Den Finger am Abzug

Roger Fritz

Roger Fritz fotografiert seit über 60 Jahren alles, von Portraits über Alltagsaufnahmen bis hin zu abstrakten Bildern. Dazu hat er noch viele andere Talente.

Das Wort Multitalent wird nur allzuhäufig benutzt. Roger Fritz kann darüber nur milde lächeln. Er erhielt Preise als Fotograf, Regisseur und hatte ein Restaurant in München. „Die Schauspielerei ist mein kleinster und harmlosester Beruf“, erzählt der 78-Jährige gegenüber Disy.

Schauspieler, Fotograf, Baustoff-Großhändler, Bäcker, Kellner oder Gastronom. In seinem langen Leben hat der Münchner einiges erlebt. Geboren 1936 in Mannheim, begann er in Nürnberg eine Lehre zum Bäcker. "Ich habe es aber nur wenige Tage dort ausgehalten. Dann bin ich abgehauen." Anschließend begann Roger Fritz eine Ausbildung als Baustoff-Großhandelskaufmann. Es war der Beruf, den bisher jeder in seiner Familie ausübte. Ein Onkel aus Mannheim schenkte dem jungen Fritz dann seine erste Fotokamera. "So bin ich Fotograf geworden." Er lernte Heribert List kennen und assistierte ihm. Bereits 1954 und 1956 wurde der Bayer mit dem Photokina-Preis ausgezeichnet. Zwei Jahre später gründete er das Magazin TWEN. Damit sollte er auf Jahre hin maßgeblich die Bildsprache des Fotojournalismus beeinflussen. Später verbrachte er zwei Jahre an der UFA-Nachwuchsschule für Schauspieler in Berlin. Er lebte in Rom und New York und veröffentlichte seine beiden ersten Kurzfilme "Verstummte Stimmen" (ausgezeichnet mit dem Bundesfilmpreis) und "Zimmer im Grünen" (erhält das Prädikat "Besonders wertvoll"). In den achtziger und neunziger Jahren führte er in München seine Lokale Pappasito, Mamasita und Visconti. "Auch ein Lokal hat etwas mit Darstellung und Publikum zu tun. Ist es einigermaßen gut geführt, ist es auch immer eine Art von Inszenierung", so Fritz. 2007 gewann er den Medienpreis für seine Reportage über den Hamburger Stadtteil St. Pauli. Seine Wahlheimat ist München. Doch nicht alles an der Stadt gefällt ihm. "Früher gingen die Künstler in München ein und aus. München hat sich künstlerisch verändert", kritisiert er. "Hier waren viele berühmte Bands wie Freddie Mercury von Queen, die Beatles, die Rolling Stones, oder die Joints, später bekannt als Supertramp. Die haben alle in München Musik gemacht. Irgendwie hat die Stadt es geschafft, sie rauszukriegen." Doch seine größte Leidenschaft bleibt die Fotografie. Sein künstlerisches Schaffen beschränkt sich dabei nicht auf einen Stil. Ob abstrakte Collagen, Portraitfotos oder Bayerische Sportarten. "Zurzeit ist mein liebstes Motiv allerdings das Wasser", verrät er. Die Kunst, mit einem Knopfdruck den Alltag außergewöhnlich aussehen zu lassen, beherrscht er wie kaum ein zweiter. "Heute ist es viel leichter geworden, zu fotografieren. Man muss die Technik hinter der Fotografie nicht mehr beherrschen", so Fritz. Eines seiner kompliziertesten Fotoshootings hatte er mit Bea Fiedler. "Ich wollte eine Aufnahme, auf der sie im Wasser liegt und von einem Wasserstrahl massiert wird. Heute würde man einfach zwei Fotos machen. Durch die feuchte Halle sind mir ständig die Blitzgeräte kaputt gegangen", verrät Fritz. Bea Fiedler lag dabei nahezu pausenlos im Wasser. "Für das Bild hatte ich mir extra einen Kasten bebaut, damit die eine Hälfte des Fotos über und die andere unter Wasser ist", erzählt der Fotograf weiter. Erst nach zehn Stunden hatte Fritz sein Bild. Besondere Freude macht es ihm, Menschen zu beobachten und ihr alltägliches Verhalten abzulichten. "Außerdem halten Fotos auch immer die Zeit fest. Schaut man sie sich Jahre später an, sieht man das Jahrzehnt, in dem sie entstanden sind." Bei aller Leidenschaft bleibt die Fotografie für ihn immer Arbeit. Dennoch gehen Roger Fritz die Ideen nicht aus. "Ich würde gerne ein Fotobuch über aussterbende Handwerkerberufe machen." Für sein Buch "Extrem Bayrisch" schrieb Ottfried Fischer die Texte. "Das hat er allerdings erst nachträglich gemacht. Er sah das Buch und fragte mich, ob er nicht auch ganzseitige Texte dafür verfassen könne", so Fritz. "Ich bin ein großer Fan von Ottfried Fischer, es ist Wahnsinn wie viel er trotz seiner Krankheit noch arbeitet."