Das Haus am See
Ich bin abgetaucht. Louisa ist mit ihrer Oma bei meiner Oma und ich bin eine Woche allein zu Hause. Eigenartig. Diese Ruhe, diese plötzliche Stille. Nun ist es wirklich, als wäre die Zeit angehalten worden…
Seit der Weltreise habe ich so oft das Gefühl, die Zeit würde still stehen. Ich habe euch das schon beschrieben. Aber nun in dieser Woche ist es als würden die Zeiger der Uhr festkleben, als würde die ganze Welt still verharren, sich ausruhen, abwarten, leiser werden, stumm. Habt ihr den Film „The Lake House“ gesehen? Ich hatte ihn mir auf der Weltreise in Shanghai gekauft. Meine Freunde hatten in hinteren Straßen nur die Hälfte des Preises bezahlt, den ich gelöhnt habe. Aber deren DVDs liefen sogar im normalen Player (zum Beispiel Cats, vielen Dank noch für das Geschenk für Louisa). Meine hingegen kann ich nur auf dem Laptop abspielen wegen der chinesischen Codierung. Aber immerhin, ich habe es gesehen: „The Lake House“. Ich glaube, den Film gibt es inzwischen auch auf Deutsch. Eine irre Geschichte. Da liebt ein Mann eine Frau und sie liebt ihn, aber sie kennen sich nur von Briefen und befinden sich in unterschiedlichen Zeiten mit dem Abstand von zwei Jahren. Sie sind sich begegnet in der Vergangenheit und wussten, sie sind füreinander bestimmt. Sie haben sich verpasst in der Zukunft, weil er nicht auf sie warten wollte und bei einem Unfall ums Leben kam. Aus der Zukunft heraus bittet sie ihn, zwei Jahre auf sie zu warten und durch seine Geduld und das Vertrauen in sie, bringt er sein Leben nicht mehr in Gefahr und sie treffen sich zwei Jahre später für ihn, am selben Tag für sie, wieder. Wenn ihr das jetzt nicht verstanden habt, dann kann ich das nachvollziehen. Ihr solltet euch den Film ansehen. Die Botschaft, wie ich sie verstanden habe, ist: Zeit ist relativ. Wenn man seine große Liebe kennt, muss man sich in Geduld üben und warten. Ist es wirklich die große Liebe, wird sich alles zum Guten wenden.
Okay, es ist ein Hollywood-Streifen. Jaha – ein Film. Ja doch. Und die realistische Anja wird auch mit 32 nicht mehr zur Romantikerin mutieren. Aber der philosophische Ansatz um die Relativität der Zeit ist irre. In dieser Woche stand für mich die Zeit still. Durch mein Kind, das in den Ferien war, fehlte jegliche Dynamik, jegliche Bewegung. Mein Kind ist so etwas wie eine wandelnde Uhr für mich, ein Spiegel der Zeit. Die rapiden Veränderungen, die stetige Entwicklung, das Wachsen, das zunehmende Erfassen der Welt und die Geburtstage meiner Tochter halten mir normalerweise in jedem Augenblick das Werden und Vergehen, den Lauf des Lebens und das Verrinnen der Zeit vor Augen. Nun wo mein Spiegel Urlaub macht, bin ich weniger rastlos, kann ich kurz verharren im Schein der Ewigkeit. Es ist wie eine ruhige Insel der Illusion.
Ich habe diese Woche nur die nötigsten Dinge für meine Jobs getan. Vielmehr habe ich mich mit mir selbst beschäftigt, mit meiner Vergangenheit, mit dem Heute und mit der Zukunft. Dabei ist mir aufgefallen, dass mich keiner gestört hat. Kaum ein Anruf, keine Einladung zum Essen, kein Besuch. Wäre ich nicht so beschäftigt gewesen mit der Ruhe und mit mir, hätte ich mich sehr einsam gefühlt. So aber habe ich den Keller ausgeräumt, sämtliche Kisten und Tüten der letzten Jahre ausgepackt, die ich vor und nach Untervermietungen meiner Wohnung, nach dem Ausräumen von Schränken und dem Aussortieren von Louisas zu klein gewordenen Klamotten, sieben Jahre lang regelmäßig in den Keller geworfen hatte. Auch in meiner Wohnung standen noch Kisten von mir und in der Wohnung von meiner Mutter auch. Mein Leben war wohl sehr hektisch gewesen in den letzten Jahren. In dieser Woche nun, ich bin noch nicht ganz fertig, habe ich neue Kisten von IKEA geholt, eine ganze Ladung Müllsäcke und habe meine Vergangenheit aufgeräumt. Es tat gut, den Müll wegzuschaffen. Ich bin spitze im Wegwerfen. Aber die Dinge, die ich aufheben muss, die haben es mir sehr schwer gemacht. Per Flash bin ich durch die 32 Jahre meines Lebens gesprungen und habe festgestellt, dass ich wohl schon immer diesen Hang zum Dokumentieren hatte. Es ist nicht viel, was ich aufgehoben habe. Ich hänge nicht an Dingen wie Möbeln, Schmuck oder alten Tellern. Aber das, was in den wenigen Kisten ist, ist sehr essentiell. Wenn einer diese Kisten nach meinem Tod finden würde, könnte er lückenlos mein Leben rekonstruieren - ab der ersten Klasse. Dabei würde er in meinen Tagebüchern auch meine Gedanken erfahren können, in Manuskripten Episoden exakt nachlesen und in Briefen, auf Fotos und Videos alles fast nacherleben können. Es ist meine Art, mein Leben regelmäßig zu reflektieren. Es ist meine Art, mit der Vergänglichkeit umzugehen. Es gibt für jedes Kapitel meines Lebens eine Folie mit Zetteln, Fotos, Andenken oder einen Hefter oder sogar eine kleine Extrakiste. Wenn ich einmal alt bin und ich hoffe so sehr, dass ich geistig fit bleibe und auch alt werde (das ist ja leider auf keinen Fall sicher), dann kann ich mein Leben noch einmal leben und noch einmal und noch einmal… Und wenn ich nicht alt werden sollte, dann wünsche ich mir, dass es meine Tochter tut und mein Leben wenigstens einmal rekonstruiert. Barbara Sheer hat in ihrem Buch: „Lebe das Leben deiner Träume“ gesagt, sie würde jedem Menschen empfehlen, seine Autobiografie zu schreiben. Erstmal ist es für jeden Menschen wichtig, sich seiner Vergangenheit bewusst zu sein und dann ist es etwas, das bleibt. Ich glaube auch, dass es gut für die Menschheit wäre, wenn man Erfahrungen, Erlebnisse, Fehler und Erkenntnisse an die folgenden Generationen weitergeben würde. Eben nicht nur die wissenschaftlichen Werke, die Erfindungen und die scheinbar zeitgeschichtlich relevanten Themen. Auch die individuellen und persönlichen Erfahrungen jedes Einzelnen würden dazu beitragen, die Welt zu verbessern. Dessen bin ich mir sicher.
Für mich war es eine schwere Woche in der ich mir manchmal einen Freund an meiner Seite gewünscht hätte. Aber auf der anderen Seite hatte ich in dieser Woche so viele Freunde bei mir, auch so viele Feinde, dass mir reale Menschen vielleicht zu viel geworden wären. Und vielleicht ist es die Zeit, die den Blick verklärt und die ehemaligen Menschen im eigenen Leben nachträglich noch schöner zeichnet. Auf jeden Fall war mir ihre Gesellschaft in dieser Woche lieber als die der gegenwärtigen Mitmenschen, die mich hätten besuchen können. Und es tat jedes Mal weh, den Deckel auf eine der Kisten mit den Erinnerungen zu legen. Aber übermorgen kommt Louisa wieder und mit ihr das reale Leben. Dann geht der Alltag wieder los und soll ich euch etwas sagen? Darüber bin ich überglücklich. Denn ich habe viel mehr Kisten von IKEA geholt, als ich schon füllen kann. Noch viele leere Kisten…
