Ich hatte das Ziel, Dresden in die Welt zu tragen!

Prof. Dr. Martin Roth hat 20 Jahre als Direktor des Deutschen Hygiene-Museums und der Staatlichen Kunstsammlungen die Kulturlandschaft in Dresden zu einem großen Teil neu aufgebaut und bestimmt. Heute ist er Leiter des Victoria and Albert Museums in London. Disy traf ihn am Rande des 25-jährigen Jubiläums der Architektenkammer Sachsen, fragte ihn, was ihn noch mit Dresden verbindet, und hörte genau zu, was er rückblickend über seine Dresdner Zeit referierte.

 

Die grauen Haare kommen zum Teil von hier. Ich habe aber auch sehr viel Freude hier gehabt. Nun nach fünf Jahren bin ich wieder zurück gekehrt und unterhalte mich etwas mit Ihnen. Ich bin sehr offen und direkt und ehrlich.

 

Wenn ich morgens ins Büro gehe, ins Victoria and Albert Museum, bin ich meistens zu Fuß unterwegs, eine gute halbe Stunde von Hammersmith nach South Kensington und ob Sie es glauben oder nicht – ich denke jeden Morgen an Sachsen. Und zwar wegen des Wappens von Prinz Albert, der im Hyde Park sitzt und dem wir dieses Museum zu verdanken haben. Ich arbeite in einem zutiefst sächsischen Museum.Prinz Albert war sozusagen der Erfinder der ersten Weltausstellung,1851, und entwarf den Crystal Palace. Da sind wir schon bei der Architektur.In South Kensington hat er Architektur von unglaublichem Wert hinterlassen. Inspiriert wurde er von einem engen Freund, einem Flüchtling im Exil. Zusammen haben sie unglaublich viel erreicht, irrwitzige Gebäude entworfen Mitte des 19. Jahrhunderts. Schauen Sie sich das gerne mal an in unserem Archiv oder auch woanders, es gibt gigantische Sammlungen. Dieser Flüchtling wurde von der sächsischen Geheimpolizei bis nach London verfolgt. Sein Name war Gottfried Semper. Ich werde heute in meiner täglichen Arbeit mit deren Wirken konfrontiert und ich wage zu behaupten, dass die gegenseitige Inspiration auch Dresden zu Gute kam. Mich persönlich beschäftigt immer die Frage, ob ich in den Jahren alles richtig gemacht habe, in denen ich hier in Dresden war. Ich bin Risiken eingegangen, bei denen ich gut unterstützt wurde. Beispielsweise haben wir Coop Himmelb(l)au nach Dresden geholt, womit keiner gerechnet hätte. Ich kann behaupten,dass ich Mut zur Offenheit und zu neuen Themen gezeigt habe. Auf der anderen Seite hatte ich mir das Ziel gesetzt, quasi als Motto in den 20 Jahren, Dresden in die Welt zu tragen und die Welt nach Dresden zu bringen. Das hat offensichtlich nicht ganz so gut funktioniert. Sonst wäre nicht das passiert, was wir aus politischer Sicht hier heute alltäglich erleben.

Ich frage mich, ob es gut war, still zu bleiben, wenn Dinge passiert sind, von denen man damals schon wusste, dass sie nicht rechtens sind. Bis heute frage ich mich, was aus einzelnen Menschen geworden ist.Aus dem Grenzer in Bad Schandau, der 1984 von mir 50 Mark haben wollte, weil er mir sonst mein Visum weggenommen hätte, was er dann auch getan hat. Oder dem Grenzer, der mich bei minus 20 Grad stundenlang im Auto hat sitzen lassen, weil ich angeblich über die gelbe Linie gefahren bin. Oder mein Freund Ralf, von dem ich weiß, dass er mich 15 Jahre lang bespitzelt hat. All das hat man damals so hingenommen, man hat nicht öffentlich darüber geredet. Besonders wenn man aus dem Westen kam, hat man nichts dazu gesagt, weil man nicht der blöde Wessi sein wollte, und hat stattdessen so manches eingesteckt. Steffen Heitmann kam permanent zu mir und hat mich gewarnt, weil ich Coop Himmelb(l)au eingestellt habe und keinen sächsischen Architekten.Die Staatskanzlei hat mich mehr als einmal angerufen, um mir zu sagen,dass, falls ich so weiterarbeiten würde, ich Sachsen doch besser verlassen sollte. Oder Stéphane Beemelmans, der mit erklärt hat, was Loyalität und Herrentreue ist. Und Sie wissen, was mit Herrn Beemelmans heute ist.

Was hat das alles mit Architektur zu tun? Architektur ist gebaute Demokratie. Architektur zeigt, was eine Gesellschaft mit seinen einzelnen Mitgliedern erreichen möchte. Die Frauenkirche und das Residenzschloss sind ein wunderbares Statement, ein Spiegel der Meinungsbildung für die Gesellschaft nach 1989. Wir hätten sie nur öffentlicher und deutlicher diskutieren sollen.

Was bedeutet Replikat? Das Thema ist letztlich in aller Munde. Auch wir machen Ausstellungen, bei der es ausschließlich um Reproduktionen geht. Was bedeutet es, wenn wir heute Gebäude aufnehmen und vermessen, weil wir wissen, dass sie irgendwann zerstört werden und wir sie nachbauen können. All das hätten wir öffentlicher diskutieren können in der Zeit der Wende.

Nach 25 Jahren hätte ich gedacht, dass aus dem Osten die Fragen der nächsten Generationen kommen: Was habt ihr gewusst? Was habt ihr dagegen getan? Aber stattdessen kommt Pegida. Und damit hat tatsächlich keiner gerechnet. 

Das war ein Stück Vergangenheit, ein Stück Gegenwart. Jetzt komme ich zu einem Stück Zukunft. Wenn Sie mal in London sind, möchte ich Sie gerne in das „sächsische“ V&A einladen. Wenn Sie sich den Grundriss des Museums im 19. Jahrhundert anschauen, sehen Sie viel Ingenieurwesen, Architektur und Design. Es ist und war schon immer ein Museum, das sich um diese Themen gekümmert und sie unterstützt hat.

Wir haben ein sehr junges Publikum im V&A, unser Motto ist „Knowledge and creativity“. Und ich habe den Eindruck, dass viele von de-nen zu uns kommen, weil sie glauben, wenn sie sich lange genug in unserem Museum aufhalten, kommt der heilige Geist der Kreativität über sie. Wenn Sie in London leben – und die Lebensverhältnisse sind dort definitiv anders als hier – dann fragen Sie sich automatisch, wo die Miet- und Wohnpreise noch hinführen sollen. Es gibt so viele Menschen,die es sich überhaupt nicht mehr leisten können. Und da rede ich nicht von Randgruppen, sondern von Menschen mit gefestigtem Job und Lebensstil. Ich habe junge Mitarbeiter, die mich fragen, ob ich eine Ahnung hätte, wer zukünftig in einem Museum wie dem V&Aarbeiten soll, weil sie sich dieses Leben nicht mehr leisten könnten.Wer also keinen reichen Ehepartner oder reiche Eltern hat, kann in London gar nicht mehr leben. Wie soll man damit umgehen? Muss man einfach nur mehr bauen? Oder muss es politische Maßnahmen geben? Ist das alles nur der freie Markt oder muss es in diesem Bereich Regulierungen geben? Sie können sich nicht vorstellen, was das im Alltag bedeutet, was das für persönliche Einschränkungen mit sich zieht. Ich habe junge Mitarbeiter, die jeden Tag vier bis fünf Stunden in der Bahn sitzen, weil sie sich nur so weit außerhalb etwas leisten können. Es gehen also auch soziale Verhältnisse damit einher. Das sind alle Themen, die uns alle gemeinsam beschäftigen sollten.

Abschließend würde ich mir als Museumsdirektor wünschen, dass der Fokus auf „the new normal“ und „beyond iconic buildings“ gelegt wird. Es gibt, nicht nur im kulturellen Bereich, zu viele Gebäude, die nur das schöne Paket sind und innen ist heiße Luft. Bestes Beispiel ist China, wo in den letzten fünf Jahren jeden Monat ein neues Museum eröffnet wurde, viele davon aber gar keine Sammlung haben. Zurück zum Normalen, zurück zum Machbaren, zurück zu Funktionalität und Anwendbarkeit. 

Eine Bitte habe ich an Sie alle: Ich baue seit 25 Jahren in beruflich unterschiedlichen Zusammenhängen. Aber ich habe nicht einen einzigen Bauer lebt, in dem das Budget eingehalten worden ist. Mit Volker Staab im Albertinum haben wir es beinahe geschafft, aber eben auch nur fast.Mein Dank geht an die Staatsregierung für die Unterstützung und dafür,dass wir uns immer offen austauschen konnten. An die Architektenkammer und die Öffentlichkeit für die gute Zusammenarbeit.

Und noch eine Bitte an alle: Überlassen Sie das Thema Demokratie nicht dem Ministerpräsidenten oder dem Innenminister. Zuständig sind wir alle,die Regierung zu unterstützen, mutig aufzutreten. Da sind wir wieder beim Thema Mut zum Risiko. Aber nur dann können wir etwas bewirken!