bundesbank.
Im September 2010 bat Thilo Sarrazin beim deutschen Bundespräsidenten um seine Amtsentbindung, der dieser zustimmte und ihn zum 1. Oktober 2010 aus dem Vorstand der Bundesbank entließ.