Wie viele Lügen braucht der Mensch?

Ist eine falsche Prognose eine Lüge? Ist eine Prognose eine Lüge? Ist es eine Lüge, Informationen vorzuenthalten, oder ist es taktischer Umgang mit Wahrheit?

Politik ist Handeln unter Ungewissheit. Gewinner sind die, die glaubwürdig und kompetent wirken. Vertrauen mindert Ungewissheit. Gewinner gehen mit Wahrheit und Lüge taktisch klug um. Nur wer sich auf die Funktionsweise einlässt, kann damit arbeiten und die Spielregeln beachten oder scheitern. Geht es um individuelle Ethik, kann man immer die Wahrheit sagen, aber in der Politik geht es darum, mit der Verführbarkeit der Menschen konstruktiv umzugehen. Solange eher der Schein honoriert wird als die Substanz, ist ein vorsichtiges Aussagen- und Wahrheitsmanagement Bedingung. Eine Partei kann sich ihre Wahl nicht mutwillig verbauen.

 

Wieso sollte die Politik untaugliche Mittel verwenden?

Es kann der beste Politiker nicht in Frieden leben, wenn ihm die Umwelt keinen Raum gibt. Nur ein politisch gebildetes Volk kann mehr Wahrheit vertragen.

 

Was muss getan werden für eine aufgeklärte, interessierte Öffentlichkeit?

1. Wir brauchen ein leistungsfähiges Schulfach.

Es gibt zwar ein Fach namens Gemeinschaftskunde/Wirtschaft/Recht, doch es fehlt an Stunden und Qualität. Da kann der Staat was bewirken.

2. Wir brauchen ein Angebot an systematischem Zusammenhangswissen für Erwachsene. Das können nur Journalisten bewirken. Wir haben jenen Typ von aktuellen Berichterstattungen, der das Für und Wider beleuchtet und Positionen vermittelt, aber es fehlt die Grundlage. Es fehlt eine Sendung, wie die mit der Maus, über Politik und für Erwachsene. Wie das Biotop bei einer Tiersendung erklärt wird, kann erklärt werden, wie das Biotop der Politiker und der Parteien funktioniert. Wer den Mangel nicht empfindet, hat keinen Anreiz, ihn abzustellen. Das ökologische Bewusstsein hat 20 bis 30 Jahre gebraucht. Für ein komplexes, kultiviertes politisches Bewusstsein braucht es auch so lange. Dann haben wir eine schöne aufgeklärte Öffentlichkeit.

 

Aufklärung wäre auch im Bereich Arbeit angesagt und würde wohl enthüllen, dass Vollbeschäftigung eine Illusion ist, wenn nicht sogar eine Lüge?

Ja. Da hinkt das Bewusstsein hinter dem Sein her. Die Welt hat sich radikal verändert. Durch den Rationalisierungsdruck werden so viele Arbeitskräfte durch Maschinen ersetzt, dass nicht mehr alle gebraucht werden. Im Management werden Leute freigesetzt. Unternehmen gehen ins Ausland. Und gleichzeitig ist jetzt eine perfekte Zeit für junge Leute, weil nur wenige zur Verfügung stehen. Der Staat kann die Dinge nur bedingt ausgleichen. Es ist Zeit zu akzeptieren, dass Arbeitsplätze nicht nach Lust und Laune geschaffen werden können. Es braucht immer Abnehmer, Bedürfnis, jemanden, der bezahlen will. Die Bereitschaft, die komplexen Wechselwirkungen einzusehen, lässt noch zu wünschen übrig. Das wirtschaftlich unaufgeklärte Denken lehnt die Regelkreisläufe ab. Doch Vorsicht: Aufgeklärt sein löst noch kein einziges Problem, macht aber manche Problemlösungen einfacher.

 

Würde ein bedingungsloses Grundeinkommen das Problem lösen?

Ich glaube nicht.

1. Was wäre die angemessene Höhe? Wenn es nur zum Vegetieren reicht, wie passt es dann zur Würde des Menschen?

2. Entspricht es einem unteren Mittelklasseeinkommen, sagen wir 1300 Euro, besteht kein Anreiz mehr zum Arbeiten.

3. Die Befürworter gehen davon aus, dass ohne Existenzangst die Selbstverwirklichung in Kraft tritt.

Das kann ich nicht beobachten. In der Universität ist der Mensch genau in dieser Lage. Er ist abgesichert und kann sein Fach frei wählen. Danach gesehen müssten wir lauter hochengagierte Studenten haben – haben wir aber nicht. Bei manchen funktioniert es. Da würde es aber unter allen Umständen funktionieren. Die brennen von Haus aus.

 

Was können die Unternehmer tun?

Sie können ihre Leute gut behandeln und Mehrwert schaffen. Wirtschaftssysteme, die auf Flexibilität setzen, sind der menschlichen Natur nicht angemessen. Eliten können sich nicht in der Gesellschaft einbringen und politisch engagieren, wenn sie öfter umziehen müssen. Es fehlen bodenfeste Eliten. Und sie können ihrer Kommune Gutes tun, indem sie sich an das Stiftungswesen erinnern.

 

Was würden Sie sich wünschen, wenn eine Fee käme und Sie hätten drei Wünsche frei?

1. ... dass die gute Entwicklung unseres Gemeinwesens gut weitergeht.

2. ... dass ich eine Universität erleben darf, die wirklich wieder eine Stätte der Inspiration und des uneitlen Zusammenwirkens ist, mit Lust auf Seiten der Lehrenden und der Studierenden.

3. Ich würde die Fee bitten, ein Sinfoniekonzert oder eine Oper dirigieren zu dürfen.

 

Nach welchem Motto leben Sie?

Da fallen mir gleich zwei ein:

1. „Denke daran, Gleichmut zu bewahren, in schwierigen Dingen und in guten Zeiten" von Horaz und

2. „Es gehört sich, im Leben die Pflicht zu erfüllen" von Seneca.

Vitae officiis functum est.