Der schönste Geiger

Auf dem Programmheft kniet er im Nebel, das weiße Hemd über das Jackett gekrempelt. Im Real Life huscht der New Yorker mit dem hohen Wiedererkennungswert, das blonde Haar zum Zopf gebunden, zur Bühne, die Titelmelodie des Kinohits «Fluch der Karibik» spielend - in Kapuzenpulli,
weiten Jeans und Turnschuhen. Privat tritt er leger auf, die markante Kette auffällig um den Hals. Entspannt plauderte er mit mir über sein nächstes Konzert in Dresden.
"Sie werden zu den Filmnächten an der Elbe auftreten. Worauf können sich die Dresdner freuen?"
"Es wird ein gemischter Abend. Es beginnt mit einem romantischen Violinenkonzert mit großem Sinfonieorchester von Max Bruch. Die zweite Hälfte ist auch mit Orchester, allerdings fügen wir dann eine Band
hinzu. Es wird eine gemischte, eine Crossover-Geschichte."

Am 9. Juli ist David Garrett zu den Filmnächten am Elbufer zu sehen. Neben dem Max-Bruch-Konzert für Violine und Orchester sind seine
Interpretationen von AC/DCs „Thunderstruck“, Queens „Who Wants to Live Forever“ und Michael Jacksons „Smooth Criminal“ zu hören.

Werden Sie auf Ihrer Stradivari spielen?
Nein, die Stradivari ist gerade repariert worden. Jetzt muss das Holz
allmählich trocknen. Ist es fest, wird der Klang wieder farbig. Ich werde
die Stradivari mit Sicherheit wieder benutzen können. Bis dahin spiele
ich auf einer Battista Guadagnini aus dem Jahr 1772. Es ist faszinierend,
was für Musik man mit der Geige machen kann.


Gibt es ein Musikstück, das Sie besonders lieben?
Ich mag das romantische Repertoire. Das liegt mir emotional am
meisten. Tschaikowski und Brahms. Welches Stück, kann von Woche zu
Woche wechseln.


Und im Augenblick?
Im Augenblick mag ich besonders ein etwas klassischeres Violinenkonzert
von Beethoven.

Wenn Sie an die Bühnen denken, auf denen Sie bislang aufgetreten
sind, welche ist Ihnen dann besonders vertraut?
Ich glaube, Bühnen werden einem nie vertraut, eher Orchester und
Dirigenten. Bei Bühnen selber merke ich keinen Unterschied. Es kommt
darauf an, wie ich spiele und wie das Orchester ist. Mit einem guten
Orchester trete ich gern wieder auf.


Welches Orchester wäre das?
Ich habe zum Beispiel mit dem Bergen Philharmonic Orchestra gespielt.
Die waren sehr gut. Da hoffe ich, dass sich noch ein Konzert ergibt.


Sie sind von Herzen Geiger, welche Begegnung hat Sie besonders
beeinflusst?
Es tut gut, Experten kennenzulernen, solange sie noch gut spielen, wie
Itzhak Perlman. Er ist für mich die musikalische Leitfigur neben Ida
Haendel, mit der ich auch schon aufgetreten bin. Mit Perlman habe ich
das auch vor.


Was hat Sie das Leben gelehrt?
Jeden Tag Neues. Dass es zwei Arten von Menschen gibt: die, die mit
dem Herzen bei der Arbeit sind, und die, die es beruflich tun. Die Ersten
sind die angenehmeren.


Welche Pläne haben Sie für Ihre Zukunft?
Tausende, der Terminkalender ist voll für die nächsten anderthalb Jahre.
Jetzt geht es erst mal zurück in die USA, wir proben und nehmen eine
CD auf.

Wir freuen uns auf Ihr Konzert …
Es wird ein Open Air Konzert, ganz familiär. Ich freue mich, wenn
die Leute eine Decke mitbringen, Picknick machen und die Musik
genießen. Ich gehe auch gerne in den Central Park, wenn die New York
Philharmonic spielt. Das wird in Dresden genauso schön.

 

 

Seine Musik


Zusammen mit einem Gitarristen, Drummer und Pianisten führt der 27-
Jährige auf seiner Tour kreuz und quer durch Musik-Repertoire - von Paganinis
„Caprice“ bis „Nothing Else Matters“ von Metallica über Bernsteins
„Somewhere“ zur „Carmen-Fantasie“ von Bizet oder „Claire de Lune“ von
Claude Debussy. Am liebsten spielt er in Sälen mit 450 bis 600 Zuschauern,
wo er jeden Einzelnen sehen kann und spürt, ob er ihn erreicht.
Tritt er in den USA auf, ist die Trennung zwischen piekfeiner Klassik in der
Metropolitan Opera und R’n’B und Rock auf der anderen Seite strenger als
in seiner Aachener Heimat. Manchmal hat er das Gefühl, dass sich mehr
Rockmusiker und R’n’B-Künstler an der Klassik orientieren, als dass sich
die Klassik-Leute an der Pop-Musik orientieren. „Die Musiker haben keine
Probleme“, sagt er. Er hat die lediglich bei Beethovens Violinen-Konzerten.
Die verpoppt er nicht. Pop, Rock, Jazz und Klassik zu mischen, erweitert den
Markt - die Erfahrung hat der Geiger gemacht.
Bei seinen Tourneen setzt er darauf, dass die, die seine Crossover-Konzerte
gehört haben, danach auch zu Auftritten kommen, zu denen er nur Klassik
spielt, und hatte mit diesem Konzept in Asien mit Beethoven, Brahms und
Mozart volle Säle. Er sieht sich als Brückenbauer, der jungen Leuten so den
Zugang zur Klassik erleichtert.
Berühmt geworden ist sein „Hummelflug“, den er so schnell spielt, dass er
ins Guiness-Buch der Rekorde kam.

Sein Leben


Begonnen hat Garrett das Geigenspiel mit vier Jahren, mit vierzehn Jahren
bekam er seinen ersten Plattenvertrag, spielte Mozart und verdiente etwa
100.000 Euro jährlich. Seine Eltern waren seine Manager. Leider konnten sie
nicht verhindern, dass er bei den Konzerten Flug und Hotel selbst bezahlen
musste, und versicherten seine Geige so hoch, dass er allein dafür 10 000
Euro löhnen musste. So kam es, dass sein Geld aufgebraucht war, als er
in New York auf die Juilliard School gehen wollte, und er als Barkeeper
und Model arbeiten musste, zumal der Unterricht bei den Musikern dort
jährlich 33.000 Euro kostete. Dann lernte er seinen Berliner Konzertveranstalter
DEAG kennen. Durch die von der DEAG Music, seinem Musiklabel,
vermittelten Auftritte konnte er seine Alben gut verkaufen. „Encore“ steht
seit seiner Veröffentlichung im Oktober 2008 in den Top 20 der deutschen
Albencharts. Die Popularität seiner Musik, seine Stradivari und nicht zuletzt
sein Charme trugen zu dem Erfolg bei. Dieses Jahr wurde er mit dem Echo
Klassik ausgezeichnet.