Mein größtes Glück
Mein größtes Glück ist, dass ich schreiben kann. Das Glück, den Moment festzuhalten, Erlebtes zu verarbeiten und andere daran teilhaben zu lassen. Es ist ein Stück Kampf gegen die Vergänglichkeit. Eine Dokumentation des Lebens. Ein bleibender Beweis dessen, dass ich da war und dass ich tatsächlich alle diese wunderbaren Dinge erleben darf…
Was ist verrückt auf einem Schiff bei einer Fahrt um die Welt? Verrückt ist, mit Freunden zu sitzen und drei oder vier Flaschen Champagner zu trinken. Wir sind alle keine Millionäre (denke ich zumindest). Was kostet die Welt!
Verrückt ist dann auf einem eigenen Balkon zu sitzen (wir haben jetzt wieder einen an unserer neuen Kabine) und über den Weiten des Pazifik Musik zu hören.
Noch verrückter ist es, sich halb fünf Uhr morgens wieder anzuziehen und mit dem iPod über Deck zu gehen. Und wenn man dann denkt, man ist allein und plötzlich steht da einer an der Reling und sieht genauso in die Sterne wie man selbst… Verrückt! Es war einer von den über 100 Phillipinos, die an Bord arbeiten. Er hielt gerade inne, um den Augenblick zu genießen.
Ich ging über das offene Deck 10. Keine Aufbauten, keine Barrieren. Links das Meer, rechts das Meer. Unter uns 4000 Meter nichts, hinter uns drei Tage nichts und vor uns … Nichts. Ich stand eine Stunde ganz vorn an der Spitze des Schiffes mit Blick auf das Schwarze und Unbekannte, was vor uns liegt. Einen Hauch Grusel im Nacken und im Herzen dieses unsagbare, unbeschreibliche Gefühl der Einmaligkeit und Größe dieser Welt. Es drückt, es ist schwer, es lässt einen mühsam atmen. Aber dann tanzt man auf dem Deck, lacht und weiß, es sieht einen kein Mensch (außer vielleicht die Kameras von der Brücke oder der Security Officer). Und endlich weiß man, dass man und warum man lebt.
Habt ihr schon mal einen Mond untergehen sehen? Er sieht so rot aus wie die Sonne, hell, groß und leuchtend. Er verschwindet so schnell wie die Sonne. Nur, dass er wohl meistens unbeobachtet im Meer versinkt. Wer ist schon um sechs Uhr morgens auf dem Pazifik unterwegs und hat Zeit, Lust und Mut, in die Sterne zu sehen. Außer mir ist wie gesagt noch dieser kleiner Mann von den Philippinen da, der Dienst an Deck hat und die Fenster putzen muss. Wir beide kennen uns nicht, noch nie gesehen. Aber wir sind so fasziniert von diesem Schauspiel am Himmel, dass ich ihm meinen zweiten Kopfhörer gebe und er macht eine Pause von seiner Arbeit. Wir stehen da und hören gemeinsam meine Musik.
Bin ich froh, dass ich schreiben kann. Ich möchte diesen Augenblick aufbewahren. Festhalten. Einmeiseln. Einfrieren. Und immer wieder herausholen können. Später, wenn ich wieder an Land bin. Wenn ich wieder vom Alltag gefangen werde. Wenn mir nicht viel bleibt, als die Fotos, die Musik und mein Geschriebenes.
Der Mann von den Philippinen ist schüchtern.. Er arbeitet, ich bin Passagier. Das gehört nicht zusammen und doch sind wir eins in diesem Moment. Scheinbar allein, mitten auf dem Pazifik. Er bedankt sich überschwenglich. Er geht wieder seiner Arbeit nach und ich in meine Kabine.
Da sitze ich jetzt und werde nass geregnet vom Wasser aus den Schläuchen der Reinigungskräfte. Ob mein Klappern auf der Tastatur die anderen Passagiere wecken könnte?
Hoffentlich. Dann könnten sie diesen Sternenhimmel sehen. In der Südsee gibt es scheinbar Milliarden Sterne mehr als zu Hause. Einer am anderen. Es gibt keine Abgase, keine anderen Lichtquellen außer dem Schiff weit und breit. So viele Sterne. So viele Sterne. (Das war kein Schreibfehler). Und ich sage es gern noch einmal: So viele Sterne.
Ich wünsche jedem Menschen, dass er sich das anschauen möge. Wir sind wahrscheinlich nur einmal auf der Welt und keiner sollte da gewesen sein und solche Augenblicke, Orte und Sternenhimmel verpasst haben. Vielleicht ist es für euch nicht die Südsee. Vielleicht ist es der kleine Balkon oder der Blick aus dem Fenster. Nehmt euch die entsprechende Musik auf die Ohren, nehmt eine Portion Leichtigkeit und Freude dazu und genießt. Wenn es kalt ist, nehmt einen Mantel, eine Decke oder wie ich zu Hause nachts im Winter manchmal ein Federbett. Macht eine Pause vom Alltag. Besinnt euch, wer ihr seid, dass ihr da seid und dass ihr glücklich sein könnt, in welcher Situation ihr euch auch befindet. Dann entschuldigt ihr meinen Überschwang und genießt. Genießt den Augenblick! Ich habe ihn hier. Ihr könnt ihn auch haben. Egal wo ihr seid.
Genießt euer Leben!
Mein Musiktipp dazu: Schindlers Liste – Thema, Tasmin Little (Violine), New World Philharmonie, Album: Classical Legends 2
