- März 21, 2026
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Volker Bock, Partner bei „Noerr“ berät Unternehmen bei Bau- und Projektverträgen für Großprojekte und
Warum er Anwalt wurde, weshalb Netzwerke über Mandate entscheiden und warum die eigentliche Herausforderung der KI nicht die Technik, sondern die Nachwuchsentwicklung ist.
Wie sehen Sie die Zukunft der Anwaltschaft?
Bock: Aus meiner Sicht ist unzweifelhaft: Ein erheblicher Teil dessen, was bisher „menschliche Denkarbeit“ war, wird durch KI ersetzt. Das betrifft Vertragsgestaltung, Recherchen, das Aufbereiten von Informationen. Die Notwendigkeit menschlicher Arbeit wird sich dort deutlich verringern.
Gleichzeitig wird es Bereiche geben, die bleiben: strategische Beratung, Verhandlung, der Umgang mit Menschen – und auch Gerichtsverfahren. Die wirklich spannende Frage ist aber eine andere: Wie entwickeln sich künftig Anwaltspersönlichkeiten?
Ich mache den Job seit 20 Jahren. Ich habe am Anfang viele einfache, teilweise standardisierbare Tätigkeiten ausgeführt – und dabei unglaublich viel gelernt. Genau daraus entsteht später die Fähigkeit, mit Blick über den Tellerrand zu beraten, wirtschaftliche Zusammenhänge zu verstehen, gute Lösungen zu entwickeln.
Wenn KI diese „Lernstrecke“ verkürzt oder verdrängt, haben wir ein Nachwuchsproblem. Kanzleien werden neue Wege finden müssen, wie junge Kollegen ihre Entwicklung hin zu „High-End-Beratern“ trotzdem durchlaufen.
Wo erleben Sie KI schon konkret in der Kanzleipraxis?
Bock: Ein Beispiel sind Due Diligences – also Unternehmensprüfungen bei Transaktionen. Früher haben junge Kollegen viele Verträge durchgesehen, Daten erfasst, Laufzeiten, Unterzeichnungen, Risiken – das war mühsam, aber extrem lehrreich. Heute kann KI so etwas vorbereiten. Wir nutzen das bereits: Wir geben vor, welche Daten wir brauchen, und die KI liefert einen Datensatz. Der ist noch nicht perfekt, also muss man abgleichen, kontrollieren, korrigieren. Aber selbst wenn es „nur“ 90 Prozent korrekt ist, spart es Zeit, weil man Übertragungsarbeit vermeidet.
Ein weiteres Beispiel ist Benchmarking: Wir haben etwa bei Windkraftverträgen Themen wie Haftung, Gewährleistung und Sicherheiten aus verschiedenen Verträgen tabellarisch aufbereiten lassen. Früher saß da sehr teures Personal sehr lange dran. Heute kann das – unter Kontrolle – auch durch Assistenz mit KI vorbereitet werden. Das Ergebnis ist ein starkes internes Arbeitsdokument, auch wenn man es so noch nicht „eins zu eins“ nach außen geben würde.
Heißt das: KI macht die Kanzlei effizienter – aber die Ausbildung schwieriger?
Bock: Genau. Der junge Kollege hat nach drei Jahren früher vielleicht 200 Verträge gesehen – und hat dadurch Muster im Kopf: „Diese Klausel kenne ich“, „So wird das häufig gelöst“. Wenn diese Masse an praktischer Erfahrung wegfällt, entsteht eine Lücke. Das betrifft nicht nur Kanzleien, sondern generell Berufe, in denen man über Wiederholung und Praxis Musterkompetenz aufbaut.
Wie wichtig sind Netzwerke in Ihrem Beruf?
Bock: Extrem wichtig. Zunächst intern: In einer großen Kanzlei muss man wissen, wer was kann. Ich bin zum Beispiel einer der Spezialisten für große Industrieprojekte – da hilft ein gutes internes Netzwerk enorm.
Dann extern: Wir beraten große Unternehmen, wir haben praktisch keine Laufkundschaft. Mandate fallen nicht vom Himmel. Man muss Kontakte pflegen, präsent sein, im Gespräch bleiben. Ich war heute Mittag mit einer Mandantin essen – genau aus dem Grund: Austausch, was gibt es Neues, warum arbeitet man gerade nicht zusammen, was kommt auf den Tisch? Gestern hatte ich ein Gespräch mit jemandem, der auf Mandantenseite die Position gewechselt hat – auch das ist relevant. Außerdem sind wir international tätig: Wenn man etwa Mandanten nach Skandinavien begleitet und kein eigenes Büro dort hat, braucht man belastbare Kontakte zu Kanzleien vor Ort.
Ich nehme auch jedes Jahr an einem europäischen Treffen im Baurechtsbereich teil, dem „European Construction Symposium“. Das ist klein, vertraulich, aber genau dort entstehen die Kontakte, die man später braucht.
Nutzen Sie Social Media beruflich?
Bock: Ja – LinkedIn.
Warum sind Sie Anwalt geworden?
Bock: Ehrlich gesagt war der Start eher ein Schnellschuss. Ich habe Jura studiert, weil man damit viel machen kann. Zum Glück habe ich dann festgestellt: Das macht mir Spaß. Anwalt zu werden war während des Studiums für mich übrigens überhaupt nicht der Plan – Wirtschaftsanwalt sogar eher ein rotes Tuch. Im Referendariat habe ich dann vieles gesehen: Gericht, Verwaltung, Kanzlei. Ich habe nebenher in einer Kanzlei gearbeitet, Einblicke bekommen und fand es spannend, kollegial und sehr dynamisch. So bin ich Anwalt geworden.
Warum haben Sie Dresden für Ihre Arbeit gewählt?
Bock: Ich bin 2000 nach Dresden gekommen – damals zum Studium. Mich haben Dresden und der Osten insgesamt fasziniert, weil hier vieles im Fluss war. Woanders, etwa in meiner fränkischen Heimat, hatte ich das Gefühl, „alles ist seit Ewigkeiten unverändert“, und hier war Aufbruch: Dinge waren unfertig, im Werden, es hat sich bewegt. Das war damals eine sehr spannende Zeit. Über die Jahre habe ich Dresden lieben gelernt – es ist mein Zuhause geworden.
Lohnt es sich heute noch, Anwalt zu sein?
Bock: Wenn Sie es finanziell meinen: Da gibt es eine große Bandbreite. In einer großen Wirtschaftskanzlei lohnt es sich finanziell auf jeden Fall. Einzelanwälte werden es schwer haben. Es lohnt sich immer, einen Job zu haben, der einem Spaß macht. Und mir macht mein Job sehr viel Spaß – deshalb lohnt es sich für mich.
Wie groß ist Ihre Kanzlei – und wie groß ist der Standort Dresden?
Bock: Insgesamt sind wir sehr groß: In der Kanzlei gibt es über 100 Partner. Insgesamt sind es rund 450 Anwälte. Am Standort Dresden sind wir rund 20 Anwälte, davon sechs Partner.
Sehen Sie Alternativen für sich – jenseits der Anwaltschaft?
Bock: Erstens hoffe ich, dass es noch ein bisschen dauert, bis ich mich ernsthaft damit beschäftigen muss. Aber grundsätzlich: Mein Beruf besteht stark aus Projektberatung. Ich bin Dienstleister, entwickle Lösungen, verhandle, spreche mit Menschen, überzeuge. Das ist nicht der Kernbereich, der durch KI einfach „wegautomatisiert“ wird. Standardisierte Tätigkeiten werden eher ersetzt – und die werden in großen Kanzleien häufig von Nicht-Partnern erledigt. Wenn das Kanzleimodell irgendwann nicht mehr funktionieren sollte, kann ich mir auch vorstellen, als freier Berater zu arbeiten – ob als Anwalt oder als Projektberater. Coaching und Schulungen wären ebenfalls denkbar. Und im schlimmsten Fall mache ich etwas ganz anderes: Ich koche sehr gern und bin gern Gastgeber
Koch wäre zumindest eine Fantasie, die ich ernsthaft sympathisch finde.
Wie wichtig ist es für Sie, einen Fall zu gewinnen?
Bock: Ich mache auch Gerichtsverfahren, aber nicht überwiegend. Wenn ich ein Gerichtsverfahren habe, will ich natürlich gewinnen – da gibt es einen kompetitiven Ehrgeiz. Und ich sage es so, wie es im Alltag gesagt wird: Einen Fall zu verlieren ist „Mist“.
Bei Vertragsverhandlungen ist der Ansatz anders. Da geht es nicht um „Gewinnen“, sondern darum, ein großes Projekt effizient und in einem guten Rahmen zum Laufen zu bringen – natürlich mit Fokus auf den Mandanten, aber am Ende muss das Projekt funktionieren. Ich freue mich in Verhandlungen weniger darüber, etwas „durchgesetzt“ zu haben, als darüber, wenn etwas festgefahren ist und ich eine Brücke finde, über die beide Seiten gehen können.
Wie stellen Sie sich Ihren Ausstieg aus dem Berufsleben vor?
Bock: Früher dachte ich: Ich will möglichst schnell fertig sein mit dem Beruf. Heute ist das Gegenteil der Fall. Ich mache meinen Job wirklich gern. Ich hatte vergangenes Jahr drei Monate Sabbatical – August, September, Oktober. Ich war wandern, reisen, habe gekocht, Zeit für mich gehabt. Das war wichtig, um einmal einen Schritt zurückzutreten. Und es hat mir gleichzeitig gezeigt: Ich komme gern zurück.
Ich bin jetzt 50. In meiner Kanzleiwelt sind 60 bis 65 ein typischer Rahmen – aber ich glaube nicht, dass ich mit 60 aufhören möchte. Ob das dann noch exakt so in der Kanzlei ist oder in anderer Form ist offen. Aber ich glaube, ein Beruf, der Spaß macht, hält einen auch jung.
Haben Sie Tipps für ein gut funktionierendes Backoffice?
Bock: Ja: Das Backoffice muss verstehen, was wir tun – und warum wir es tun. Dafür braucht es Transparenz, Zeit miteinander und Kommunikation.
Bei uns gibt es zum Beispiel regelmäßige Teamrunden, in denen die Anwälte erzählen, woran sie gerade arbeiten. Das hilft nicht nur uns gegenseitig, sondern auch den Assistenzen, einen Überblick zu haben und Zusammenhänge zu verstehen.
Und noch ein Punkt: Auch IT-Entscheidungen müssen an der Arbeitsrealität ausgerichtet sein. Wir hatten kürzlich Austausch mit der zentralen IT. Da ging es um scheinbar kleine Dinge – etwa wie E-Mail-Anhänge durch Sicherheits-Scans „aufpoppen“. In unserer Arbeit ist Fokus alles: Wir brauchen einen klaren Kopf, einen ruhigen Bildschirm, Konzentration. Wenn Systeme ständig stören, kosten sie Produktivität. Das klingt banal, ist aber für die Qualität unserer Arbeit entscheidend.
Was war Ihr spektakulärster Fall?
Bock: Ein sehr prägender Fall war ein großes Schiedsverfahren zu einem Kraftwerk und Kraftwerksmängeln – technisch komplex, juristisch anspruchsvoll, wirtschaftlich großvolumig. Da habe ich viel über Turbinentechnik gelernt und es war ein Verfahren, das wir am Ende sehr gut gewonnen haben – es ging um einen dreistelligen Millionenbetrag.
Und ein Beispiel, das öffentlich bekannter ist: Wir haben für die Bundesrepublik Deutschland die Errichtung eines LNG-Terminals begleitet – konkret Wilhelmshaven 2. Das war in der Zeit, in der diese Terminals sehr schnell realisiert werden mussten und das dann auch geklappt hat.
Was würden Sie in Bezug auf die Justiz in Deutschland ändern?
Bock: Wir müssen Verfahrenszeiten beschleunigen. Viele Gerichtsverfahren dauern zu lange – das schadet dem Vertrauen in den Rechtsstaat. Das ist nicht nur ein juristisches, sondern auch ein wirtschaftliches und gesellschaftliches Problem.
Dafür braucht es bessere Ausstattung – Personal und Material – und gleichzeitig einen Wandel hin zu mehr Effizienz und Servicekultur. Ich habe sehr gute Beispiele erlebt: Etwa eine Kammer, die extrem gut vorbereitet war, Ansprüche sauber strukturiert und sogar in einer Excel-Tabelle transparent aufbereitet hat, um Vergleichsgespräche zu führen. Das war professionell – davon brauchen wir mehr. Aber es funktioniert nur, wenn Gerichte technisch und personell in die Lage versetzt werden und wenn es auch den Willen zur Modernisierung gibt.
Was würden Sie in Ihrem Fachgebiet ändern?
Bock: Mein Kern sind Bauverträge und Projektberatung. Im Vertragsrecht selbst gäbe es nicht „den einen“ Punkt. Aber der Regulierungs- und Genehmigungsrahmen für Projekte muss entschlackt werden. Genehmigungs- und Bearbeitungszeiten sind zu lang. Und die Menge an Normen macht Projekte zu teuer. Unterm Strich: Bauen muss schneller und günstiger werden – dafür muss die Politik die Rahmenbedingungen prüfen und anpassen.
Sehen Sie Absurdes in der Gesetzgebung?
Bock: Natürlich gibt es Absurditäten – wie überall. Aber ich bin kein großer Freund davon, einzelne Regelungen herauszuzerren, nur um sie lächerlich zu machen. Verächtlich machen kann man vieles. Ich finde insgesamt, dass die Gesetzgebung in Deutschland überwiegend gut funktioniert. Wenn ich etwas „Drolliges“ lese, dann eher aus klassischen, sehr alten Regelungsbereichen – aber ich würde das nicht überbewerten.
Welche Art Mandanten passen zu Ihnen?
Bock: Mandanten, die große Projekte zielgerichtet und effizient verwirklichen wollen, ob nun im Bereich Renewables, Industrie, Logistik. Ich arbeite häufig an großen Industrie- und Infrastrukturthemen, bei denen es darum geht, Projekte sauber zu strukturieren, Risiken zu managen und Lösungen zu verhandeln.
Was sind Sie für eine Anwaltspersönlichkeit?
Bock: Ich bin eher ein Ermöglicher als ein Zerstörer. Mir liegt es, kreative Kompromisse zu finden und Dinge ruhig, sachlich und fokussiert zum Ziel zu bringen. Und ich würde sagen: Ich bin ein guter Verhandler.
Was sind Ihre bekanntesten Publikationen?
Bock: Ich publiziere nicht klassisch „laufend“, aber ich habe Beiträge in Standardwerken: Vertragsmuster für Architekten- und Ingenieurrecht (bei beck-online) sowie das Kapitel zu Mängelrechten in „AnwaltFormulare Bau- und Architektenrecht“ (Deutscher Anwaltverlag).
Kurzvita Volker Bock
Volker Bock ist seit rund 20 Jahren als Rechtsanwalt tätig und Partner der Wirtschaftskanzlei „Noerr“ mit Sitz in Dresden. Er kam im Jahr 2000 zum Studium nach Dresden und berät heute Unternehmen und öffentliche Auftraggeber bei großen Industrie-, Bau- und Infrastrukturprojekten.
Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen Bau- und Projektverträge, komplexe Vertragsverhandlungen sowie die strategische Begleitung von Großvorhaben. Bock ist an mehreren juristischen Standardwerken beteiligt, unter anderem mit Vertragsmustern im Architekten- und Ingenieurrecht sowie Beiträgen zu Anwaltsformularen im Baurecht.
Im Jahr seines 50. Geburtstags nahm er sich ein mehrmonatiges Sabbatical, bevor er bewusst in den Kanzleialltag zurückkehrte.
Kontakt:
Volker Bock
Rechtsanwalt | Partner
Noerr Partnerschaftsgesellschaft mbB
Paul-Schwarze-Straße 2 | 01097 Dresden
T +49 351 81660 50 | M +49 160 8953098
Volker.Bock@noerr.com | noerr.com