Ich bin dem Lachen hinterher gelaufen

Was ist das Besondere an Ihrem Poetentreffen?

Hoppe: Wenn ich eine Lesung mache, müsste ich hinter dem Dichter zurückstehen. Aber ich benutze ihn, um einen schönen Abend zu gestalten. Denn ich habe festgestellt, die Leute kommen zu mir, wollen auch meine Sichtweisen kennenlernen, gern zum Lesen angeregt werden und vor allem auch erkennen, dass die Großen wie Goethe und Lessing auch Menschen voller Widersprüche sind.


Ihr Vater war Bäcker, Sie selber auch.

Hoppe: Ja, Pferdepfleger, Bäcker und Schauspieler war ich. Wir lebten am Südharz in Ellrich und hatten eine kleine Kuhbläke, eine klitzekleine Landwirtschaft, in der Kühe alles sind. Wenn wir keine Brötchen verkaufen konnten, haben uns unsere Kühe ernährt. Schon als 13-Jähriger habe ich mit unseren Kühen gepflügt und die Felder bestellt. Auf Liese, meiner Lieblingskuh, habe ich auch das Reiten gelernt. Ein eigenes Pferd war immer mein Traum. Wenigstens wollte ich mit Pferden arbeiten und wurde mit 14 Jahren Kutscher, Pferdepfleger, auf der Domäne Wiediges Hof bei Walkenried. Da gab es auch Milch und Quark für mich.

 

Das war nach Kriegsende?

Hoppe: Wir hatten alle Hunger als der Krieg 1945 zu Ende ging. Ich lebte mit drei Frauen - meiner Mutter und meinen beiden Großmüttern. Die sagten: „Wenn Papa aus der Gefangenschaft kommt, musst du ihm zu Hause in der Bäckerei helfen.“ Ich kam bei Meister Apel in Ellrich in die Lehre. Am ersten Arbeitstag habe ich 13 dunkle Kleie-Brötchen verdrückt. Endlich konnte ich mich satt essen. Außerdem habe ich immer ein Brot für meine Frauen zu Hause gekriegt.
Nach dem Krieg war das Lachen gestorben. Mir fiel ein, dass mein Vater mir mal gesagt hatte: „Der liebe Gott hat uns für die Mühseligkeiten des Lebens die Hoffnung, den Schlaf und das Lachen geschenkt.“ Dass der Mensch lachen muss, sich am Leben freuen muss, wurde als Schauspieler zur Botschaft für mich. Die Lust am Leben wurde für mich das Wichtigste.

 

Seitdem wollten Sie Menschen zum Lachen bringen?

Hoppe: Ich wollte Clown werden. Ernst Kropp, ein Freund meines Vaters, hat mich zu den Abenden der Antifa-Jugend mitgenommen, denn dass ich damals Antifaschist wurde, war ja wohl klar, nachdem ich im KZ Ellrich ,Außenlager Dora, aufräumen musste. Die Menschen wollten alle wieder lachen können und die Ellricher wieder zum Lachen bringen. Aus der Antifa-Jugend wurden die „Südharzer Jungspatzen“. Wir haben gesungen: „Das neue Leben muss anders werden“. Ich wurde Chef der Laienspieler. Wir haben in Mundart gespielt, gejodelt, getanzt und Kabarett gemacht: „Ein Schieberlein, das kam nur über Ellrich“. Das war politisches Kabarett. Alle redeten mir ein, ich solle Schauspieler werden.

 

Wie alt waren Sie da?

Hoppe: Ich war 16. Es gab damals nach dem Krieg keine Schauspieler. Ich ließ mich überreden und fiel auf der Schauspielschule in Weimar bei der Eignungsprüfung durch. In Erfurt auf dem Konservatorium gab es eine Schauspielklasse.
Ich weiß genau, dort hat man mich dann auf meinen Melchtal aus dem „Tell“ hin angenommen. Der hat geweint, geheult und gelacht.

 

Dann wurden Sie am Stadttheater engagiert.

Hoppe: Nach zwei Jahren wurde ich dann als Einziger am Stadttheater in Erfurt engagiert. Das war eine große Sache. Da ich nicht gelernt hatte, meine Stimme richtig einzusetzen, hatte ich nach einem Jahr keine mehr. Überschrien. Schluss. Die Stimmlippen schlossen sich nicht mehr. Ich ging nach Leipzig als Tierpfleger in den Zirkus „Aeros“, denn mit Pferden wollte ich leben, arbeiten. Aber das Theater hatte mich schon infiziert, und ich erfuhr, dass man bei Professor Wittsack am Institut für Sprechkunde an der Universität in Halle wieder sprechen lernen konnte. Ich hatte es geschafft und wurde auch da wieder, als man das Theater der Jungen Garde eröffnete, engagiert.

 

Welche Theater haben Sie kennengelernt?

Hoppe: Nach Erfurt Halle, Greifswald, Leipzig, Gera, als Gast dann später die Volksbühne und das Deutsche Theater Berlin.

 

Welche Bühne war die Entscheidende?

Hoppe: Jede, es waren alles Lehrjahre. In Dresden bin ich dann hängengeblieben. Im Tal der Ahnungslosen hat das Theater damals eine außerordentliche Rolle gespielt. Das war Kabarett, Oper, Lebensbalance. Die Leute sind alle ins Theater gegangen. Es gab nie eine Karte.

 

Ich hab mal einen Grafiker erlebt, der hat mir seine Bilder im Tausch gegen Theaterkarten gegeben.

Hoppe: Meine Frau hat sogar manchmal Lendchen für eine Karte gekriegt. Theater wurde gebraucht. Faszinierend! Das Dresdner Theaterpublikum war absolute Spitze in der DDR und nur noch mit Wien zu vergleichen. Wirklich großartiges komödiantisches Theater wurde hier gespielt. Es wurde ein gutes Theater gespielt. Eine Lebenshilfe. Wir kriegten kein Westfernsehen im Tal der Ahnungslosen. Theater war wichtig.

 

Sie haben hier viele Freunde gefunden.

Hoppe: In keiner anderen Stadt habe ich die Nähe zum Publikum wie hier. Deshalb hatte ich immer den Wunsch, in einem kleinen Theater, einem Theater der Nähe, zu spielen. Wir haben so viel schöne Kunstschlösser und ein Schauspielhaus, aber keine musikalische Komödie. Ich bin sehr traurig, dass Dresden als musische Stadt, als Musikstadt, keine Operette im Zentrum kriegt. Sie können sie auch Komische Oper nennen. Dass die, die so gut funktionieren und gut arbeiten, in einem Haus in Leuben sind, wo sie schwer arbeiten können. Da müssen Sie mal hinter die Bühne gehen. Da werden Sie traurig. Und da würden Sie sagen, der Hoppe wünscht sich, dass er noch erlebt, dass Dresden noch ein Operettentheater, eine musikalische Komödie im Zentrum kriegt. Das wäre schön.


Wie die Operette ist auch das Hoftheater oft ausverkauft.

Hoppe: Ich liebe kleine Theaterräume. Je näher das Theater ist, umso mehr muss alles stimmen. In diesem Theater können Sie nicht lügen. Das ist die anspruchsvollste Bühne, die es gibt. In der Nähe kann man die Leute nicht betrügen. Da muss man echtes Leben auf die Bühne setzen.

 

Nächstes Jahr beginnen die Zwingerfestspiele. Da wird „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“ gespielt. Auch August der Starke ist dabei.

Hoppe: Ich habe ihn schon gespielt, auch seinen Sohn August den Schwachen, August den Dritten. Ich freue mich, wenn die Menschen herkommen.


Dresden ist eine Stadt, die natürlich von Touristen leben muss. Sie haben fast zweihundert Theaterrollen und in über zweihundert Filmen mitgespielt, dabei war die legendäre Theaterverfilmung „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“.

Hoppe: Moritzburg ist berühmter geworden durch den Film.


Was war für Sie das Besondere an diesem Film?

Hoppe: Mich interessieren immer die Menschen. In dieser Zeit wurden die Könige alle als ein bisschen bekloppt dargestellt. Ein König durfte nicht normal sein. Ich habe den König weggelassen und habe einen Vater gespielt, der von Beruf König war. Das war die wichtigste konzeptionelle Entscheidung. Ich war als König Papa, der mit seiner Königin dasaß und Probleme mit der Erziehung des Sohnes hatte. Sie sagte: „Reg dich nicht so auf. Du hast dich genauso blöd verhalten.“ Das hat mir gefallen. 

 

Was reizt Sie an der Rolle des Vaters Wieck?

Hoppe: Der Widerspruch. Dieses ekelhafte Scheusal von einem Vater, der sich so schlimm dem genialen Schumann und seiner Tochter gegenüber benommen hat, weil er sie geliebt hat. Er sagte: „Ich habe nur ein einziges Leben zu vergeben.“ Aber zum Schluss hat er recht gehabt, dieser böse Bube. Er wurde böse, hat um seine Liebe gekämpft, weil er nicht anders konnte, weil er sein Kind so geliebt hat. Der Widerspruch der Menschen, der mich als Schauspieler durch mein Leben begleitet hat. Ich habe damals auch in der „Frühlingssinfonie“ den Vater Wieck gespielt. Das war ein Film mit dem Regisseur Peter Schamonie, der mir viel Freude gemacht hat. Ich konnte Schauspielerei nachweisen. So eine Rolle hatte ich noch nie gespielt.


Wie ging es Ihnen mit dem Göring in „Mephisto“?

Hoppe: Den wollte ich nicht machen. Ich hatte Ferien, weil ich am Theater war. Da hatte ich meinen Kindern versprochen, mit ihnen in die Ferien zu fahren. Und dann kam der Film. Da kam der Regisseur zu mir nach Dresden und sagte zu mir: „Budapest ist doch auch eine schöne Stadt. Da kann Ihre Familie auf der Margareteninsel baden.“ Da war ich geliefert.


Im „Mephisto“ hatten Sie in der Schlussszene eine Passage, in der Sie Ihre Stimme im gesamten Olympiastadion voll ausarbeiten und den Brandauer vor sich hertreiben konnten. Was ging Ihnen da durch den Kopf?

Hoppe: Gar nichts. Ich habe an die konkrete Technik gedacht, dass ich mich nicht wieder überschreie. Dass der Film „Mephisto“ natürlich ein Glücksbringer für mich war, ist klar. Ich bin immer dem Lachen hinterhergelaufen. In den Indianerfilmen habe ich die Bösen so böse gespielt, dass sie zu verlachen waren. Hier habe ich das Lachen für den General, der stellvertretend für alle Faschisten stand, als Demagogie benutzt. Göring hat sich auslachen lassen. Er hat sich selber für die Menschen verharmlost – durch die Kostüme – und war im Grunde ein böser Demagoge. Er hat sich harmlos und beliebt gemacht. Das war das Besondere am Göring für mich, dass er die freundlichen und albernen Seiten ausgestellt hat für die Leute. Ich habe gesagt: Das Böseste an einem bösen Charakter sind seine guten Seiten, seine Umkehrung, das Lachen als Demagogie. Für die Darstellung des Bösen mit freundlichem Gesicht habe ich auch in Italien, Ungarn und England Anerkennung gefunden. Eine der schönsten Anerkennungen war für mich, dass ich in Ungarn 1982 Schauspieler des Jahres wurde.


Was dachten Sie, als Sie das Bundesverdienstkreuz bekamen?

Hoppe: Ich habe mich gefreut. Es ist eine große Freude für mich, dass sich die Menschen mit mir, der ich 80 Jahre bin, noch gern unterhalten und gern zu mir kommen, nach Weesenstein und ans Hoftheater.


Weesenstein ist Ihnen ans Herz gewachsen.

Hoppe: Das Schloss Weesenstein war eine richtige Ruine. Es ist eine großeFreude, dass der Wirtschaftshof auf Weesenstein fertig wird. Seit 1991 wirdhier gebaut. Ich denke gern und dankbar an Dr. Klaus Dieter Wintermann.Er hat sich zur rechten Zeit in das Schloss verliebt. Dann hat er Menschengefunden, die das Schloss wieder zum Leben und zu altem Glanz bringenwollten. Es ist gelungen. Es ist eine Perle von Sachsens Schlössern geworden.Wir können den Menschen dankbar sein, die es so schön hergerichtethaben, wie es noch nie war.

 

Was gefällt Ihnen an Ihrem „Jahreszeiten“-Programm auf Weesenstein am meisten?

Hoppe: Das „Jahreszeiten“-Programm ist ein bisschen Reden, ein bisschen Freuen, Denken, Fühlen, ein bisschen Gänsehaut. Der Abend ist dafür da, dass Menschen sich kennenlernen und anregen. Im klassischen Sinn ist das nicht. Kennenlernen und anregen, dass die Menschen selber merken, was Literatur bedeutet und was man mit Texten machen kann. Dabei begleitet mich Wolfgang Torkler am Klavier. Er könnte mein Sohn sein. Seit zwölf Jahren muss er mich ertragen, aber ich ihn auch.

 

Es macht Ihnen Spaß, wenn Sie spüren, dass Sie den Menschen etwas geben können.

Hoppe: Der Abend soll eine kleine Freude für den Tag sein. Es geht mir darum, dass es ein schöner Abend wird und dass die Leute selber lesen. Ich würde Goethes „Osterspaziergang“ im „Faust“ anders sprechen, als wenn ich im „Jahreszeiten“-Programm die Leute damit begrüße. Die Kunst der Beredsamkeit, wie Lessing sagt. Die Interpretation, die einen eigenen Eindruck hervorbringt. Ich habe natürlich mit den Worten gespielt.

 

Und im Sommer spielen Sie wieder auf Schloss Weesenstein?

Hoppe: „Frühling, Sommer, Herbst und Winter – vier Jahreszeiten, vier Fröhlichkeiten“ sollen es immer auf Weesenstein sein. Ich freue mich auf die Dresdner, auf interessante Abende, gute Gespräche über gutes Theater und gute Literatur.