Peter Scholl-Latour: Wer wird die neue Weltmacht?

Peter Scholl-Latour im Dresdner Salon zu aktuellen Fragen der Weltpolitik

Wie sieht die Neuordnung der Welt aus? Welche Rolle spielen China, Russland, die USA und Europa? Wo lauern Gefahren für die Welt und wie wird die Macht verteilt werden? Wo stehen wir jetzt und nach der Finanz- und Wirtschaftskrise?Peter Scholl-Latour gilt seit den 1950er-Jahren als aufmerksamer Beobachter und ausgewiesener Kenner der Weltpolitik. Im „Dresdner Salon" beantwortete er die Fragen von Jürgen Engert, langjähriger SFB-Chefredakteur Fernsehen, Gründungsdirektor des ARD-Hauptstadtstudios Berlin und Mitglied des Kuratoriums der TU Dresden. Disy hat Auszüge des Gespräches nachgezeichnet.

Ist die USA noch eine Weltmacht?

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Europa, hatte die USA die große Chance, eine unipolare Weltmacht zu werden. Doch die Amerikaner haben diese Chance verspielt. Gründe hierfür sind die Politik von Bush gewesen, natürlich der 11. September und der dann begonnene Krieg. Die Amerikaner haben falsche Vorstellungen durch falsche Nachrichten geweckt. Und die Annahme, dass in Afghanistan der Ursprung des Terrors für den 11. September lag, war Quatsch. Außerdem liegt die Schwäche der USA im Bodenkrieg …

Inwiefern?

Die Amerikaner gelten eigentlich als technisch führend. Aber im Bodenkrieg versagen sie. Schauen Sie sich Panama, Granada und Vietnam an – alles irgendwie verpfuscht. Wenn man das nicht schafft, braucht man nicht anzutreten.

Müssten denn nicht auch die anderen wichtigen Nationen, Politiker, Geheimdienste etc. der Welt über die Wahrheit Bescheid gewusst haben bzw. wissen?

Sie müssten es wissen, aber sie wollen es nicht wissen. Man will nicht Krieg führen, aber man will sich der allgemeinen Meinung unterordnen. Es war ein kriegerischer Einsatz, aber sie haben getan, als wäre es ein humanitärer Einsatz. Die Vernichtung des internationalen Terrorismus ist ein Irrtum der Geschichte. Der Anschlag ist mentalitätsmäßig weit über die Grenzen gegangen und hat die Grundprinzipien des Westens erschüttert.

Wollen Sie die Welt verbessern?

Ich bin kein Weltverbesserer. Ich verkünde keine Botschaft, sondern berichte nur, was ich sehe. Wir sollten aufhören, unsere Demokratie auf die ganze Welt übertragen zu wollen. Sie ist nicht übertragbar. Wir sind keine Missionare und müssen nicht die ganze Welt bekehren.

Gibt es eine neue Ordnung auf der Welt?

Ja. Es gibt auf jeden Fall eine Entstaatlichung der Kriege. Patrioten, Widerstandskämpfer, religiös motivierte Leute – das sind die Kämpfer der Zukunft. Wer will denen Einhalt gebieten? Wo man sie erwischt – sicher. Aber auch bei uns werden früher oder später ein paar Bomben hochgehen.

Wird der Terrorismus das Problem der Zukunft?

Nein, der Terrorismus ist es nicht auf Dauer. Auch wenn es in Deutschland kaum vorstellbar ist, mit dem Terror kann man leben. Das wahre Problem ist die demografische Entwicklung international. Es wird immer weniger Weiße auf der Welt geben.

Und wie wird sich das Verhältnis des Westens zum Rest der Welt entwickeln?

Die Marktwirtschaft wirft man dem Westen nicht vor. Das größte Problem ist die Unglaubwürdigkeit und Heuchelei. Wenn wir gegen den Terror kämpfen, aber Gaddhafi an die Brust drücken, dann ist das unglaubwürdig. Oder denken Sie an die Opiumkönige in Afghanistan oder den Chef von Pakistan.

Wie charakterisieren Sie das westliche Modell?

Es wird von außen mit fehlender Effizienz, Heuchelei und fehlender Glaubwürdigkeit in Verbindung gebracht. Demokratie ist nicht das Mittel zum Fortschritt. Sehen Sie das Parteiensystem in Deutschland. Wir haben kein großes Ganzes, alle sind irgendwie zerstritten.

 

Und wie sehen Sie die Rolle Europas?

Europa muss wehrfähig werden. Die USA sind geschützt durch die zwei Ozeane, und wenn es hart auf hart kommt, ziehen die sich schon irgendwie aus der Affäre. Europa täte gut daran, ein bisschen Machtpolitik zu betreiben. Europa befindet sich in einem erbärmlichen Zustand. Wir haben Minderwertigkeitskomplexe.

 

Und wie ist unser Verhältnis zu Russland?

Wir sollten uns in Russland weniger einmischen. Menschenrechte hin oder her, aber sich wegen Südossetien mit Russland zu überwerfen, war nicht klug. Putin hatte eigentlich eine prodeutsche Ausrichtung, sicher auch wegen seiner Zeit in Dresden. Man sollte auch heute das Verhältnis nicht unnötig belasten. Im Moment ist es den Russen eine Genugtuung, dass die NATO in Afghanistan ist. Erstens wird die NATO dadurch geschwächt, sie wird sich spalten, und außerdem bekämpft sie für Russland die Feinde. Nicht Deutschland wird am Hindukusch verteidigt, sondern Russland.

 

Wird die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise zu einer Neuordnung der Welt beitragen?

Auf jeden Fall ist die Form des Turbo-Kapitalismus nun abgeschminkt. Die Krise war vorauszusehen, und die Amerikaner sind nicht allein schuld. Der ganze Westen hat an der These festgehalten: ‚Der Markt regelt alles.‘ Das war eine große Dummheit. Ich kann mir vorstellen, dass Länder wie China gestärkt aus dieser Krise hervorgehen. China hat einen gut funktionierenden Binnenmarkt.

 

Wird China die Welt regieren?

China wird eine Weltmachtposition bekommen, während die USA eine Großmacht sein wird. Ich weiß gar nicht, was wir gegen China haben. Von China droht keine Gefahr. Die ganze Kritik an Olympia, den Menschenrechten usw. Es ist eine Anmaßung der Deutschen, überall als Tugendbolde der Welt dastehen zu wollen. China hat 1,3 Milliarden Menschen. Die erste Pflicht der chinesischen Regierung ist es, das Volk satt zu kriegen.

 

Gibt es eine Gefahr für die Welt?

Dieser neue, diffuse, islamische Bogen. Die USA wird nicht verlieren, aber sie wird zermürbt werden. Und diese neue Form der Kriegsführung, darauf ist auch die Bundeswehr nicht vorbereitet. Man muss auch lernen: ‚Wenn ich einen Krieg begonnen hat, wie hört man ihn dann wieder auf?‘

 

Was wäre die Lösung?

Vernunft in Washington und ein Bündnis mit China, Europa, Russland etc.

 

Die Redaktion hat sich vorbehalten, das zweistündige Gespräch zu kürzen und die Fragen im Sinne des Leseflusses umzustellen und umzuformulieren.