Provokant, extravagant und ziemlich laut

Fotos: Galerie Holger John / fotura.com

Wie die Galerie Holger John mit einer Doppelausstellung über Rammstein und Till Lindemann für Aufsehen sorgte

„Rammstein spielte mal inkognito auf dem venezuelischen Maskenball auf Schloss Pillnitz.“

Es war ein bizarres Schauspiel, das sich da 2011 in Berlin abspielte. Ein großer schwarzer Totenwagen, reich verschnörkelt und offen, wurde von vier schwarz gekleideten Pferden durch die Straßen gezogen. Die offene Kutsche gab den Blick auf die sechs weißen Totenmasken frei. Bei genauerer Betrachtung fiel den Schaulustigen das Emblem der Band auf, die sich für diese Prozession verantwortlich zeigte. Rammstein. Diese Prozession von 2011 hat in Dresden im Winter 2013 eine Wiedergeburt erfahren. Mit einer Doppelausstellung in der Galerie Holger John. Er war bereits Künstlerischer Projekt Manager in Berlin. Seine Konzeptzeichnungen zur Prozession und erstmals überhaupt auch die Totenmasken der Band wurden in seiner Galerie ausgestellt. Dazu trat Frontmann und Leadsänger Till Lindemann, ebenfalls eine Premiere, auch außerhalb seiner Band künstlerisch in Erscheinung. "In stillen Nächten", eine Sammlung von handgeschriebener Lyrik und Bildern von Matthias Matthies wurden ebenfalls gezeigt. "Ich saß Weihnachten da, zu stillen Nächten, hatte das Buch in die Hand bekommen und dachte, daraus müsste man was machen. Also habe ich Till Lindemann gefragt und so kam es kurzfristig und schnell zu Stande", erzählt der Kurator. John kennt die Bandmitglieder seit den 80er Jahren. Immer wieder kreuzten sich seine und die Wege Rammsteins. "Ich habe die Band früher schon zu Veranstaltungen nach Dresden eingeladen. Sie spielten zum Beispiel mal inkognito auf dem venezuelischen Maskenball auf Schloss Pillnitz. Die Band ist immer gerne hier her gekommen, weil ihr etwas außergewöhnliches geboten wurde", verrät der Kurator. Für den gebürtigen Leipziger Till Lindemann war John sogar so etwas wie der Motor, um in die bildenden Künste zu gehen. "Für ihn war es überhaupt die erste Ausstellung als bildender Künstler. Neben der Lyrik haben wir auch Plastiken von ihm gezeigt." Diese fallen durchaus provokant aus.

„Wir hatten Besucher aus allen Ländern.“

Doch Provokation gehört bei Rammstein und Till Lindemann einfach dazu. Schon der Name polarisiert: Ramstein ist ein hessischer US-Luftwaffenstützpunkt auf dem sich eines der schlimmsten Flugtagunglücke aller Zeiten abspielte. Darf eine Musikgruppe so ähnlich heißen? In der zwanzigjährigen Bandgeschichte sorgte Rammstein bewusst für einige Skandale, sei es durch ihre teils martialischen Liedtexte oder die häufig exzentrischen und nicht immer jugendfreien Musikvideos. Sich selbst haben Rammstein immer als Künstler gesehen und zur Kunst gehört nun einmal auch Provokation. Die Bilder von Rammsteins Haus und Hof Fotograf Mathias Matthies entstanden übrigens unabhängig von den Texten. "Die Bilder sind entstanden, ohne, dass ich die Texte kannte. Vielleicht passen sie so gut, weil ich Till seit meinem zehnten Lebensjahr kenne und damit auch seine Gefühlswelt. Ich weiß einfach, wie er tickt, denn ich ticke genauso", so Matthies. Seine Familie stammt aus Dresden. Er selbst hat seine Lehre hier gemacht. Inzwischen pendelt er beruflich zwischen Berlin und Schwerin.

Besonders stolz ist John auf die gezeigten Totenmasken. "Sie besitzen eine unglaubliche Strahlung", schwärmt er. Für die Büsten war die Ausstellung in Dresden eine Rückkehr in die Heimat. Sie entstanden nämlich bei der Make-Up-Artist Katrin Westerhausen. "Ich kenne die Band bereits seit 1997", erzählt sie Disy. "Meine erste Arbeit waren die Halbgesichtsmasken aus dem Musikvideo 'Du hast' von 1998." Für das Best-of-Album kam die Band wieder auf die Dresdnerin zu. "Die Totenmasken sind eigentlich keine Masken sondern Büsten, also die Köpfe der Band. Durch die Prozession und dem Thema, dass die Band zu Grabe getragen wird, setzte sich der Begriff 'Totenmaske' irgendwie fest." Die Büsten bestehen übrigens aus Kunststoff. Die Vorlagen für diese entstammen noch aus denen für die Halbgesichtsmasken von 1997. Für Holger John war die Ausstellung ein voller Erfolg. "Wir hatten Besucher aus allen Ländern. Nicht nur junge Menschen, sondern auch Leute, die die Band seit 20 Jahren begleiten. Vom Banker bis zum Manager war alles hier in Dresden." Da Rammstein wochenlang auf ihrer Homepage auf die Galerie verwiesen haben, war das Feedback entsprechend groß. Die nächste Ausstellung findet vom 27. Juni bis 3. August statt. Dann stellt der Dresdner Künstler H. Gunnar Griese seine Werke aus.

Galerie Holger John, Rähnitzsgasse 17, 01097 Dresden-Barockviertel

Till Lindemann

Lindemann wurde 1963 in Leipzig als Sohn des Kinderbuchautors und Schriftsteller Werner Lindemann und der Kulturjournalistin Brigitte Lindemann geboren. Als Jugendlicher war er Leistungssportler im Schwimmen. Nach dem Internat begann er eine Lehre als Tischler und Zimmermann und war Korbflechter und Techniker. Seit 1994 ist er Frontmann, Leadsänger und Texter der Band Rammstein. Seit 1991 schreibt er Gedichte, 2002 erschien sein erster Gedichtband "Messer". Der zweite Gedichtband "In stillen Nächten" wurde mit den Zeichnungen von Matthias Matthies unterlegt.