Opa Ralf

„35 Prozent Körperschaden: Bandscheibenschäden, Knie-OPs“, fasst er den Preis für seine Fußballerkarriere zusammen.

Ralf Minge (46), Fußballtrainer in Georgien, Geschäftsführer Sport bei Dynamo Dresden, ist eine Legende. Gerade feierte er mit seiner Faru Cornelia Silberhochzeit, schon wird er Opa. Lesen Sie, warum er sein Psychologiestdium abbrach und er trotz kaputter Bandscheiben topfit ist.  

Solange er denken kann, wollte er Fußballer werden. Er besuchte nie eine Sportschule und schaffte es mit 20 Jahren zum Oberligisten Dynamo Dresden. Nur zwei Fußballer erzielten mehr Tore für den Verein als er. Nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn 1991 arbeitete er als Trainer an verschiedenen Orten. Vor zwei Jahren kehrte er nach Dresden zurück und begann ein Psychologiestudium. Obwohl ihn kurz darauf eine neue Herausforderung ereilte, sagt er: „Das war eine göttliche Entscheidung.“ Er ist ein Idol. Auch 16 Jahre nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn. Sein Name zieht Kinder heute noch ins alljährliche Fußballcamp, das er seit elf Jahren gemeinsam mit Ulf Kirsten in Pirna organisiert. In wie vielen Kinderzimmern sein Foto hängt, kann er nur schätzen. Der Fußballnachwuchs liegt ihm schon immer am Herzen. Möglicherweise auch, weil er sich selbst mit sehr viel Ehrgeiz und Ausdauer von Prösen bei Riesa, dem Ort seiner „traumhaften Kindheit“, nach ganz oben spielte. Mit sechs Jahren spielte er für BSG Stahl Prösen, mit 12 wechselte er zu TSG Gröditz und mit 20 kam er zur SG Dynamo Dresden. Eine Sportschule hat er nie besucht und sogar drei Jahre allein trainiert. „Ich war immer ehrgeizig, manchmal fast krankhaft“, schätzt Ralf Minge rückblickend seine Fußballkarriere ein. Er bestritt 222 Oberligaspiele für Dynamo Dresden und erzielte dabei 103 Tore. Nur Torsten Gütschow und Hans-Jürgen Kreische übertrumpften seine Torbilanz. Bei 34 Europacup-Spielen traf er neunmal das Tor, und bei seinen 36 Spielen in der DDR-Auswahl versenkte er den Ball siebenmal erfolgreich ins gegnerische Netz. Nebenher absolvierte er eine Ausbildung als Instandhaltungsmechaniker mit Abitur. „Auf die Qualitäten kann ich allerdings nicht mehr zurückgreifen“, lacht er. Das folgende Bauingenieurstudium brach er ab, weil es sich mit der Fußballkarriere nicht vereinbaren ließ, und begann ein Studium an der DHfK, das er als Diplom-Sportlehrer beendete. Nach dem Ende seiner Spielerkarriere 1991 arbeitete er zunächst als „Geschäftsführer Azubi“ bei Dynamo Dresden. Kurz darauf zog es ihn jedoch auf die Trainerbank, zunächst in Dresden, später in Aue. 1994 erwarb er die Lizenz als staatlich geprüfter Fußballlehrer. 1998 siedelte er ins Rheinland um, wo er für Fortuna Köln und später auf verschiedenen Positionen für Bayer Leverkusen arbeitete.

Nach bewegten beruflichen Jahren siegte das Heimweh, und Ralf Minge entschloss sich 2005 zur Rückkehr nach Dresden. „Es war eine Bauchentscheidung, aber sie war richtig.“ Er begann ein Psychologiestudium an der TU Dresden. „Das Fach hat mich schon immer interessiert, es ist spannend und berufsnah.“ Seiner Meinung nach liegen in der Psychologie die größten Reserven für den Sport. „Man kann nicht nur gut Fußball spielen, man muss zum Beispiel auch dem Druck gewachsen sein, in der Öffentlichkeit zu stehen“, begründet er. Schon seit über zwanzig Jahren, sowohl als aktiver Spieler als auch als Trainer, arbeitet er mit einem Sportpsychologen zusammen und kann sich irgendwann ein gemeinsames Projekt vorstellen. Als Ralf Minge das Angebot erhielt, gemeinsam mit Klaus Topmöller die georgische Fußball-Nationalmannschaft zu trainieren, schob er die Fortsetzung seines Psychologiestudiums auf unbekannte Zeit hinaus. Georgien ist für ihn eine „total spannende Lebenserfahrung“, obwohl er sich erst darauf einstellen musste, in ein „Entwicklungsland des Fußballs zu kommen“. Rund 90 Tage verbringt er seit 2006 jährlich in Georgien, sein Vertrag läuft vorerst bis Ende 2007. „Im deutschen Spitzenfußball arbeitet man meist am Limit, Georgien ist arbeitstechnisch eine völlig andere Welt.“  

„Sonst gibt es nicht viel Spektakuläres in meinem Leben“, sagt er bescheiden. Vor Kurzem feierte er Silberhochzeit mit seiner Frau Cornelia, seine beiden Kinder sind erwachsen. „Bald werde ich Opa“, schmunzelt er, „zugegeben, ein komisches Wort für mich. Aber ich freue mich irrsinnig. Es ist doch schön, wenn man seinen Enkeln noch hinterherlaufen kann.“ Die Familie ist bei Ralf Minge „ganz oben angesiedelt“. Wenige Freundschaften begleiten ihn seit vielen Jahren. „Entfernung ist nicht der entscheidende Faktor, sondern Verlässlichkeit“, sagt er. „Ich hätte gern mehr Zeit für meine Familie und meine Freunde, kann eben nicht jedes Wochenende eine Radtour machen oder im Biergarten sitzen.“ Für seine eigene Fitness trainiert er mehrmals pro Woche nach einem speziellen Stabilisationsprogramm. „35 Prozent Körperschaden: Bandscheibenschäden, Knie-OPs“, fasst er den Preis für seine Fußballerkarriere lapidar zusammen. Doch Ralf Minge kann nicht anders. Seit Juni 2007 ist er zusätzlich Geschäftsführer Sport bei Dynamo Dresden. Ehrenamtlich. Sein Herz schlägt für den Fußball und den Nachwuchs. Das weiß er umso mehr, seit er einmal bei Minge-Moden, dem Geschäft seiner Frau, aushelfen musste: „Ich war hoffnungslos überfordert“, erinnert er sich.

Dagmar Möbius