Warten ist verlorene Zeit
Was mich wirklich nervt, sind Kompromisse allerorten. Hier ein Zugeständnis an die Umstände, dort ein Entgegenkommen, wo man eigentlich nicht hinwollte und zum Schluss ist man scheinbar zufrieden. Allerdings liegt die Betonung auf „schein…“ und „zufrieden“. Ist zufrieden glücklich…
Gestern war ich endlich in Louisas neuer Schule und habe die endgültigen Formalitäten geklärt. Es war der letzte Schultag und die letzte Möglichkeit. Ich habe es so lange aufgeschoben, weil ich auf etwas gewartet habe. Ein Zeichen von außen, eine Entscheidung von mir, eine Spezifizierung eines Projektes im Ausland. Ich habe alles in der Waage gehalten, alle Türen offen bis zur letzten Minute. Nun hat Louisa ihre neue Lehrerin kennen gelernt und ich weiß nicht mal mehr, ob das schlimmer für mich oder für sie ist. Die Lehrerin ist nämlich super. Also wäre es für das Kind schlimm, wenn wir doch noch hier verschwinden würden und für mich, weil mein schlechtes Gewissen noch größer wäre. Die Schule ist toll, die Lehrerin, die Mitschüler. Verflixte Kiste.
Alles offen lassen, alle Möglichkeiten haben – das handhabe ich nun so seit mehreren Jahren, immer in dem Wissen, dass ich doch mal hier wegziehen würde. Die Wohnung neu einrichten- lohnt sich das? Eine Beziehung eingehen-der Abschied würde schmerzen. Die geplanten Projekte beginnen mit mehr Arbeit, mehr Verantwortung und der Gewissheit, dann noch weniger abkömmlich zu sein? Klar ist, so verpasst man das Leben. Man wartet, statt zu leben und zu genießen.
„Wenn du woanders sein wolltest, wärest du da“, erklärte mein Freund, den ich letzten Sonnabend getroffen hatte. Am Freitag habe ich ihn schon wieder gesehen (keine Gerüchte, er ist in einer festen Beziehung). Dieser Freund hat kürzlich seinen Job als Geschäftsführer einer wichtigen Filiale eines internationalen Großkonzerns hingeschmissen, um den Leuten eine Botschaft zu vermitteln und in seinem Leben das zu machen, was er gern möchte. Was genau das ist, definiert er gerade. Und er will als Coach arbeiten. Ich habe ihm angeboten, an mir zu üben. Wenn er es schafft, mich auf den rechten Weg zu bringen, kann er auch Deutschland in drei Jahren zum Weltmeister coachen. Ich bin ein harter Brocken. Aber so manche Sätze von ihm habe ich in den verschiedensten Situationen schon innerlich wiederholt. „Entscheide du und warte nicht auf die Entscheidung von anderen.“ oder „Warten auf was auch immer ist verlorene Zeit.“
So warte ich bei einem meiner Jobprojekte auf die Meinung eines Mannes, der in Wien sitzt und der Termin mit ihm verschiebt sich immer wieder. Immer denke ich, na warten wir mal noch bis… und dadurch können wir nicht durchstarten. Das ist nicht der einzige Termin, der ins Haus steht und der richtungsweisend ist. Aber mein Freund hat Recht, die Entscheidungen kann ich auch allein treffen und ich sollte einmal mehr dankbar sein, dass ich eigentlich nicht von der Meinung anderer abhängig bin. Lieber eine frei getroffene Entscheidung, als ein Kompromiss.
Ist Zufriedenheit das beständige Glück, mit dem man zufrieden sein soll?
PS: Die Sache mit dem Mann, der angeschossen wurde… Vielleicht waren es nur die Nachbarsjungen beim Tontaubenschießen? Ne, die Sache ist schon ernst. Ich habe beschlossen, mit ihm offen darüber zu reden und zu erfahren, was genau da los war oder ist. Wenn ich es vertreten kann, mache ich mit. Sonst würde ich mich ärgern. Ich kann so schlecht an guten Ideen vorbei gehen.
