ICH, die REICHSFÜRSTIN

Interview mit Lubomirska von Teschen alias Renata Linné im Sophienkeller

Die Reichsfürstin Lubimirska von Teschen war Mätresse Augusts des Starken, bis er sich in Grafin Cosel verliebte.

Frau Gräfin ...

Ich bin keine Gräfin, sondern Reichsfürstin. Der Titel wurde nur Landesfürsten mit Sitz und Stimme im Reichstag vergeben. Daran, meine Lieben, könnt ihr sehen, wie Kaiser Leopold meine Familie geschätzt hat. Als erste Frau im deutschen Land, und das mit polnischen Wurzeln, darf ich diesen Titel tragen. Also ich kläre das auf: Ich bin die Reichsfürstin Lubomirska von Teschen, spätere Fürstin von Württemberg, die erste polnische Mätresse von August. Die Cosel kam nach mir. Sie hat mir August weggenommen. Aber ich war hier lebenslang am Hof. August brauchte mich ja immer.

Wo haben Sie sich am wohlsten gefühlt?

Sie haben verschiedene Gegenden für sich erobert. Hoyerswerda …Dahin musste ich wegen der Cosel. Sie war noch eifersüchtiger als ich. Den Sitz dort hatte ich über dreißig Jahre, war aber immer wieder hier sehr aktiv. August konnte auf mich nicht verzichten. Die Krabat-Mühle gehörte mir auch. Ich hatte dort sehr viele schöne Dörfer. August war sehr viel in Polen, oft in Warschau und Breslau. Aber es ist dort leider alles verbrannt.Man kann das jetzt nicht ganz genau nachvollziehen. Aber Dresden war schon etwas Besonderes und ist immer noch besonders. Deswegen fühle ich mich heute hier pudelwohl und damals noch besser.

Breslau … Was gefällt Ihnen an Breslau besonders?

Es ist eine Hansestadt. Die Menschen sind sehr freundlich und sprechen
deutsch. Wenn Sie nach Krakou fahren, das ist eine wunderschöne Stadt mit
italienischem Flair, dort spricht man mehr englisch. Aber nach Warschau und
Breslau fährt man nicht lange. Man kommt wieder zurück und fühlt sich wie zu
Hause. Das ist die gleiche Höhe. Sie haben auch von der Natur das Gleiche.

Sie lieben Polen?

Egal, wo Sie in Polen hinkommen, es ist überall schön. Hier genauso. Viele
haben die Umgebung gar nicht kennengelernt. Es lohnt sich herzukommen.
Wenn die Dresdner sagen, wo sie wohnen, wird ihnen noch Urlaub gestrichen.
Da muss man schon aufpassen.

Welche Geschichte hat Ihr Fächer?

Das weiß ich nicht. Ich habe ihn im Antiquariat erworben. Aber Fächer haben
schon etwas Besonderes. Fächer waren nicht nur Luftmaschinen. Es sind SMSVorläufer. Man hat sich damit Zeichen gegeben und verständigt, die Frauen
untereinander, aber auch die Männer.

Welche Zeichen sind das?

Versteckt der Fächer die Hälfte des Gesichts, heißt das: Ich habe Interesse an dir. Ich habe zwei Ehemänner überlebt und mich dann an jungem Volk vergnügt, sagt man mir nach.

Frau Reichsfürstin – die Zeichen!

Ach ja! Also, es gibt ein paar Zeichen, die man auch heute im Beruf nutzen kann. (Sie schlägt den geschlossenen Fächer wiederholt in die andere Hand.) Das braucht man nicht zu übersetzen: Halt die Klappe. (Sie tippt mit dem Fächer an die Schläfe.) Das ist auch geblieben das übersetze ich nicht. Man kann auch mit dem Finger Zeichen geben, muss aber zuvor üben. Denn wenn Sie seitlich unter das Auge tippen, denken die Leute, Sie haben einen laufen. Finger oder
Fächer ans Auge: Ich muss dich dringend sehen. Man kann ja nicht so schnell über die Straße brüllen. Die Taubstummen haben Zeichen. Wir können das auch, wenn wir üben. Den Fächer an die Lippen: Ich muss dich sprechen. Es könnte ja jemand kommen und Sie müssen sich noch schnell absprechen. Egal, wo es ist, die Zeichen können Sie immer gebrauchen. Wenn Sie Ihre Lieben zu Hause verführen wollen, geben Sie dieses Zeichen. (Sie deutet mit dem Fächer auf ihre Lippen.)Was heißt das?

Ich möchte dich küssen?

Du darfst mich küssen. Dann ist er dran. Und wenn ihr ihm zeigen
wollt, dass ihr ihn liebt: Hand aufs Herz, verliebte Augen. Dann gucken
die Kerle in die Augen, weil sie endlich froh sind und denken,
jetzt sagt sie ihm etwas Liebes. Die Hand wandert nach vorn und
die verliebten Augen schauen weiter. Verzeih mir, ich habe Mist gemacht.

Was hat es mit dem Sophienkeller auf sich?

Diese Räumlichkeiten gab es schon damals. Na klar, die Weiber –
Sie wissen schon ... Die Cosel, die mir August abspenstig gemacht
hat, war Augusts Leidenschaft. Eigentlich hätte ich polnische Königin
werden können, denn mein Onkel hat dem August auf den polnischen
Thron geholfen.

War August nicht schon verheiratet?

Meine Ehe wurde vom Papst annulliert. Ich hätte August dann heiraten
können, wenn er irgendwann Witwer geworden wäre. Er hätte Witwer werden müssen. Madame, das Leben war damals hart. Man lebte nicht so lange wie
heute. Und man wusste ja nie. Bei manchen hat man nachgeholfen
wie beim Bruder vom August. Ich will es nicht sagen, es ist, wie es
ist. Dann kam die Cosel und wurde Augusts Leidenschaft. Cosel war
neun Jahre an seiner Seite. Sie hatte die Chance gehabt, bei ihm bis
zum Tod zu bleiben. Das hat sie sich verspielt, obwohl sie viel mehr Rechte hatte als wir anderen.

Wie verspielt?

Sie war gegen die polnische Politik. Dümmer geht es nicht. August
brauchte die polnische Königsmacht. Ich war pausenlos politisch aktiv.
Sie war gegen die polnische Politik. Das geht doch nicht. Ich kann doch
nicht mit dem polnischen König schlafen, Kinder gebären und dann
gegen ihn politisch aktiv sein. Hätte sie mir August nicht weggenommen,
wäre sie nicht in Stolpen gelandet. Strafe muss sein. Tja, nichtsdestotrotz
der mittlere Teil, wenn man hier hinten herübergeht, war dort
das Einsiedelsche Haus. August hat dort Häuser abgekauft, auch von
Graf von Einsiedel, und hat Cosel den mittleren Teil, das Türkische
Palais, gebaut. Das Haus, wie es heute hier steht, wurde so für den
Sohn von August dem Starken ausgebaut. Er wurde auch polnischer
König, verheiratet mit der sehr frommen Maria Josepha aus Wien. Hier
ist Geschichte pur. Das muss man einfach erleben. Wo kann man Geschichte
so leibhaftig erleben und noch die Steine anfassen? Hier war
der Böttger eingesperrt.

Hier?

Natürlich. Er ist von Königstein herübergeschleppt worden. Der durfte
hier schnarchen, aber auch nicht weg. Das ist der, der das Porzellan
erfunden hat. Sie werden oft mit der Cosel verwechselt.
Die Leute, Madame, die mich mit Cosel anreden, würde ich gern auf
die Streckbank nehmen oder ihnen die Zunge abschneiden. Man hat zu
meiner Zeit mit Mätressen Politik gemacht. Wer keine hatte, war niemand.
Man wurde häusermäßig verheiratet. Für sich selbst durften sich
die Kerle eine Mätresse zur Linken halten, die Frau zur Rechten. Damit
haben sie Politik gemacht. Nach hundert Jahren war es aber vorbei.

Sie kannten August gut. Womit hat er noch Politik gemacht?

Man hat auch mit Bauten und Feiern Politik gemacht, wenn man Geld
hatte. Das Zeithainer Lager war ein Manöver, mit dem August zeigte,
dass er Geld hatte und es sich leisten konnte. 30.000 Soldaten hat er
zusammengebracht. Dort wurde der erste Riesenstollen gebacken. Der
Chevalier de Saxe war auch dabei. Er war Gouverneur in Dresden. Er
lebte am längsten von Augusts Kindern, 70 Jahre. Polnisches Blut.

Wie ist das mit dem Adel heute?

Für mich ist der Mensch adlig, der sich auch adlig benimmt und nicht
irgendwie den anderen schlechtmacht. Es ist aber sehr schön, wenn man
einen Titel trägt, merke ich jetzt als Reichsfürstin. Was man dann für
Einfluss hat! Aber die Adligen, die ich kennenlernen durfte, sind sehr
bescheiden. Das zeichnet den Adel aus – groß zu sein und trotzdem ein
bisschen bescheiden. Ich finde es nicht schön, wenn man den Adelstitel
kauft. Man ist das von der Geburt oder durch Heirat. Kaufen kann man
ihn auch, wenn ich an den Gatten von Zsa Zsa Gabor denke. Adlig? Da
soll er doch eine Prinzessin heiraten.

Für Sie war das leichter, Sie wurden schon adlig geboren.

Das, was man mitbekommt, wenn man in so eine Familie geboren wurde,
kann man so schnell nicht erlernen. Man saugt das mit der Mutvermilch auf. Haben Sie den Film von Gräfin Cosel gesehen, der zu DDR-Zeiten in Polen gedreht wurde? Die Cosel wurde von Jadwiga Barańska, einer echten Gräfin,
gespielt. Der musste man nicht beibringen, wie man Haltung annimmt und wie man die anderen anredet. Man kann vieles erlesen, aber diese schöne Haltung nicht. Ich lese übrigens viel. Mein Ziel ist es, dass die Leute zum Buch greifen.
Ich habe die deutsche Sprache durch viel Lesen kennengelernt und liebe Bücher.

Welches Buch würden Sie empfehlen?

Sie können lesen, was Sie möchten. Über mich werden Sie nicht viel finden,
hier ein Stückchen, dort ein Stückchen. Jedes Buch ist gut. Sie müssen
sich nur Gedanken machen und nicht alles glauben. Ich google gern, aber
im Buch zu blättern, ist schöner. Im polnischen Internet stand, dass August
durch den Übergang zur Cosel gelaufen wäre. Aber Cosel gehörte der mittlere
Teil, das Türkische Palais. Da gab es diesen Übergang gar nicht. Sie
dürfen also nicht bedingungslos glauben, was Sie lesen, sondern sollten
hin und wieder nachdenken, in welchem Jahr was entstanden ist.
Die Seufzerbrücke führt zur Hofkirche …
Dort kann man rübergehen. Aber das wurde für Maria Josepha gebaut, als
später Augusts Sohn polnischer König war. August musste dort gar nicht
laufen. Man munkelte, da wäre unten ein Eingang gewesen. Möglich ist es
schon. Es ist eine unterirdische Stadt, die Sie zum Teil heute noch besichtigen
können. Bei Pest oder wenn Feinde vor den Toren waren, hat man
unten gewohnt. Wie angenehm das im Sommer hier ist, und im Winter ist
es warm. Wir haben schon gewusst, was gut ist. Solche Häuser hatten auch
Brunnen. Sophienkeller heißt das aber wegen der Kirche. Die Stadt hatte
begrenzte Möglichkeiten für Beisetzungen. Da hat Fürstin Sophie gnädig
erlaubt, dass man dort Leute beisetzen kann. Es war eine Minoriten-Kirche,
von den Franziskanern, von den Kleinen Brüdern. Die lebten immer
sehr bescheiden. Später war die Kirche wohl auch Stallhof. Oh, ich lasse
Federn!

Ich dachte, das war eine Obstfliege.

Madame, ich lasse Federn. Wo sind wir hängengeblieben? Von der Sophienkirche zum Walter Ulbricht … Walter Ulbricht mochte Kirchen nicht.
Man hatte die Ruinen weggeräumt, nachdem die Engländer und die Amerikaner
die gesamte Fläche bombardiert hatten. Das war freie Fläche. Dann
wurde ein Modell hingestellt, wie Dresden aufgebaut werden soll. Er soll
sehr ostentativ dieses Modell der Kirche weggenommen haben. Sie stand
im Weg und musste weg. Wenn man bedenkt, heute könnten wir die bestimmt
aufbauen. Aber damals gab es die Gelder für andere Sachen. Es
war alles knapp. Im Westen hat man beim Wiederaufbau geholfen. Der
Osten musste Reparationsabgaben an die Sowjetunion leisten.
Hier gab es nichts. Da Ulbricht kein Kirchengänger war und gegen Kirchen Groll hatte, hat er sie dann nicht aufbauen lassen. Damals störte sie irgendwo
in den Planungen. Eigentlich ist das schade, denn Kirchen und Paläste haben sehr viel Geschichte. Wenn es die nicht gegeben hätte, wären wir arm
dran. Daher kommt der Name Sophienkeller.

Kam es hier zur legendären Begegnung zwischen Ihnen und der
Gräfin Cosel?

Sozusagen. Sophienkeller und Schloss grenzen aneinander. Die Cosel war
die erste Grand Dame, die Zweitfrau von August, und hatte das Sagen hier.
Ich war, immer wenn ich gebraucht wurde, politisch wieder da. Wir mussten
uns arrangieren. Das war der Hof. Wir konnten uns nicht ausweichen.
Die Zeiten waren anders. Dann war Besuch im Schloss, wir wurden beide
gerufen, kamen gleichzeitig an, und die Cosel musste mich vorbeilassen,
obwohl sie die Grand Dame war, weil ich die Fürstin war. Das war ein
Vorbeimarsch, meine Lieben. Wenn sie mir schon August weggenommen
hat, wenigstens das.

Ursula Katharina von Altenbockum lebte von 1680 bis
1743. Sie wurde in Warschau als Tochter eines litauischen Truchsess und einer
Westfälin geboren und war ab 1700 Mätresse Augusts des Starken, nachdem
der Papst ihre Ehe mit Fürst Lubomirski geschieden hatte, wobei August sich
Katharinas Beziehungen zum Erzbischof von Gnesen zunutze und sie 1704
zur Mutter machte. Ihr gemeinsamer Sohn hieß wie Augusts Vater Johann Georg
Chevalier de Saxe. Kaum war er geboren, erhob Kaiser Leopold I. sie zur
Reichsfürstin von Teschen. Aber noch bevor das Baby ein Jahr war, verliebte
August sich in die spätere Gräfin Cosel, und Katharina ging nach Hoyerswerda
und von da nach Breslau. Nachdem August die Cosel verbannt hatte, kamKatharina wieder nach Dresden und heiratete 1722 einen Württemberger Prinzen, der aber nur zwölf Jahre später in der Schlacht bei Guastalla fiel. Mit AugustsTod zog sie sich vom Hof zurück.

Renata Linné ist Gästeführer und Dolmetscher. Im April hatte sie ihr
fünfjähriges Jubiläum. Sie wollte nicht selbstständig werden, es hat sich so
ergeben. Sie hat einen ordentlichen Beruf gelernt, ist Elektromonteur. Sie kann
sehr wohl mit den Händen arbeiten und „nicht nur plappern“. Ihre Rolle entspricht
ihrem Naturell. Sie hat Narrenfreiheit im Kostüm. Sie kann allen sagen,
was sie denkt. Sie vermittelt Geschichte pur, nur ein bisschen anders. Ihr Ziel
ist, egal wer mit ihr zu tun hat, soll zum Buch greifen, eine schöne, unterhaltsame
Zeit haben und trotzdem Geschichte lernen.

Der Sophienkeller befindet sich in der historischen Altstadt gegenüber
von Zwinger und Semperoper. Heute werden die Gäste im Sophienkeller
in die barocke Zeit von August dem Starken zurückversetzt. Es ist eine Erlebnisgastronomie, in der man neben hausgemachten sächsischen Spezialitäten
wie Spanferkel und Sauerbraten gleichzeitig Unterhaltung genießen kann.
Zauberer, Gaukler, Musikanten und barocke Figuren laufen von Tisch zu Tisch
und unterhalten die Gäste.