Was soll ich lernen?
Ich bin mir sicher, dass Menschen aus einem bestimmten Grund auf einem Schiff sind. Hier, mitten auf dem Ozean, kreuzen sich plötzlich Lebenslinien der unterschiedlichsten Personen und laufen eine Weile parallel. "Alles was du erlebst, jeden den du triffst - alles hat einen Sinn", hatte die Esotherikerin erklärt, die ich auf unserer ersten Weltreise kennengelernt hatte. Alles hat einen Sinn. Okay. Und welchen, bitte? …
Immer nachts, wenn das Schiff scheinbar mir gehört und ich allein ganz oben auf Deck 10 stehe, das Rauschen des Meeres und das gleichmäßige Brummen des Schiffes höre oder "meine Musik" aus dem iPod, stelle ich mir diese Frage. Ich resümiere die Gespräche des Tages, lasse den Film der Erlebnisse noch einmal ablaufen und versuche Erkenntnisse zu erlangen. Manchmal frage ich auch laut: "Was bitte soll ich lernen?" Keiner da, der mir antworten kann. Nur ich selbst. Wie immer.
Die Schiene mit dem Lernen ist eigentlich ziemlich cool. Wenn der Tag schwierig war, hatte zumindest auch das einen Sinn. Es war zwar nicht schön, aber wir haben etwas gelernt.
Was also sind die Erkenntnisse, die ich bisher erlangt habe?
Lektion 1: Wenn der Himmel wolkig ist, so wie in den letzten Tagen hier in der Südsee, kann man die Farben nicht sehen. Aber sie sind trotzdem da.
Lektion 2: Was mich vor zwei Jahren so begeisterte, ist bei dieser Reise oft uninteressant. Offensichtlich gibt es für alles seine Zeit.
Lektion 3: Die meisten Inseln hier kenne ich schon. Jeder Ort wirkt unterschiedlich abhängig davon, mit wem man unterwegs ist und was man erlebt. Die Menschen sind das entscheidende Element, nicht der Platz.
Lektion 4: Der Mensch lernt nichts. Eine provokante These, schon klar. Man häuft Wissen an und sammelt Erfahrungen. Wird man dadurch klüger? Einige sicher. Ich mache viele Fehler immer wieder.
Lektion 5: Man kann nicht alles selbst bestimmen. Normalerweise bin ich der größte Verfechter der These: "Geht nicht, gibt es nicht." Meine Mitarbeiter zu Hause können den Spruch schon singen. Auf dem Schiff lernt man seine Grenzen kennen obwohl gerade hier alles grenzenlos scheint.
Lektion 6: Das Leben hier ist nicht echt. Es ist wunderschön, aber zum großen Teil nur Schein. Alles wird einem abgenommen. Man braucht sich nicht um sein Essen kümmern, die Kabine wird aufgeräumt, sogar die Wäsche kann man waschen lassen.
Lektion 7: Es ist schwer, nur den Augenblick zu genießen und dabei nicht zu hoffen, dass es immer so weiter gehen könnte.
Lektion 8: Die Sonne geht jeden Morgen neu auf.
Das tut sie nämlich gerade jetzt. Ich mache schnell ein Foto für euch. Sieht das nicht wieder wunderschön aus. Gestern Regen und Wolken, dann eine gedankenschwere Nacht und nun? Nun endlich einer dieser Sonnenaufgänge in der Südsee. So wie ich es kenne, so wie ich es liebe und alles ist wieder gut. Ihr Lieben, ich muss an Deck und genießen. Dann kommt die eine oder andere Erkenntnis sicher ganz von selbst.
Lektion 9: Das Leben ist klasse und das Glück liegt nur in uns selbst.
PS: Wer das Schlafen erfunden hat, war noch nie in der Südsee.
Musiktipp zur Stimmung: Juli, Album: "Ein neuer Tag", Titel: "Wen soll ich suchen, was soll ich finden"
