Rosentapete, In- Restaurants und ganz viel Jazz: TTT-Chef Stephan Roedel zeigt uns "sein" Paris

TTT-Chef Stephan Roedel vorm Pariser Eiffelturm (Foto: Anja K. Fließbach)

Nein, ich fliege nicht gern. Als die kleine 30-sitzige Maschine der Air France in Leipzig startet, frage ich mich, warum ich mir das wieder und wieder antue. Der Mann neben mir will schlafen. Das tut er immer im Flieger, wenn er um den Erdball jettet. Wer hundert Shops in der ganzen Welt hat, klar, ist oft unterwegs. Stephan Roedel ist Chef von TTT, der Tinten Toner Tankstation. Er kennt sich aus in den Metropolen der Welt, ganz besonders in Paris. Denn hier hat er mal gelebt. Er hat uns von der Disy mitgenommen, um „sein“ Paris zu zeigen.

Nach einer Stunde und zwanzig Minuten setzt der Flieger am Flughafen Charles de Gaulle auf. Wie in Leipzig gibt es hier keine Formalitäten oder Wartezeiten. Von Dresden bis zum Zug nach Paris – 3,5 Stunden. In den Vororten der Stadt fühle ich mich wie zu Hause auf dem Heimweg. Es ist Freitagnachmittag, ein Wochenende liegt vor uns, nur eben in Paris statt in Dresden. Unser Trip hat wenig von einer Reise, es wirkt vertraut, cool, normal. Wir steigen am Boulvard St-Michel aus und laufen durch St-Germain-des-Prés. „Das ist mein Viertel“, erklärt Stephan Roedel und läuft federnden Schrittes voran. Er fühlt sich offensichtlich heimisch in den schmalen Seitenstraßen, wo sich junge Leute und Junggebliebene tummeln, wo sich Gruppen bilden vor den Fenstern der unzähligen Galerien, wo in kleinen Boutiquen und Geschäften Hochbetrieb herrscht, wo uns die Leute neugierig mustern, während sie nebeneinander an den vielen Tischen vor gemütlichen Cáfes ihren Café au lait trinken.
In der Rue Jacob erreichen wir unser kleines Hotel. Verwinkelte Gänge, schmale, mit abgelaufenem Teppich verkleidete Stufen und ein starker Geruch nach Mottenkugeln führt uns zu unseren Zimmern in der zweiten Etage. In den Räumen für die Männer gibt es blaue Stofftapeten mit Muster an den Wänden. Mein Zimmer ist mit Rosentapete verziert, deren starke Farben und auffällige Verschnörkelungen selbst im dämmrigen Licht leuchten. Das Fenster geht zu einem schmalen Innenhof, der nur spärlich Tageslicht einlässt. Was bei uns als bessere Jugendherberge kategorisiert würde, ist Pariser Flair für 125 Euro pro Person und Nacht ohne Frühstück. Was ich sonst nicht gebucht hätte, hier in Paris – ich liebe es.

Unseren späten Lunch genießen wir anschließend in der belgischen Brasserie Léon de Bruxelles. „Die besten Muscheln von Paris“, erklärt Stephan und bestellt große Pötte voll davon. So gestärkt stürzen wir uns wieder in den Trubel des sechsten Stadtbezirks hinter dem Boulevard St.-Michel. Der Wahl-Dresdner zeigt uns den ehemaligen Kindergarten seines Sohnes, die Schule der Kinder, nennt beim Vorbeigehen die Spezialitäten der einzelnen Restaurants („Im ‚le Relais de l’Entrecôte’ kann man bei einer Portion Fleisch so oft nachbestellen, wie man will“), zeigt die kleinen Sehenswüdigkeiten des Viertels. Spannend sind die Anekdoten um die weniger bekannten, aber genauso schönen Bauten von Paris: das Palais du Luxembourg, das im 17. Jahrhundert für die Witwenzeit von Maria von Medici errichtet wurde und wo heute der französische Senat zu Hause ist. Die Kirche Saint-Sulpice in der Nähe ist fast so groß wie Notre-Dame, wurde aber nie fertig. Ein Turm blieb ohne Dekor, ein Giebel stürzte bei einem Blitzschlag ein und wurde nie wieder errichtet. Im Park nebenan ist das Bassin, in dem die französischen Kinder ihre Modellschiffe schwimmen lassen.

Es ist schön hier im Viertel. Der Platz vor der Kirche St.-Germain-des-Pés ist der zentrale Punkt. Die Cafés sind legendär: das Café Flore, das Deux Magots oder die bekannte Brasserie Lipp. Das Publikum ist ausgesucht, leger, abergut gekleidet, gepflegt, intellektuell, gelassen, für einen Klischee-Film über Paris absolut geeignet. Viele Prominente sollen sich hier unters Volk mischen. Unter den Hüten und Baskenmützen erkenne ich sie nicht. Der Weg zur Seine führt uns auch vorbei am Musée d’Orsay. Hier im ehemaligen Bahnhof, der zur Weltausstellung im Jahr 1900 eröffnet wurde, hängen 6000 Kunstwerke von Monet und Renoir bis Sisley und den Kunstrevolutionären des 19. Jahrhunderts.
Ein Kunstwerk ganz anderer Art hat Stephan an einem der zahlreichen Trödelstände am Ufer der Seine entdeckt: ein altes Werbeplakat. Roedel steht darauf. Oh, der Herr ist berühmt hier? So sehr, dass ihn die Maler am berühmt hier? So sehr, dass ihn die Maler am Eingang des Louvre nicht aus ihren Fängen lassen. Von 50 auf zehn Euro gehandelt, malt einer von ihnen eine Roedel-Karikatur. Die Künstler sollen schließlich auch leben.

„Hier unten“, bleibt Stephan mitten auf einer befahrenen Straße stehen und zeigt auf den Asphalt, „hier drunter tobt das Leben.“ Er meint den Louvre, dessen Haupteingang wir meiden. Kaum Menschen stehen an der seitlichen Treppe. Schwupp sind wir drin und stehen am unteren Ende der berühmten Glaspyramide.
Stephan will hier keine Gemälde anschauen, sondern den „größten und schönsten CD-Laden von Paris“ stürmen. Seit zwei Jahren suche ich in allen Musikstores der Welt und in einschlägigen Internetportalen, was ich hier schon nach der ersten Frage bekomme: die DVD des vor einigen Jahren abgesetzten Musicals „Notre Dame de Paris“. Schon allein das war den Flug wert.
Die Dämmerung kommt und Paris verliert nichts von seiner Geschäftigkeit. Mit dem warmen Licht und der glitzernden Beleuchtung kommt die Romantik. Straßenmusikanten packen ihre Instrumente aus, Freunde treffen sich, die Cafés sind immer noch so voll wie zuvor, nur dass der Café au lait dem Aperitif gewichen ist. Wir schließen uns an, genießen Bellini mit Oliven, beobachten die Menschen. Kurz vor Toresschluss kommen wir zum Centre Pompidou. Stephan erklärt das eigenartige Bauwerk, deren Versorgungsleitungen und Schächte außen entlanggehen. Auch hier wollen wir keine Ausstellungen besuchen, sondern im Museumsshop die  verrückten Gebrauchs- und Luxusgegenstände von angesagten Designern bestaunen. Wir stöbern, probieren bunte, eigenartig geformte Dinge aus und lachen. Wenn ich mit dem Auto hier wäre und reich …

Es ist schön, mit einem Insider diese wunderbare Stadt zu erkunden. Wenn ich mich sonst vom Touristenstrom auf der Place de Tertre habe mitziehen lassen, genießen wir diesmal einen Blick auf Paris von den Treppen vor Sacré Coere, was gleich in der Nähe liegt. Man muss es nur wissen. Auch was nachts gerade in ist, steht in keinem Reiseführer. Wir gehen vom Hotel zu Fuß ins AZ. Eine unscheinbare Tür ohne jegliche Werbung gibt den Blick frei auf einen überdachten Innenhof, mit voll besetzten Tischen und einem Lärmpegel, der eher einer Bahnhofshalle als einem noblen In-Restaurant gleicht. Auch der heiße Beat, der von der Balustrade schallt, gibt eine eigenartige Mischung zur exklusiven Speisekarte und dem hervorragenden Service. Hatte ich in meiner Erinnerung arrogante Franzosen, die Deutsch gar nicht und Englisch nur ungern verstehen wollten, treffe ich diesmal aufgeschlossene, freundliche Menschen in der Millionen-Metropole.
Um Mitternacht halten wir Einzug in den ersten Jazzclub. Gemütliche Gewölbe, ausgesuchte Gäste, ein Drink kostet 30 Euro. Aber die Stimmung ist unbezahlbar. Als der erste Club schließt, ziehen wir in den nächsten. Schnell finden wir Freunde. Der Saxofonist steht nach seinem Auftritt mit uns an der Bar, der Schlagzeuger gibt mir seine Telefonnummer. Tabby aus New York, eine verrückte, alte Dame umarmt mich herzlich. „Sehen wir uns morgen wieder, nächste Woche?“ Nein, wir sind nur zu Besuch, auch wenn es nicht so scheint. Mit Tabby aus New York ziehen wir dann weiter durch die Clubs, nachdem sie ihre zwei Drinks für 60 Euro mit einem Hunderter bezahlt hat. „Das hier sind doch meine Freunde“, lacht sie dem jungen Kellner zu.

Über den Dächern von Paris... (Foto: Anja K. Fließbach)

Der nächste Tag beginnt mit der offiziellen Frühstückszeit im Künstlerviertel Saint-Germain: Halb elf sitzen wir, anders geht es eben nicht, in einem wundervollen Straßencáfe. Schon am zweiten Tag würden wir selbst gute Statisten für einen Paris-Klischee-Film abgeben. Baguette und Croissant, Kaffee und heiße Schokolade. „Wie immer“, bestellt Stephan beim Kellner. „Wie überall“, fügt er hinzu und zeigt auf die anderen Tische. Gestärkt und pariserisch relaxt erkunden wir die Stadt zu Fuß, mit dem Schiff auf der Seine und mit der Métro. Diese beeindruckende Stadt unter der Stadt nutzen zwar manche Einheimische nie, ist für uns aber ein abwechslungsreiches Erlebnis: Ein Fahrgast schimpft laut vor sich hin, ein anderer hält Reden, dann kommt eine Südländerin und singt mit engelshoher Stimme Choräle, der nächste bietet eine Art Chaosmusik. Immer wieder lassen wir uns von den Straßencafés verführen. Nehmen Platz für eine Cola zwischendurch, an der nächsten Ecke ein leckeres Crepes mit Schokolade, zwischendurch ein Baguette. Jetzt weiß ich, was Paris mit Verführung zu tun hat.
Und mit Romantik. Die entsteht noch nicht, als wir am Eiffelturm ankommen. Stephan ist aus Vernunftgründen mitgekommen, nicht zum Genießen. Am La Tour Eiffel war er seit Jahren nicht mehr.. Aber zu einem Paris-Report gehört das Foto mit dem 300 m hohen Ingenieurbauwerk von Gustave Eiffel. Auch die Avantgarde und Intelligenz von Paris lehnte damals den Turm ab, der anlässlich der Weltausstellung 1889 errichtet wurde. Hätte man auf seiner Spitze nicht Nachrichten per Leuchtfeuer bis nach Orléans senden können, wäre er nach der Ausstellung abgerissen worden. Wir begnügen uns mit einem Blick vom Parc du Champ de Mars am Fuß des Turms, einem früheren Exerzierfeld der Kadetten von Napoleon.

Die Touristenmassen, die wir am Eiffelturm gemieden haben, begegnen uns unweigerlich auf der Champs -Elysé. Bei Louis Vuitton steht eine lange Schlange von aufgeregten Japanern und anderen Touristen vor der Tür. Die Einlasser reglementieren die Zahl der Kunden im Laden. Und die Leute warten brav. „Das nenne ich Begehrlichkeiten wecken“, freut sich der Dresdner Unternehmer Roedel. Die Créme von Paris selbst kauft ihre Luxusartikel aber eher in den Haute-Couture-Läden in der Avenue Montaigne und der Rue du Faubourg St- Honoré. Den verspäteten Lunch nehmen wir wieder in „unserem Viertel“. Stephan bestellt an einer der typischen Asia-Theken. Man sucht sich die Speisen aus, zeigt darauf. Dann werden sie in kleine Gefäße gefüllt und erhitzt. Scharf, lecker und echte Frühlingsrollen, die mit Salat umwickelt und gedippt werden.
Den Nachmittag verbringen wir mit einem entspannten Schlendern durch die Galerien und Geschäfte von Saint-Germain-de-Pres. „Ich hole mir hier immer viel Input, nehme Trends und Strömungen auf, schaue was angesagt ist, lasse mich inspirieren und anregen“, verrät Roedel. Ich registriere, dass sich Paris im Afrika-Rausch befindet. Ob Kunst oder Mode, Literatur oder Möbel – alles zeigt sich mit afrikanischen Mustern, Formen, Farben und Zeichnungen.

Das Restaurant am Abend allerdings liegt auf einer anderen Trendwelle. Die Pershing-Hall ist mit das Angesagteste, was Paris gerade bietet. Nur weil wir unter dem Namen „Simba“ auf der Gästeliste stehen („Den Namen benutze ich im Ausland immer“, so Weltmann Stephan), führt uns eine Model-Frau durch die Räume zu unserem Platz. Attraktive Model-Kellner bedienen die Model-Gäste. Großes Kino. Der gemütliche Innenhof ist bis auf den letzten Platz besetzt, die anderen Räume des Restaurants sind eine Mischung aus Nachtclub, Lounge und Designertempel. Weiße Einrichtung, rotes und blaues Licht. Cool. Stephan bestellt Champagner. Als wir weit nach Mitternacht aufbrechen, kommt das Taxi kaum durch den dichten Straßenverkehr. Es bilden sich Autoknoten und zugestellte Kreuzungen – nachts in Paris. Auch in der weltberühmten Buddha-Bar gibt es Staus in den schmalen Gängen und vor den Bars. Kein Durchkommen. Wie in Dresden genießen einige Gäste die Tuchfühlung. Zurückhaltend sind sie nicht, die Franzosen. House-Beat, überteuerte Drinks und viele Touristen – wir verziehen uns schnell in „unser Viertel“.

Hier empfängt uns eine fast mediterrane und familiäre Atmosphäre. In Stephans Stammkneipe bleiben wir, bis das Licht angeht. Hier wird wirklich nur französisch gesprochen – aber die Einheimischen reden zumindest langsam mit uns. Lächeln hilft mir über meine verschütteten Abi-Kenntnisse hinweg. Diesmal lehnen wir die Einladung eines netten Franzosen zu einer Fortführung des Bar-Hoppings in Kneipen, die nur die In-Insider kennen, ab. Schon unser Insider Stephan würde uns für wochenlanges „Parisentdecken“ reichen. Die 105-qkm-Stadt wird wohl trotzdem immer ein Stück unergründbar und geheimnisvoll bleiben mit ihrer Mischung aus Geschichte und Moderne, alteingesessenen Konservativen und bunten Paradiesvögeln, Charme und Esprit, Hektik und Gelassenheit, Romantik und Realität.
„In drei Wochen bin ich wieder hier“, lächelt Stephan Roedel zufrieden, als wir mit dem Zug zum Flughafen fahren. Ein schönes Leben. „Es steht doch jedem frei, genauso zu leben“, meint er. Stimmt theoretisch, denn nur drei Stunden später sind wir dank Air France und Porsche wieder in Dresden.

Autorin: Anja K. Fließbach ("Disy" Winter 2006/07)

 

Von Dresden nach Paris - Reisetipps

• Mit der Bahn werden verschiedene Verbindungen angeboten. Die durchschnittliche Reisezeit beträgt zehn bis elf Stunden.

• Mit dem Flugzeug ist man von Dresden mit Zwischenstopp in Frankfurt/Main oder München innerhalb von drei bis vier Stunden in Paris. Flüge mit der Lufthansa verkehren täglich und kosten ab 250 Euro pro Person. Mit Air Berlin ist ein Flug an bestimmten Tagen ebenfalls möglich.

• Neu und praktisch: Direktflüge ab Leipzig. Flugzeit: 80 Minuten.

• Mit dem Auto braucht man 12-14 Stunden. Allerdings sind die französischen Autobahnen fast durchgehend frei befahrbar, sodass man zügig vorankommt.

Tauben an der Seine - allgegenwärtig in der Stadt (Foto: Anja K. Fließbach)