Starke STIMME – starke FRAU

Sängerin Julia Neigel sprach exklusiv mit Disy über Gerechtigkeit, Männer und Musik

Mit „Schatten an der Wand“ wurde sie 19-jährig als Jule Neigel & Band bekannt. Bis heute verkaufte sie über eineinhalb Millionen Platten. Infolge Urheberrechtsstreitigkeiten trat sie seit 2000 nicht mehr öffentlich auf und ging vor Gericht. Nachdem ihr die Kompositionsrechte an „Schatten an der Wand“ zugesprochen wurden, kehrte sie im August 2006 auf die Bühne zurück. Kurz vor Weihnachten gastierte sie in Dresden. Disy sprach mit der Sängerin und Musikproduzentin Julia Neigel.

Julia Neigel, Sie treten nach langer Bühnenabstinenz unter „neuem“ Namen auf. Ihr aktuelles Programm „Stimme mit Flügel(n)“ ist anders als frühere Konzerte – was ist passiert?
Das aktuelle Tourneeprogramm entstand in einer Zeit der Not, aber mittlerweile hat es sich zum Lieblingsprogramm gemausert. Es ist romantisch-sinnlich, aber natürlich auch laut. Als ich feststellen musste, dass ich von zwei Musikern meiner Band jahrelang betrogen wurde, war ich zunächst geschockt und brauchte einige Monate, um mich wieder zu fangen. Ich habe mich dann juristisch informiert, zwei Jahre recherchiert und prozessiert: den ersten Fall dieser Art vor Gericht. Betrachtet man jetzt rückwirkend meine Vita: mit 19 Jahren frisch aus dem Abitur, kein Geld für Anwälte, kein Internet, keine Handbücher über Musikwirtschaft – damals konnte ich mich nicht informieren und es ist eine so komplizierte Rechtsgrundlage, dass für mich alles durchaus glaubwürdig war.

Worum ging bzw. geht es bei den Gerichtsprozessen?

Als ich anfing, deutsche Songs zu schreiben, hab ich Melodien und Texte gemacht und meine Musiker haben es arrangiert. Meine Kollegen sagten mir, ich spiele kein Instrument und könne keine Noten schreiben und lesen. Um mich als Komponistin bei der GEMA melden zu können, müsse man das aber beherrschen. Sie wären die Komponisten, weil mir die Voraussetzungen dazu fehlen, ich sei die Texterin. Eines Tages traf ich zufällig einen Mann von der GEMA. Wir sprachen über die Entstehung von Songs und er erklärte mir, dass es vollkommen egal ist, ob man ein Instrument spielt oder Noten lesen kann. Man kann eine Melodie auch erpfeifen. Das Lied ist die Melodie, alles andere ist Arrangement. Das stand in krassem Widerspruch zu dem, was mir gesagt wurde, und ist kein Kavaliersdelikt. Es handelt sich bei eineinhalb Millionen Platten um mehr als zwei Millionen Euro, die mir dadurch weggenommen wurden. Aufgrund ökonomischer Vorsicht habe ich zunächst nur auf Anerkennung meiner Kompositionsrechte für „Schatten an der Wand“ geklagt, bekam erst 50 Prozent, später nach Vergleich 75 Prozent. Das war der Beweis dafür, dass der Betrug kein Versehen war. Über insgesamt 62 Songs und wegen weiterer Delikte wird noch verhandelt werden.

Ihr Konzert in Dresden war fast ein Insider-Event mit Clubatmosphäre – gewollt?
Die Tour wurde gemeinsam mit einer Mannheimer Agentur zusammengestellt. In Dresden zu spielen, habe ich mir auf jeden Fall gewünscht. Die zweihundert Leute, die da waren, sind treue Fans und sorgten für eine überwältigende Atmo-sphäre. Dafür, dass für das Konzert kaum Werbung lief, bin ich begeistert. Es war ein wunderbarer Abend und ich komme auf jeden Fall wieder.

Was haben Sie von Dresden gesehen und wie ist Ihr Eindruck?
Ich war schon oft hier, hatte aber noch nie Zeit, mir die Stadt anzuschauen. Das wollte ich jetzt unbedingt nachholen. Ich bin begeistert: die Innenstadt, die Brücken, der Fürstenzug und vor allem die vielen Schlösser – romantisch. Die Leute sind hier auffallend nett. Das tut gut.

Sie haben eine lange Krise gemeistert und gehen auf Ihrer Homepage offen damit um, im Konzert beschränken Sie sich auf Andeutungen. Nervt es Sie, immer wieder auf das Vorgefallene angesprochen zu werden?
Nein, im Gegenteil. Es ist wichtig, dass darüber gesprochen wird. Es ist ein Zeichen dafür, dass der Gerechtigkeitssinn wieder im Steigen ist. Was mir passiert ist, betrifft hauptsächlich Frauen, speziell Sängerinnen. Ich möchte dazu ermuntern, dass Frauen wagen zu kämpfen. Meine Geschichte gilt als Präzedenzfall in der Branche. Ich würde mich freuen, wenn ich hier auch juristisch etwas bewegen kann.

Wie haben Sie in den letzten Jahren gelebt?

Ich stand früh auf, machte Büroarbeit, recherchierte, suchte Zeugen, las unzählige Jura-Bücher, kümmerte mich um Rechtsrat und klärte Unbereinigtes. Man kann sagen: Ich begann meinen Weg aus der mentalen Versklavung. Mein Selbstbild ist heute ein vollkommen anderes als damals: wichtig war, in geistige Autonomie zu gehen.

Wer bzw. was hat Ihnen am meisten geholfen, diese Zeit zu überstehen?
Meine Mutter und einige Freunde. In gewissem Sinn glaube ich an metaphysische Dinge. Wenn man etwas Böses tut, kehrt das irgendwann doppelt und dreifach zu einem zurück. In erholsamen Phasen schrieb ich neue Songs. So sind 40 Lieder entstanden, die danach schreien, gehört zu werden. Außerdem habe ich begonnen zu schreiben. Einige erste Anekdoten wurden veröffentlicht.

Welchen Rat geben Sie Frauen, die von einer solchen Krise überrollt werden?

Immer Gleichgesinnte und Vertraute suchen, sich solidarisieren. Auf jeden Fall sich die Schuldgefühle nehmen lassen und Verantwortliche anprangern, die Grenzen überschritten haben. Es ist sinnvoll, die Wahrheit zu leben. Man darf sich nicht brechen lassen. Verantwortung trägt man nur für sich selbst und man muss darauf pfeifen, was andere über einen denken. Man ist auf der Welt, um glücklich zu sein. Und man muss sich immer selbst verändern, damit sich etwas verändern kann.

Einer der Männer, gegen den Sie prozessieren, war Ihr langjähriger Gitarrist und Freund. Möchten Sie über Männer reden?
Warum nicht? Zurzeit bin ich sehr glücklich, aber mehr möchte ich dazu nicht sagen. Ich genieße es, das Wohlwollen des anderen Geschlechtes zu spüren. Ich fühle mich jung, weil sich glücklich fühlen jung macht. Wegen eines Mannes Tränen zu vergießen, lohnt sich nicht, nicht eine Minute. Jeder hat Macht über sein eigenes Leben und kein Mann wird mir diese Verantwortung nehmen. Ich kann lieben, aber nur mit Respekt. Sonst ist es ein Machtspiel, und das geht gar nicht. Ich möchte Frauen oft sagen, du brauchst keinen Mann, um dich auf dieser Welt wohlzufühlen. Die Würde muss man behalten. Jede Frau ist auf ihre Art liebenswürdig.

Bei „Stimme mit Flügel(n)“ dachte ich zuerst an Engel. Welche Assoziation hatten Sie?
Es ist ein Wortspiel, das sich ursprünglich auf das schönste Instrument der Welt, den Flügel, bezog. Ich trete ja derzeit nur gemeinsam mit meinem Pianisten Simon Nichols auf. Aber die Assoziation zu Engeln ist auch beabsichtigt. Engel schweben und fliegen. Und genauso fühle ich mich, wenn ich wieder für meine Fans singen kann.

Wie haben Sie Ihren Pianisten kennengelernt und wer wird in Ihrer neuen Band spielen, mit der Sie 2007 auf Tournee gehen?

Ich hörte mir zehn empfohlene Pianisten inkognito an. Alle waren unbekannt und hochbegabt. Für Simon habe ich mich entschieden, weil musikalisch, handwerklich und menschlich instinktiv alles stimmig war. In der neuen Band sind alles neue Leute. Die Entscheidung habe ich ausschließlich aus menschlichen Gründen getroffen, obwohl ich qualitativ sicher auch viel verlange. Dass man miteinander kann, ist eine Grundvoraussetzung für gemeinsame Inspiration. Den neuen Liedern hört man das auch an, sie sind um Klassen besser als frühere. Unser Gitarrist Jörg ist übrigens ein geborener Dresdner.

Im Konzert singen Sie Lieder in fünf Sprachen. Haben Sie eine internationale Karriere im Blick?
Spontan habe ich nicht darüber nachgedacht. In der Zeit, als ich meine eigenen Lieder nicht singen wollte und konnte, habe ich einige schöne Songs gefunden. Zum Beispiel „Madre Dolcissima“ von Zuccero, der für mich der beste Sänger Europas ist. Besonders Spanisch und Italienisch musste ich lange üben. Aber da bringen Sie mich direkt auf den Gedanken.  Mehr Lieder in Englisch zu singen, kann ich mir durchaus vorstellen.

Sucht man Texte Ihrer neuen Lieder zum Beispiel im Internet, wird man nicht fündig. Ist das eine Vorsichtsmaßnahme?
Ja, in gewisser Weise schon. Wer sich dafür interessiert, kann aber mit dem Julia-Neigel-Fanclub Kontakt aufnehmen.

Erlauben Sie mir eine etwas provokante Frage. Sie werden rund um die Uhr von Ihrer persönlichen Assistentin begleitet - sind Sie eine Diva?
(Lacht) Ja, bestimmt. Diva heißt Dame, kleines Mädchen, aber auch abenteuerliche Kurtisane. Ich liebe es, elegant auf die Bühne zu gehen, bin gerne Frau und liebe es, mich umzuziehen. Ich kann Luxus genießen, aber auch zelten gehen. Für mich ist Diva kein negativer Begriff, er hat auch mit Schönheit zu tun. Schönheit, die man nicht in einer Entertainment-Schule lernen kann. Man muss das beherrschen, wenn man Musik machen will.

Was sollten Ihre Fans und die, die es noch werden sollen, unbedingt von Ihnen wissen?
(Lacht) Die Leute sollen wissen, wie ein Konzert von mir ist und dass noch vieles kommt. Sie sollen sich über mich informieren und sich dann ihr eigenes Bild machen.

Herzlichen Dank für das Gespräch und auf Wiedersehen in Dresden.

Interview: Dagmar Möbius (Disy Frühjahr 2007)                                       


Julia Neigel - Biografie & Hintergrund

  • 19.04.1966 Julia Neigel wird in Barnaul (Sibirien/ehemalige UdSSR) geboren
  • 1971 Einreise nach Deutschland als Heimkehrer mit ihren Eltern und ihren vier älteren Geschwistern nach Ludwigshafen am Rhein.
  • 1972-1986 Schulausbildung in Ludwigshafen, Abitur in Mannheim, Klassische Musikausbildung; mehrere Preise bei „Jugend musiziert“
  • 1982 Erster Auftritt als Sängerin mit Band „Hopp‘n Ex Group“. Siegerin bei Bandwettbewerben als beste Live-Band im Rhein-Neckar-Raum.
  • 1986 Erste eigene Songs, u.a. „Schatten an der Wand“. Siegerin beim Wettbewerb des Radiosenders „Pro Radio 4“.
  • 1988 Erstes deutschsprachiges Album „Schatten an der Wand“, Durchbruch als Künstlerin, Tourneen
  • seit 1991 Produziert als Mitproduzentin Alben „Nur nach vorn“, „Herzlich Willkommen“, „Sphinx“ und „Alles!“
  • seit 1996 Schreibt Texte für Peter Maffay: „Siehst Du die Sonne?“, „Freiheit die ich meine“, „Gib die Liebe nie auf“
  • seit 2000 Juristische Aktivitäten. Neigel Unplugged Tour & Festivals
  • 2006 Julia Neigel schließt am OLG Karlsruhe einen Vergleich und erhält 75% der kompositorischen Anteile des Songs „Schatten an der Wand“, Veröffentlichung des Live-Albums ‚Stimme mit Flügel(n)‘, Wintertournee ‚Stimme mit Flügel(n)‘

Mehr Infos: www.julianeigel.com

 

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