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Loslassen

Geht nicht! Das mit dem Schließen der Türen schaffe ich nicht. Kontakte glatt abbrechen? Entscheidungen treffen und die Alternativen für immer vergessen? Verantwortung abgeben und blind vertrauen? Ins Wochenende starten und die Geschäfte in der Redaktion lassen? Eine Weltreise beenden und nicht ein bisschen nachtrauern? Ich weiß man sollte loslassen, aber ich kann das nicht …

Loslassen hat viel mit Vertrauen zu tun. Vertrauen in andere Menschen, in die Gegenwart und Zukunft, in die eigene Fähigkeit, richtige Entscheidungen zu treffen und darauf, dass sich das Schicksal auch ohne eigenes Zutun zum Guten wendet.

Mit meinem Kind übe ich gerade „Loslassen“ in seiner reinsten Form. Ich lerne ihr nämlich Fahrradfahren. Ist das mit sechs Jahren etwas spät? Sicher. Ich sehe auf den Straßen und Fußwegen schon ganz Kleine hinter den Eltern herstrampeln, Louisas Freundinnen im Kindergarten können es schon lange. Louisa hat ihr Rad auch schon eine ganze Weile, der Helm wird schon fast zu klein. Das wir so wenig üben, liegt eindeutig an mir. Zum Einen, weil meiner Meinung nach Väter oder zumindest Männer für diese Aufgabe zuständig wären, zum anderen, weil ich Angst habe, sie könnte sich etwas tun. Jaha, ich weiß das das Quatsch ist. Ist mir klar, dass ich das sowieso nicht verhindern kann. Aber es ist schwer.

Ich kann mich an keine Situation erinnern, bei der das „Loslassen“ mit einem so klaren Bild verknüpft war. Mit meiner rechten Hand hielt ich sie am linken Oberarm und rannte neben dem Fahrrad her. Nicht nur einen Tag oder zwei, ehrlich gesagt haben wir so ziemlich oft trainiert. Louisa wurde immer ungeduldiger: „Lass mich los“, rief sie und: „Keine Angst, Mama.“ Wäre es nicht mein Part gewesen, sie zu beruhigen und ihr die Angst zu nehmen? Und dann kam zwangsläufig die „Loslass-Übung“. Ich hielt sie nur noch beim Anfahren und als sie sich stabilisiert hatte, löste ich meine Hand von ihrem Arm, hielt die Luft an und – ließ sie los. Sie fuhr sicher. Wir wiederholten die Übung ein paar Mal. Wobei es mehr eine Übung für mich wurde denn für sie. Das war am Freitag. Gestern und heute fuhr sie nur noch allein vor mir her (ich renne nicht mehr, sie wartet immer an der nächsten Kreuzung).

Das Vertrauen in mein Kind klappt also. Entsprechend ging das auch mit dem Loslassen. Aber sonst? Schwierig.

Kontakte glatt abbrechen kann ich zum Beispiel gar nicht. Dabei würde es meinen Terminkalender, mein schlechtes Gewissen und das Chaos in meinem Kopf sehr entlasten. Wenn man versucht, Kontakt mit allen Freunden zu halten, die man im Laufe des Lebens trifft, würden 24 Stunden täglich nicht reichen. Also muss man auswählen und Entscheidungen treffen. Lieber ein paar qualitativ gute Freundschaften, als viele halbherzige. Schlimm finde ich das langsames Einschlafen von Freundschaften. Man will vielleicht nichts mehr mit den Leuten zu tun haben, aber zieht sie ewig mit sich mit. Das ist besonders bei Männern so ein Thema. Vielleicht hat man doch irgendwann mal keinen anderen und dann wäre da ja immer noch einer…

Thema “Loslassen” und “Weltreise”? In den ersten Wochen habe ich immer geträumt, ich würde auf das Schiff wollen und es verpassen oder ich wäre auf dem Schiff und wollte dort nicht sein. Mein Unterbewusstsein hat da offensichtlich auch nicht gewusst, was es will. Aber beschäftigt hat mich das Thema lange und ist immer noch nicht abgeschlossen. Die Frage: Will ich noch mal auf´s Schiff oder nicht? Sicher ist, dass ich im Herbst noch eine kurze Reise auf der Amadea machen werde. Aber ob es noch eine Weltreise werden soll? Wenn ja, Amadea oder ein anderes Schiff? Bevor ich versuche, die amtlichen Genehmigungen von den Behörden wegen Louisas Schule einzuholen, muss ich erstmal wissen, was ich will. Sollte ich das Thema Schiff nicht auch lieber loslassen? Es kann doch nicht mein ganzes Leben begleiten und immer wieder die Ruhe stören: „Hallo Anja, hier bin ich. Das Schiff – willst du nicht kommen? Uahhh.“ Wie ihr seht ist es wieder mal nach Mitternacht und die Stimmen tauchen auf. Welche Brigitte-Kommentatorin hatte mir in der einen Nacht beim Beantworten der Fragen angeblich über die Schulter geschaut?

Dann wäre da noch die Sache mit Disy. Zurzeit gibt es viele verschiedene Projekte und sicher ist – alle Ideen können wir nicht umsetzten. Dafür haben wir nicht genug gute Leute. Aber die Ideen sind so perfekt und ich weiß genau, dass der Markt das hergibt. Sprich: Erfolg ist sicher. Aber wir schaffen es von den Kapazitäten nicht. Also welche Erfolg versprechende Geschichte lasse ich dann fallen? Eigentlich keine. Denn das ist nicht meine Art.

Und dann gibt es noch die anderen Ideen. Sie heißen Wien, Hamburg, Berlin und Dubai. Zeitgleich an fünf Orten zu sein? Das hätte ich am liebsten. Aber von fünf Möglichkeiten kann man maximal zwei kombinieren, drei muss man loslassen. Wenn man alle Ideen immer wieder aufwärmt, sie mitzieht, kommt man auch hier nie zur Ruhe. Aber ich kann doch nicht loslassen. Wie also weiter?

Anja Fliessbach | 16. Juli 2007 | 00:47

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