Gottesdienst auf Tahiti
Leise und warm wehte der Wind durch die Kirche. Es war, als streichelte er mich, tröstete mich und trotzdem hinterließ er eine leichte Gänsehaut auf meinen Armen. In der Luft lag der süße Geruch von Hibiskusblüten. Die Sonne schien gedämpft durch die bunten Fensterbilder. Doch das Göttlichste in diesem Augenblick war der Gesang der Gläubigen. Es war mit Abstand das Schönste, was ich jemals gehört hatte.
Es war ein Gesang voller Liebe und Trauer, mehrstimmig, schön, hell, klar. Es sang kein Chor, sondern es waren die einfachen Menschen, die an diesem Sonntag in die kleine Kirche in Papeete auf Tahiti gekommen waren. Die Polynesier sind bekannt für ihre harmonischen Melodien und Gesänge, die die Sanftheit und Süße ihrer schönen Inseln ausdrücken. Aber was ich hier in dieser Kirche hörte überstieg jegliche Vorstellungskraft. Es war der Gesang von Menschen, die das Fühlen nicht verlernt haben. Mit unglaublicher Kraft und Leidenschaft legten sie ihr Herz und ihre Seele in diese Lieder. Wie im Trance hatte uns der Gesang angezogen, als wir
durch die Stadt gelaufen waren. Wir konnten nicht anders als in der Mitte der Polynesier Platz zu nehmen und für zwei Stunden mit ihnen eins zu werden. Die ganze Kirche war erfüllt von Liebe und einem Gefühl der Gemeinschaft. Die Frau neben mir, die mit ihrem Hut und dem langen Kleid einer Südstaatlerin ähnelte, berührte mich leicht an der Schulter und lächelte, als sie meine Tränen sah. Eine Mutter mit drei Kindern auf der anderen Seite nickte uns freundlich zu. Der Pfarrer schloss uns in seinen Segen mit ein. Wir gehörten in dem Moment so selbstverständlich in diese Gemeinschaft, dass es mich trotz der heißen Temperaturen fröstelte. Louisa und ich waren die einzigen Auswärtigen.
Sie begannen wieder zu singen. Wie beneidete ich diese Menschen für ihre Fähigkeit, Gefühle auszudrücken. Selbst meine 6-Jährige Tochter saß völlig beeindruckt, ruhig, mit offenem Mund und hoch konzentriert neben mir. Sie saß da mit mir zwei Stunden fasziniert und lauschend. Ich selbst konnte nicht denken, nur fühlen. Trauer und Glück. Als ob die verschiedenen Grundgefühle der Anwesenden sich im Gesang vermischten und mit meinen verschmolzen.
Als der letzte Ton verklungen war und der Gottesdienst offensichtlich zu Ende, kehrte Stille ein. Es war wie dieser kurze Augenblick im Theater nach einer beeindruckenden Vorstellung, wenn die Leute kurz zu sich kommen müssen, bevor der Applaus losbricht. Hier in dieser freundlichen Kirche auf
Tahiti wollten die Menschen offenbar nicht zu sich kommen. Die Stille hielt an und die Menschen blieben sitzen. Manche schnieften und ich sah, wie sie sich mit Taschentüchern die Augen wischten. Sie waren von ihren eigenen Gefühlen überwältigt. Es vergingen zehn Minuten, zwanzig, eine halbe Stunde. Louisa und ich saßen still mittendrin und auch wir konnten nicht aufstehen. Ich wollte nicht weg von diesem Ort. Ich wollte den Augenblick anhalten. In diesem Moment war ich glücklich und zufrieden. Es gab nichts und niemanden in diesen Minuten, den ich vermisste. Es gab keinen Ort auf der Welt, wo ich in diesem Moment sonst hätte sein wollen. Es war alles genau richtig.
Nach und nach stand ein Besucher nach dem anderen lautlos und langsam auf. Bevor sich die Einzelnen auf den Heimweg machten, gingen sie von Bank zu Bank und verabschiedeten sich. Mit einem Händedruck, einem Kuss auf die Wange, einem Lächeln oder sie legten einander kurz und sanft die Hand auf die Schulter. Es war so schön und – sie verabschiedeten sich auch von uns. Als ob wir jeden Sonntag in den letzten Jahren hier gewesen wären und den nächsten und die folgenden Sonntage auch hier sein würden.
Unsere "MS Amadea" lag drei Tage im Hafen von Papeete. Tahiti war nicht die schönste Südseeinsel, hatte aber ihren eigenen Charme. Tahiti hieß für uns auch wieder Passagierwechsel, Abschied und – Umzug. Mehr zur Insel, unseren "Loriot-Sketch-reifen" Erlebnissen an Bord und der Begegnung mit unserer Schwester – morgen.
PS: Die Kirche war übrigens die Cathédrale Notre Dame. Wie ihr schon wisst stammt die schönste und stärkste Musik, die ich bisher kannte aus dem Musical "Der Glöckner von Notre Dame". Das konnte kein Zufall sein.
Musiktipp: Titel "Le Temps Des Cathédrales", Bruno Pelletier (Gringoire), CD: "Notre-Dame de Paris"
