Der Relaunch
Im Prinzip weiß ich inzwischen, was mich an dem Schiff am meisten gefesselt hat. Es waren die gegensätzlichen Extreme. Ich habe es im Weltreiseblog oft mit dem Auf und Ab der Wellen verglichen. Es gab nichts dazwischen, keine Mitte. Entweder oben oder unten, hop oder top. Die Erlebnisse auf den Weltreisen haben die Definition von Extremen in meinem Leben sehr ausgeweitet und so könnte es sein, dass sich im Augenblick eine Überreizung nach ganz oben oder unten einschleicht. In meinem Fall heißt „ganz oben“ Stress in höchster Frequenz…
Die letzten drei Wochen habe ich wohl den Rekord in „Wie lange überlebt ein Mensch ohne Schlaf“ gebrochen. Zusammen mit meiner Artdirektorin Anke haben wir einen Relaunch von Disy durchgeführt. Fast ein völlig neues Magazin mit 180 Seiten. Und wenn ich sage - „Anke und ich“ - dann meine ich „Anke und ich“. Dann heißt das nicht „wir und unser Team“, oder „das Team und wir als Chefs“, sondern das heißt „Anke und ich“. Es war wie bei einem Marathonlauf. Das Feld stürmt los und alle haben ein Ziel. Schon nach den ersten Kilometern merkt man, wer die Sache nur halbherzig angeht und wem die Überzeugung fehlt. Danach fallen die aus, deren Wille für eine überdurchschnittliche Leistung nicht groß genug ist. Danach fallen die aus, die wollen und nicht können. Auf der Strecke bleiben auch die Blender und dann die Lauten, die im Voraus ihren Erfolg proklamieren und nicht viel mehr als Luft hervor bringen. Es gibt auch die Saboteure, die an die eigenen Leistungsgrenzen gestoßen, ihre Wut bei anderen ablassen und das Projekt stören wollen. Es gibt die Ehrgeizigen, die sich vor lauter Krampf selbst blockieren und es gibt die Faulen. Die, die es vielleicht drauf hätten, aber die ihren Hintern einfach nicht hoch bekommen. Es gibt die Netten, die so glatt sind, dass man einfach keine Farbe in ihre Arbeit bringen kann. Es gibt die, die es nie lernen und die, die keinen Stress vertragen. Eigentlich war das die häufigste Ursache der Ausfälle auf unserem Weg zum Relaunch. Die Leute sind einfach nicht belastbar. Sie schwächeln.
Nochmal: Losgegangen sind alle, freiwillig und mit dem Vorsatz, das Ziel zu erreichen. Angekommen sind nur zwei: Anke und ich. Zur Entschuldigung unserer Mitstreiter muss ich anmerken, dass die Situation eine extreme war. Ein extremes Extrem sozusagen. Ein kompletter Relaunch von 180 Seiten in 7 Tagen Redaktions- und 10 Tagen Produktionszeit mit einer Handvoll Leute, wo die großen Verlage an ähnichen Projekten mit vollbestückten Ressorts und Abteilungen dran sitzen in denen Horden von hochbezahlten Fachleuten arbeiten… Ja, das macht nicht jedem Spaß. Nur – mir. Und Anke. Wenn das Adrenalin gar nicht mehr absinkt, wenn die Nacht zum Arbeitstag wird und unter Hochdruck und Anspannung die kreativen Ideen nur so hervor schießen - eine und gleich noch eine bessere und die nächste erst. Wenn die ganze Umgebung dich bedauert – „du Arme“ – und du aber Freude empfindest und Lust, Befriedigung und Spannung. Wenn du so konzentriert arbeitest, dass du nicht merkst, wenn die Sonne untergeht und es dir nur am Weckerklingeln der Tochter auffällt, dass die Sonne schon wieder aufgegangen ist – dann nennt man das „absolut übertrieben“ oder „die Grenzen voll ausgereizt“. Aber es erfüllt einen in diesem Moment. Schließlich steht dort nicht: „die Grenzen überschritten“. Auch wenn es für andere schon der mehrfache Untergang wäre. Wie beim Marathon ist man kurz vor Erreichen des Ziels voll ausgepowert, durstig, erschöpft und würde am liebsten eine Woche durchschlafen. Aber man wartet noch auf das Verkünden der Ergebnisse, die Vergabe der Plätze bei der Siegerehrung. „Wie war dein Lauf?“ Schön war er. „Toll, sich mal nur auf eine Aufgabe zu konzentrieren.“ Obwohl: War ich nicht zwischendurch wieder in Hamburg gewesen, zwei Tage an der Ostsee, habe eine Kinderthemenparty organisiert und durchgeführt, kurz darauf eine Schuleinführung mit der lieben Verwandtschaft von auswärts, habe ein Buchprojekt begonnen und ein neues Konzept für die Sprachschule erarbeitet? Stimmt ja. Und dann die ersten Schultage von Louisa… Nur das Blogschreiben ist leider etwas hinten runter gerutscht. Habe ich euer Verständnis? Zumindest ist das hier doch eine recht ausführliche Entschuldigung. Oder?
