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Disy weblog » Bitte ein Happy End!

Bitte ein Happy End!

Eigentlich bin ich doch ziemlich cool, oder? Dafür, dass ein Traum vorbei ist, gehe ich sehr robust durch den Tag. Wie früher mit raschem Schritt, fliegendem Haar und wehendem Mantel. Kundentermine, Konferenzen, neue Projekte, Computerarbeit nachts und Wachhalten mit Schokolade. Viel gelernt scheine ich nicht zu haben…

"Du bist gut drauf, das ist schön", höre ich immer wieder von den Leuten, die mich kennen. Solche, die denken, mich zu kennen. Selbst ich finde, ich bin gut drauf. "Stürz dich in die Arbeit", hatte Conny aus Spanien am Telefon gesagt. Stimmt. Simples Rezept. Funktioniert immer. Und so lächle ich in den Tag, bin dynamisch, fit, optimistisch, motiviert und motivierend. Das ist nicht mal gespielt. Ich kenne die Mechanismen, die mich schützen. Hab wieder mein Mäntelchen an. Etwas dicker als ein Panzer und auf jeden Fall dicker, als vor der Weltreise. Trotzdem ist er nicht so dicht wie früher. Hat ein Leck und manchmal schleichen sich die Emotionen rein. Die kriechen dann wie Regentropfen in den Nacken, laufen den Rücken hinunter, lassen einen frösteln und bald ist man völlig durch und fühlt sich wie ein begossener Pudel. Das einzige Mittel ist: Keine Pausen machen. Aber wenn die Vernunft mich dann morgens vom Schreibtisch doch noch ins Bett treibt, kann ich trotzdem nicht schlafen. Immer diese Filme. Was wäre gewesen, wenn…? Dann bin ich der Regisseur, der sich hier und da einen anderen Ausgang der Weltreisegeschichte zusammen bastelt. He, ihr Drehbuchschreiber! Versucht es mal morgens zwischen 4 und 6 Uhr mit der Arbeit. So kreative Dialoge, überraschende Wendungen und Pointen fallen euch sonst nie ein. Aber so im Morgengrauen, wenn das Grauen einen ansteckt und es einem graut vor der Vergangenheit, der Zukunft und vor allem vor der Normalität, die einzutreten scheint, als ob nie etwas vorgefallen wäre. Manchmal, wenn ich in der Straßenbahn sitze (hab immer noch kein Auto, was ich besonders im Regen mit Tüten voll mit 1,5 Liter Wasserflaschen genieße), betrachte ich die Leute. Leute in der Straßenbahn sind deprimierend. Grau, gleichgültig, müde, habe ich grau schon erwähnt? Dann möchte ich einen am Arm packen und sagen: "He, ich hab gerade eine Weltreise gemacht. Viereinhalb Monate auf einem Superschiff." Richtig laut würde ich das sagen. Nicht, um anzugeben. Diese Art Wert hat die Reise für mich nicht. Aber um die anderen Werte dieser Weltreise wieder auf den Plan zu bringen: Genießen, Ausbruch, Freiheit, große weite Welt, tolle Menschen, kreative Menschen, coole Menschen. Aber ich bleibe stumm und die Gesichter bleiben müde, leer und - eben grau. Und ich habe Angst, dass ich ihre Farbe annehme.

Tja, und nachts zwischen 4 und 6 Uhr, als ich sonst entweder beim Rauschen des Meeres schlummerte, unter den Sternen auf meinem Balkon saß oder an der Spitze des Schiffes auf Deck 11 in die rauschende Dunkelheit blickte, wälze ich mich hier im Bett mit dem schlechten Gewissen, am nächsten Tag noch müder zu sein als am Tag zuvor und gucke Kopfkino. Der Regisseur, in den sich meine sonst noch nicht in Erscheinung getretene multiple Persönlickeit dann verwandelt, hat ein Problem: Er kreiert nur Happy Ends. Dummer Regisseur! Aber er lässt nicht mit sich reden. "Ich will das so und basta", sagt er stur und meint, man müsse nur an das Gute glauben. Ich sollte ihn feuern.

Vielleicht hätte ich heute nicht zum Schreiben meine Lieblings-CD "Notre Dame de Paris" einlegen sollen. Seit dem Schiff höre ich sie das erste Mal wieder. Schwerer Fehler. So müsst ihr halt mal wieder mit so einem Text hier leben. Gebt mir ein paar Stunden, dann bin ich wieder cool.

"Amadea" - Spruch des Tages: "Kein Unglück ist in Wirklichkeit so groß wie unsere Angst." (Franz Werfel)

Musiktipp zur Stimmung: Titel "Danse Mon Esmeralda", Garou, Album: "Notre-Dame de Paris"

Anja Fliessbach | 1. Juni 2007 | 01:35

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