Dresdens älteste Urkunden - "Schätze aus dem Stadtarchiv"

 

Archivdirektor Thomas Kübler: "Ausstellung ist eine Chance, die sich alle Jahrzehnte einmal bietet"
Hört man Thomas Kübler, den Direktor des Dresdner Stadtarchivs, über die neue Ausstellung in seinem Haus reden, hat man das Gefühl, ein einmaliges Ereignis stehe bevor. Danach befragt, weshalb er einen Besuch so sehr empfiehlt, antwortet er: „Warum sollten die Dresdner und ihre Gäste jetzt kommen? Um es einfach zu sagen, die Ausstellung wird nur drei Monate zu sehen sein und danach über Jahrzehnte nicht mehr. Originaldokumente dieser Kategorie zeigt man sehr, sehr selten. Und wenn, dann auch nur für kurze Zeit, in abgedunkelten Räumen, in Spezialvitrinen. Die Ausstellung ist eine Chance, die sich alle Jahrzehnte einmal bietet. Diese Dokumente werden sonst nicht für die Benutzung freigegeben oder in anderen Ausstellungen zu sehen sein.“

Archivbestände das erste Mal seit mehr als zehn Jahren an der Öffentlichkeit
Aber nicht nur solch seltene Dokumente wecken Neugier auf die bis zum 1. Dezember dauernde Ausstellung. Denn es ist auch das erste Mal seit mehr als zehn Jahren, dass überhaupt Bestände des Stadtarchivs wieder in der Öffentlichkeit präsentiert werden. Erst durch den Umzug in die ehemals Königlich-Sächsische Heeresbäckerei im Jahr 1999 ist für eine solche Unternehmung ausreichend Platz geschaffen worden. So können die Originale nunmehr in insgesamt 16 Vitrinen gezeigt werden. Ergänzend dazu sind auf 24 Tafeln erste Zeugnisse der Stadtgeschichte, Dokumente zum Stadt-, Steuer-, Bürger- und Gewerberecht sowie zur Innungsgeschichte des regionalen Handwerks abgebildet. Briefe und Handschriften bedeutender Dresdner Persönlichkeiten finden sich ebenso wie seltene Exponate zur Münzgeschichte der Stadt.

Gefahren fürs Archiv: Papierzerfall, Pilzbefall, Hochwasser
Die Ausstellung widmet sich aber auch den Problemen bei der Erhaltung von Schriftgut. In zwei Vitrinen wird gezeigt, mit welchen Gefahren und Schäden ein Archiv zu kämpfen hat. Dazu gehören nicht nur Papierzerfall oder Pilzbefall, sondern auch Hochwasser. Durch die Flut im Jahr 2002 wurden fast zwei Kilometer Akten so stark beschädigt, dass sie nur durch Schock frosten und Gefriertrocknen gerettet werden konnten. Das verdeutlicht, dass Archivkunde nicht nur trockenes Quellensammeln sein muss – im Gegenteil!

Originaldokumente aus dem 13. und 14. Jahrhundert
Wenn man manche der alten Pergamente sieht, kann man die Begeisterung der Archivmitarbeiter für die ihnen  anvertrauten Unterlagen nachvollziehen. Zu den gezeigten Original-Dokumenten gehört beispielsweise die älteste im Besitz des Stadtarchivs vorhandene Urkunde, die 1260 vom wettinischen Markgrafen Heinrich III. (dem Erlauchten, 1216-1288) ausgestellt worden ist. Dieser war nicht nur Markgraf von Meißen, sondern auch Landgraf von Thüringen und Pfalzgraf von Sachsen. In der Urkunde erteilte Heinrich den Dresdner Bürgern das Recht, in die Stadt kommenden Schuldnern aus dem Ritterstand Pfänder abzunehmen und diese bis zur Klärung der Ansprüche einzubehalten.
Nicht ganz so alt, aber dafür beeindruckender sind die dreizehn Siegel einer Urkunde vom September 1319. Diese Siegel stammten von dreizehn Erzbischöfen und Bischöfen, welche den Gläubigen der Dresdner Kreuzkirche einen Ablassbrief ausstellten. Die Strafe für begangene Sünden konnte damals vermieden werden, indem man ein gutes Werk tat oder Geld gab und dafür einen so genannten (Sünden-)Ablass erhielt.

Außerordentliche Seltenheit: Wachsschreibtafeln aus dem 15. Jahrhundert
Eine außerordentliche Seltenheit ist ein Band Wachsschreibtafeln, der vor allem Dresdner Rechnungen der Jahre 1437 bis 1456 enthält. Seine ursprünglich elf Holzplatten, von denen noch acht erhalten sind, waren wie ein Buch mit einer Hanfschnur verbunden. Auf Vorder- bzw. Rückseite der Platten wurden jeweils 2 mm starke Vertiefungen mit Wachs ausgegossen. In diese Wachstafeln ritzte der Stadtschreiber alljährlich die Ergebnisse des Stadthaushaltes und die Namen der Dresdner Neubürger ein.
Ungeheuer farbenfreudig strahlt uns dagegen das Titelblatt des Dresdner Privilegienbuches von 1584 an. Im Mittelalter waren alle Städte darauf bedacht, von den Landesherren wirtschaftliche und rechtliche Vorteile zu erhalten, die man als Freiheiten, Gnaden oder Privilegien bezeichnete. Beim Ableben des Landesherrn bemühten sich die Städte, vom Nachfolger die Bestätigung und möglichst auch Erweiterung ihrer Freiheiten zu erwirken. Die darüber gegebenen Urkunden wurden in Privilegienbüchern wie diesem aufbewahrt.

Archivdirektor Thomas Kübler: "Unschätzbar wertvolle Unikate"
Abschließend wollen wir von Thomas Kübler noch wissen, was für ihn persönlich das Besondere an dieser Ausstellung ist: „Archive als Aufbewahrungsort papierner Stadtgeschichte sind schon lange keine Klostergewölbe mehr, sondern der Öffentlichkeit seit Mitte des 19. Jahrhunderts zugänglich gemacht worden – zumeist für die Forschung. Jedoch sind und bleiben Ausstellungen mit solch unschätzbar wertvollen Unikaten eine Seltenheit. Dafür sind hauptsächlich konservatorische Gründe verantwortlich.“ Ergänzend fragt er: „Wo sehen Sie in Dresden ein Zeugnis stadtgeschichtlicher Relevanz, das bald 750 Jahre alt ist?“ und antwortet gleich selbst: „Bei uns, in dieser Schatzausstellung.“

Autor: Hans-Holger Malcomeß ("Disy" Herbst 2006)


Lesen Sie hier weiter: Daten und Fakten zum Dresdner Stadtarchiv

 

Abbildung oberhalb:
Der wettinische Markgraf Heinrich III. stellte diese Urkunde am 27. März 1260 aus. Diese Urkunde ist neben der urkundlichen Ersterwähnung von Dresden aus dem Jahre 1206 - die im Hauptstaatsarchiv aufbewahrt wird - das älteste Dokument der Stadt.
(Bildnachweis: Stadtarchiv Dresden, Foto: Frank Höhler)

 

Abbildung oberhalb:
Diese Urkunde vom September 1319 ist ein Ablassbrief für die Gläubigen der Kreuzkirche mit den Siegeln von dreizehn Erzbischöfen und Bischöfen. Bei einem Ablass wurde die Strafe für Sünden erlassen.
(Bildnachweis: Stadtarchiv Dresden, Foto: Frank Höhler)


 

Abbildung links:
Abgebildet ist das älteste Stadtbuch Dresdens, das Vorgänge der Jahre 1404 bis 1436 enthält – unter anderem Niederschriften über öffentlich-rechtliche Belange sowie Eintragungen privater Rechtsgeschäfte. Die Aufsicht über das Stadtbuch führte der jeweilige Stadtschreiber, dessen Amt in Dresden erstmals Ende des 14. Jahrhunderts urkundlich erwähnt wurde.
(Bildnachweis: Stadtarchiv Dresden, Repro: Elvira Wobst)

 

 

 

 

Abbildung rechts:
Dieser äußerst seltene Band Wachsschreibtafeln der Jahre 1437-1456 bestand ursprünglich aus elf Holzplatten (18,7 cm x 36 cm), von denen noch acht erhalten sind. Sie waren wie ein Buch mit einer Hanfschnur verbunden und besitzen auf beiden
Seiten mit Wachs ausgegossene Vertiefungen.
(Bildnachweis: Stadtarchiv Dresden, Repro: Elvira Wobst)

 

 

 

 

 

 

Abbildung rechts:
Dieses prachtvolle Titelblatt schmückt das Dresdner Privilegienbuch von 1584. Vom Landesherren erlangte wirtschaftliche und rechtliche Vorteile – die man damals als Privilegien bezeichnete – wurden in solchen Urkundenbüchern aufbewahrt.
(Bildnachweis: Stadtarchiv Dresden)