Ein Engel
Mit ihrem weißen Kleid stand sie an Deck. Hinter ihr der blaue Himmel und das Meer. Über ihr zarte weiße Wölkchen und der kleine Heiligenschein schwebte scheinbar über ihrem Kopf. Ich wusste es seit dem ersten Blick in ihre Augen vor über sechs Jahren - mein Kind ist ein Engel.
Liebevoll und mit viel Mühe hatte die Chefin des Amadea-Show-Ensembles, Beate, Louisas Kostüm gebastelt, sie schön frisiert und ihr einen Hauch Glitzer auf die Haut gegeben. Doch kein Stylist der Welt wäre in der Lage gewesen, diese Augen passend zu dem Kostüm zu kreieren. Mein Kind hatte die großen, blauen Augen eines Engels. Vielleicht war sie ja wirklich einer…
Nun, mit den passenden Flügel und mit echten Federn ausgestattet, begann mein
Kind mehr als sonst auf eine besondere Art zu strahlen.
Ich beobachtete sie, wie sie stolz über das Schiff schritt. Huldvoll blickte sie in die Gesichter und wie bei einem Dominospiel, wo ein Stein den anderen anstößt, zauberte sie reihenweise ein Lächeln auf jedes Gesicht. Egal ob Passagier oder Crew, egal ob Mann oder Frau, egal ob uns die Person mochte oder nicht. Jede Miene, so angestrengt, konzentriert oder abwesend sie vorher gewirkt hatte, wurde weich und liebevoll. Was mir auf jeden Fall eine meiner Thesen bestätigte, die ich selbst oft vergesse: Jeder Mensch, egal was für ein Stiesel er oder was für eine Zicke sie auch ist, hatte eine nette Seite. Wer kannte schon die Hintergründe für ihr manchmal unangenehmes Auftreten. Wer machte sich schon die Mühe, zu erfahren, was für Probleme die andere Person vielleicht gerade hatte. Wir sahen nur die direkte Handlung. Ich muss selbstkritisch sagen, dass ich Spitzenreiter war darin, Dinge persönlich zu nehmen und nicht die Situation dahinter zu erfragen.
Mein Kind nun einte alle Menschen an Bord mit einem Band der Liebe. Klingt das dumm? Das klingt wie eine Sekte, wenn ich das selbst noch mal lese. Aber irgendwie entsprach das der Realität. Louisa strahlte diese Liebe aus. Sie hatte diese unvoreingenommene Herzlichkeit, dieses noch fast unverfälschte Vertrauen in die Menschen, das selbst ich mit meinen manchmal unbedachten Kommentaren in ihrer Gegenwart nicht zerstören konnte.
Dieser Engel strahlte eine Güte und ein Verständnis aus für die depperten Erwachsenen um ihn herum, dass es mir fast das Herz brach.
Ich war so dankbar für so viele einmalige gemeinsame Augenblicke hier an Bord. Wenn wir vor dem Schlafengehen an Deck, ganz vorn an der Spitze des Schiffes, unterm Sternenhimmel zusammen tanzten. Wir versuchten das jeden Abend. Barfuss. Nur wir zwei. Einmal hielt mein Kind mitten in der Bewegung inne und umarmte mich:
"Mama, du darfst nie sterben", sagte sie aus tiefstem Herzen. Spontan wollte ich sagen, dass ich nie sterben werde. Naja, was einem so spontan in den Kopf kommt eben. Stattdessen war ich mir bei meinen
Worten ganz sicher: "Wenn sich jemand so lieb hat wie wir, dann wird er nie wirklich getrennt. Vielleicht sehen wir uns irgendwann nicht mehr, aber im Herzen bin ich immer bei dir." Ich war stolz auf mich. Ich hatte wie immer die Wahrheit gesagt. Das war mir bei allen Menschen und bei meinem Kind ganz besonders wichtig. Trotzdem konnte sich Louisa sicher fühlen. Sie tanzt übrigens gerade in der Kabine, während ich auf dem Balkon schreibe. Sie hat sich im Amadea-Radio den Klassikkanal angeschaltet und hüpft zum Säbeltanz herum. Sie liebt klassische Musik. Das würde sie an die sonntäglichen Mittagessen bei Oma Ina erinnern, wenn es Thüringer Klöße und "leckeren Braten gab, hm."
Louisa mag es, zu essen und sie kocht gern. Kein Wunder, dass sie sich auch gestern als Engel bei den Köchen am wohlsten fühlte. Vielleicht lag es auch an ihren
ähnlichen Kostümen. Sorry, so weiß sehen die ja immer aus.
Sie brachte auch den Kellnern das Lächeln und den Rezeptionisten, den Passagieren und dem Kreuzfahrtleiter und - sie schaffte es sogar mit einigen Reiseleitern.
Statt Mittagsschlaf wollte der Engel dann lieber noch eine Runde allein über das Deck gehen. Sie kam wieder erfüllt mit Fröhlichkeit und übersprudelnder Lebensfreude. "Einige haben sich von mir sogar etwas gewünscht", sagte sie. Beim Mittag wollte eine Frau ein Eis und
bekam es sofort. "Einer der Kellner wünschte sich von mir, seine Tochter bald wieder zu sehen", berichtete Louisa. "Sie ist erst einen Monat alt. Ich weiß schon, wie ich ihm helfe", sagte mein Kind und malte ein Bild mit einem Baby für den Kellner von den Philippinen. Er weinte als sie es ihm gab. "She lightes up everybodys heart", meinte er. Sie erleuchtet Jedermanns Herz. Stimmt. Mein Herz ganz besonders.
Musiktipp: Titel: "Durch meine Finger rinnt die Zeit", Album: "Mamma Mia" Originalerversion der deutschen Aufführung in Hamburg, Original Broadway Cast
Zitat:
Morgens nimmt sie ihre Tasche und geht zur Schule, winkt noch mal rauf, in Gedanken schon ganz weit. Wenn ich sie dann nicht mehr seh´, kämpf´ ich mit den Tränen, dann ist in mir so viel Traurigkeit. Dann denk ich, irgendwann geht sie für immer. Schon jetzt lebt sie in ihrer eigenen Welt. Wenn wir zusammen lachen, denk ich manchmal, wie gut sie mir gefällt.
Und durch meine Finger rinnt die Zeit, wenn ich die Tage und Momente nur halten könnte, doch durch meine Finger rinnt die Zeit. Morgen schon ist heut´ Vergangenheit. Ich weiß bald wird sie eine Frau sein und ich werd´ grau sein, denn durch meine Finger rinnt die Zeit.
Morgens sitz ich neben ihr und sie ißt ihr Frühstück, noch nicht ganz wach wechseln wir oft kaum ein Wort. Kaum ist sie fort tut´s mir leid und ich fühl´ mich schuldig. Wieder ein Moment verloren und fort. Ich wollt mit ihr so vieles unternehmen, ans Meer fahren, in den Bergen wandern gehen. Doch irgendwie kam meistens was dazwischen, heut kann ich’s nicht verstehen.
