Deutschlands Chancen in einer sich dramatisch ändernden Welt

Von Dr. Jur. Matthias Mitscherlich

Was sind Deutschlands Chancen? Gibt es spezielle deutsche Möglichkeiten? Gibt es typisch deutsche Eigenschaften? Zwar wird dies immer wieder kolportiert, doch was ist eigentlich wirklich dran an der Theorie? Fest steht, dass wir wenig bis gar keine Rohstoffvorkommen haben. Das heißt, dass unsere Leistungen und unsere Erfolge ausschließlich auf unsere geistigen Errungenschaften, unsere intellektuellen PS zurückzuführen sind. Ergo: „Wir haben nur uns selbst und sonst nichts.“

Es sind allein und ausschließlich unser Wissen, unser Know-how, unsere Forschungen, unsere Technologien und Techniken, die uns nach vorne gebracht haben. Sie stehen auch heute noch als deutsches Markenzeichen.

Deutschland war seit jeher das Land der Dichter und Denker, und auch heute hat sich daran nicht viel geändert. Wir dürfen hier auf ein sehr positives Erbe zurückgreifen. Deutschland ist bekannt für seine Wertarbeit. Hierauf dürfen wir ruhig ein bisschen stolz sein. Häufig werden wir ja im Ausland auch dafür belächelt, dass wir so diszipliniert und hundertprozentig zuverlässig sind. Aber – es hat uns eben auch den heutigen Erfolg beschert.

Seit dem letzten Oktober können wir der Presse täglich neue Meldungen über die Dysbalance der globalen Wirtschaft entnehmen. Max Frisch sagte einmal: „Eine Krise kann ein produktiver Zustand sein. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“

Häufig waren drastische Entwicklungen in der Vergangenheit sogar notwendig, um unsere Wirtschaft wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuführen. Und zweifellos hat es Auswüchse und ungesunde Egoismen gegeben. Doch Jammern wird uns hier nicht viel nützen. Ich betrachte die Krise als Symbol für das sogenannte „élan vital“, wie es ein spannender und sehr inspirierender französischer Philosoph, Henri Bergson, ein Vorläufer des Existenzialismus, einmal genannt hat: Élan vital bedeutet so viel wie schöpferische Lebenskraft, eine Energie, die sich von innen immer wieder selbst erneuert.

Die Wirtschaftskrise ist – und vielleicht ist sie dies vor allen Dingen – eine gesellschaftliche Krise. Und zwar ist sie dies nicht nur, weil sie gesellschaftliche Auswirkungen hat, sondern vielmehr, darüber hinaus, weil sie auch aus gesellschaftlichen Fehlentwicklungen entstanden ist.

Gelegentlich wurde – nicht ganz unzutreffend – von einem kollektiven Buddenbrooks-Effekt gesprochen: Genauso wie die Lübecker Familie in Thomas Manns Roman aus dem Mittelstand in die städtische Oberschicht aufgestiegen und schließlich untergegangen ist, genauso sind breite Teile der Bevölkerung im Nachkriegsdeutschland zu Geld gekommen und haben dies nun, ein halbes Jahrhundert später, wieder verloren, oder vielleicht sollte man besser sagen: verspielt.

Doch zurück zum eigentlichen Thema, zurück zur ursprünglichen Fragestellung: Was ist denn nun typisch deutsch? Gibt es sie tatsächlich, die spezifischen deutschen Charakteristika?

Zweifelsohne sind es auf jeden Fall unsere Werte, für die wir bekannt sind: Neben unserem klaren Leistungswillen ist es auch unsere Authentizität und unsere Integrität, die uns hier zugutekommen. Auch ist es wohl eher so, dass wir hier in Deutschland sehr an den Gedanken der Gemeinschaft glauben und gerne in Teams zusammenarbeiten. An einer Renaissance dieser tradierten Werte zu arbeiten, an einer Selbstreflektion dessen, was seit jeher positiv und produktiv ist, scheint in der heutigen Zeit, in der ja gerne – zugegeben, leicht stereotyp – von einem allgemeinen Wertezerfall gesprochen wird, nicht nur eine sehr ehrenwerte, sondern auch eine sehr konstruktive und wichtige, ja: zukunftsträchtige Aufgabe und Vision zu sein.

So gilt der Gedanke eines produktiven Miteinanders beispielsweise nicht nur im Großen, sondern, natürlich, auch im Kleinen: Und auch in Firmen ist es sehr wichtig, ein offenes, interaktives, ja: dialogorientiertes, demokratisches Klima zu schaffen, ein Klima, in dem das beste Argument zählt und nicht starres, hierarchisches und autoritäres Gebaren. Denn nur durch echtes, aufrichtiges Interesse an den Äußerungen der Mitarbeiter, nur dann, wenn die Mitarbeiter wirklich das Gefühl haben, dass sie in ihren Wünschen und Bedürfnissen aktiv unterstützt werden, nur dann kann auch ein wirklich kooperatives und enthusiastisches Arbeitsklima entstehen und eine kreative und konstruktive Atmosphäre geschaffen werden.

Menschlichkeit und Wärme erobern die Herzen und schaffen Vertrauen. Nur so können sich Mitarbeiter entfalten und ihr Potenzial optimieren. Nur so können wir bei unseren Mitarbeitern – unser höchstes und wertvollstes Kapital – Einsatz, Loyalität, Leidenschaft und Identifikation mit ihrer Aufgabe und ihrem Unternehmen wecken. „Denn die Wirtschaft ist ja an sich kein abstraktes Gebilde, welches rein rational funktioniert, vielmehr besteht der Terminus ‚Wirtschaft‘ aus vielen, sehr verschiedenen Menschen mit unterschiedlichen Talenten, Gefühlen und persönlichen Geschichten.“

Diese Emotionalität macht die vermeintlich ökonomische Rationalität etwas weicher, elastischer und auch unkalkulierbarer. Überhaupt: Eine hundertprozentige Rationalität gibt es gar nicht. Und das ist auch gut so: Inhalts- und Beziehungsebene lassen sich nicht gesondert voneinander betrachten, sondern immer nur im stetigen Wechselspiel miteinander.

Wichtig ist aber auch ein enges und vertrautes Zusammenarbeiten der Industrieunternehmen untereinander. Ich denke, auch dies können wir getrost von uns behaupten. „Häufig wird in diesem Kontext auch des Öfteren, ein wenig ketzerisch, von der ‚Deutschland AG‘ gesprochen, die schon oft totgesagt wurde, aber immer noch ganz lebendig ist.“ Und das ist auch gut so, wenn Manager verschiedener Industrieunternehmen Themen auch einmal schnell, unkonventionell und auf direktem Wege, beispielsweise via Telefon, ganz offen besprechen können – weil sie sich gegenseitig Vertrauen entgegenbringen, und das hilft dann oft vielen Menschen. In der letzten Zeit haben Manager und Vorstände sehr harsche und radikale Kritik geerntet. Die Medien haben ihren Anteil vehement dazu beigetragen. Einiges an dieser Kritik ist berechtigt, einiges jedoch auch nicht. Nichtsdestotrotz – den schlechten Nimbus, den manche Banker mitunter haben, haben sie sich jedoch in der Tat durchaus selbst zuzuschreiben. Denn diese irrwitzigen, jeglicher Grundlage entbehrenden Boni, die sie sich selbst und in Eigenregie genehmigt haben, auf der Grundlage vermeintlicher Gewinne, die sich bei näherer Betrachtung allerdings als fiktiv herausstellen, das ist desaströs und selbstverständlich nicht in Ordnung.

Es ist eine systemische Schieflage, die wir hier haben. In Zukunft brauchen wir somit unbedingt wieder mehr wirtschaftliche Transparenz, damit derartige Spekulationsblasen gar nicht erst im Ansatz entstehen können. „Das hochspekulative Fluidum des Börsenroulettes muss ein Ende haben.“ Wir müssen weg von dem hemmungslosen, allein auf kurzfristige Profite ausgerichteten Casinokapitalismus, in dem die Menschen nur noch verdinglicht werden. Die Antwort hierauf ist indes mit Sicherheit nicht eine protektionistische oder gar sozialistische Gesellschaftsform. Das wäre zu einfach gedacht und entspricht nicht dem liberalen, freiheitlichen Grundgedanken unseres Zusammenseins. Es ist auch nicht möglich, in Zukunft jedes Risiko kategorisch auszuschalten. Dies würde sich nicht mit den Gesetzen der Wirtschaft vereinbaren lassen. Wichtige Schlüsse aus der Krise sollten jedoch ein funktionierendes und austariertes Risikomanagement sowie eine Fair-Value-Bewertung, das heißt, eine faktische Synchronisierung der Bewertung von Aktien und Anleihen in den Bilanzen an die aktuellen Kapitalmarktentwicklungen, sein.

Vor allem bedarf es aber einer ernsthaften Rückbesinnung auf eine neue Bescheidenheit. Auch in der Wirtschaft braucht es den Gedanken an diese Bescheidenheit wieder. Allgemein brauchen wir einen geistigen und moralischen Paradigmenwechsel. John Steinbeck sagte einmal: „Menschliche Eigenschaften wie Güte, Großzügigkeit, Offenheit, Ehrlichkeit, Verständnis und Gefühl sind in unserer Gesellschaft Symptome des Versagens. Dagegen sind Gerissenheit, Habgier, Gewinnsucht, Gemeinheit und Egoismus Merkmale des Erfolges.“ Leider ist dies in unserer heutigen Gesellschaft zutreffend. „Wir befinden uns in einer Kultur, die die negative Umwertung der Werte zu belohnen scheint. Doch es gibt kein richtiges Leben im Falschen.“

„Die Lenker der Industrie müssen sich selbst als Vorbilder verstehen, auch und vor allem in moralischer Hinsicht. Es kann nicht sein, dass Gewinne privatisiert werden und Verluste dann letztlich von der Gemeinschaft getragen werden. Gut ist, was geht“ – diese Machiavelli-Methoden, die sich teilweise bei manchen Vertretern der Industrie eingebürgert zu haben scheinen, haben sich endlich und endgültig selbst ad absurdum geführt. Vielmehr müssen die Protagonisten der Wirtschaft ihre Macht im positiven Sinne nutzen, um glaubwürdige und wahrhaftige moralische Maßstäbe zu setzen und ihre vielschichtigen Möglichkeiten dafür nutzen, Gutes zu bewirken. Die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen der Menschen müssen zurückgewonnen werden.

Denn natürlich ist die Gesellschaft, in der wir leben, nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine soziale. Es darf nicht sein, dass diese Gesellschaft durch mäandernde Gier und Egoismen weiterhin auseinanderdriftet und in ihren Grundfesten bis zur Selbstzerstörung erschüttert wird. Keiner von uns kann es sich erlauben, dass die Gesellschaft derart zerfällt und atomisiert wird. Wir müssen uns wieder mehr engagieren, für die Menschen und für die Welt, in der wir leben. Für uns, für unsere Nachkommen. Dies ist keine Kür, sondern die Pflicht – von uns allen.

Start-up-Unternehmen in Südafrika mit Risikokapital. Es ist dort für junge Entrepreneurs so gut wie unmöglich, finanzielle Hilfen respektive Unterstützung zu bekommen. Die lokale Wertschöpfung, die Finanzierung von sinnvollen Großprojekten sowie die Schaffung neuer Arbeitsplätze und Ausbildungsmöglichkeiten liegen uns generell stark am Herzen. Im Rahmen unseres Offset-Programms in Südafrika haben wir sicherlich etwa 20.000 Arbeitsplätze geschaffen oder gerettet.

Meine Damen und Herren, mit Sicherheit haben Sie die Meldungen und Nachrichten über das neue Riesen-Projekt „Desertec“ in Afrika vernommen. Hier soll, in Kooperation mit verschiedenen Großunternehmen, mithilfe von Solartechnologie Energie erzeugt werden. Diese soll dann auch nach Europa transportiert werden. Auch wir sind an dieser Initiative beteiligt und begrüßen diese sehr. Der Beitrag zur wirtschaftlichen und ökologischen Nachhaltigkeit bei solarthermischen Anlagen ist absolut bemerkenswert: Der Flächenbedarf für diese Technologie ist überschaubar, und die Gegenden für solarthermische Anlagen sind in der Regel relativ unfruchtbar und für Ackerbau ungeeignet.

Mehr dazu lesen Sie im zweiten Teil in der nächsten Ausgabe.

Dr. jur. Matthias Mitscherlich wurde am 25. Januar 1949 in Konstanz geboren. Von 1967 bis 1972 studierte er Jura in Gießen. Nach seiner Promotion in Frankfurt schloss er 1977 den „Master of Comparative Jurisprudence“ an der „New York University“ ab. Von 1980 wurde er Mitinhaber der Mitscherlich und Scheven GmbH in Duisburg. 1983 übernahm er die Geschäftsführung der Kloeckner INA (Nigeria) Limited. Von 1987 bis 1992 wurde Matthias Mitscherlich Alleingeschäftsführer der Agro Faber Agriculture and Food Technologie GmbH in München. Seit 2003 ist er Vorsitzender des Vorstandes der MAN Ferrostaal AG in Essen.