Editorial Winter 2016

Bin ich ausländerfeindlich? Nicht direkt Ausländer, aber... Jetzt lesen viele Menschen nicht weiter, sicher verliere ich auch eine Menge Stammleser. Falls Sie weiter lesen, vielleicht auch nicht.

 

Ich war selbst viele Jahre Ausländer. Auf meinen Weltreisen, in den Jahren in Boston und Los Angeles, als Gast in vielen arabischen Ländern und Emiraten, in streng islamischen Ländern und in entspannt westlichen.

 

In Amerika und Asien, in Australien, auf pazifischen Inseln, selbst in Russland, China oder Indien fühlte ich mich willkommen (wobei Indien auch speziell ist), in den arabischen Ländern aber unangenehm, beobachtet und ich wurde auch praktisch oft belästigt. Obwohl ich mich an den Kodex hielt und mich je nach Land bis zu den Schultern, Ellbogen oder Handgelenken bedeckte, ich lange Röcke oder Hosen trug, in Moscheen die Schuhe auszog und je nach Vorschrift Kopftuch und in der Abdul-Aziz-Shah-Moschee in Malaysia sogar in einen Tschador schlüpfte - ich zollte den Sitten Respekt, die Bewohner aber nicht mir. 

 

Anfassen, an den Haaren ziehen, unsittliche Gesten... Es mündete in einer Taxifahrt im Jemen, als der Fahrer auf einen einsamen Platz fuhr und meinen damaligen Freund kumpelhaft fragte, ob es okay wäre, wenn er, der Fremde, mit mir Sex hätte. Entsetzt erwarteten wir, dass wir in einen Hinterhalt geraten waren und gleich Kumpels zur Unterstützung kommen würden. Aber es handelte sich wohl nur um eine übliche Sache. Denn als mein Freund böse wurde, fuhr der Fahrer laut fluchend, aber ohne weiteren Stress, zurück zum Schiff. 

 

Besonders in den Jahren, als ich allein mit meiner kleinen Tochter unterwegs war, fühlte ich mich in diesen Ländern zunehmend unwohler. Ich erinnere mich an die gemalte „Hand“, die in Marokko an jeder Wand böse den Willen gegen uns demonstrierte, an die Krumdolche, die in Aden jeder Mann an seinem Tagesgewand trägt. Keine Zierde, eine Waffe. Und dass ich mich immer fragte, womit sie ihr Geld verdienten, wenn sie in Gruppen mitten am Tag auf den Straßen saßen, rauchten und laut stritten. Frauen sah man selten, höchstens auf den Märkten.

 

Aber an ein Gefühl erinnere ich mich besonders: Erleichterung, wenn ich wieder in der sicheren Umgebung auf dem Schiff war, unter meinesgleichen und ich erinnere mich an die Gewissheit, jederzeit nach meinen Reisen nach Deutschland zurück kommen zu können, wo ich tiefe Ruhe und Sicherheit hatte. Nun sind das meine ganz persönlichen Erfahrungen. Es ist mein ganz eigenes Gefühl, das mir Unbehagen bereitet in der Nähe arabischer Menschen, insbesondere Männer. Wollen Sie das verurteilen?

 

Ich kann gegen dieses Gefühl nichts machen. Es ist da. Dagegen kommt keine Moral an. Man kann sagen, ich sollte dieses Gefühl nicht haben. Man kann auch behaupten, ich habe die Politik nicht verstanden. Vielleicht hat man mir die Dinge von Berlin aus nicht richtig erklärt. Übertreibe ich? Bin ich hysterisch? Es ist mein Gefühl!

 

Wenn ich nach Hause komme, will ich die Tür hinter mir zumachen und mich sicher fühlen.

 

Ich habe etwas gegen Pöbelei und Hetze, klar. In der Regierung will ich auch Leute, die Erfahrung und Ahnung von ihrem Job haben. Und ich mag von der Sache her auch Internationalität. Ich finde es groß, wenn Englisch oder Japanisch bei uns gesprochen wird. Ich habe bei mir schon Russen zu Journalisten ausgebildet und eine meiner Lieblingsmitarbeiterinnen ist eine fleißige, ehrgeizige Bulgarin. Wir haben eine französische Gastschülerin und meine Tochter macht französisches Abitur in Dresden. Alles prima! Das bringt die Menschen und die Stadt weiter.

 

Aber die arabische Mentalität, diese spezielle Kultur und die damit verbundene, oft selbst erlebte Respektlosigkeit – die ängstigt mich eben. Mit der fühle ich persönlich mich nicht wohl.

 

Und das Recht auf dieses Gefühl – das habe ich! 

 

Ihre Anja K. Fließbach