Nina Hagen - Gott ist kein Erbsenzähler

 

Gott ist kein Erbsenzähler...

Das total verrückte Disy-Interview mit Nina Hagen

Nina Hagen, die Schirmherrin der Irrenoffensive,kam zum Kirchentag nach Dresden. Disy führte mitihr ein besonderes Interview über Stimmen, Drogen, Gottund ganz viel Liebe.

Schön, dass du dir so viel Zeit für Disy und unser Gespräch
nimmst.

Sehr gern. Wir sind vom Guten zusammengefügt worden. Ich
nenne ihn „Gott“. Die Atheisten sagen „das Gute“. Das ist dasselbe.
Hella von Sinnen sagt immer: Warum kannst du nicht
„die Liebe“ statt „Gott“ sagen? Kann ich auch machen, Hella, wenn es
dir besser dabei geht. Das sind doch nur menschliche Worte, die wir für
etwas benutzen.

Es ist schon schön, wenn es ein direkt greifbares Gegenüber ist, auf
das man sich verlassen kann.

Auf den kann man sich verlassen. Den gibt es. Den kann man auch kennenlernen,
Stück für Stück. Eines Tages, wenn wir keine Menschen mehr
sind, wenn wir rübergehen in den Himmel, werden wir alles verstehen.
Jetzt ist alles nur Stückwerk. Dann werden wir der Liebe in die Augen
sehen, der Liebe in Person, unserem Schöpfer, deinem Schöpfer, der dich
über alles liebt. Wir sind hier leider in einer Welt gelandet, wo es Gut
und Böse gibt. Das wird es in der Ewigkeit nicht mehr geben. In der
Ewigkeit werden alle unsere Tränen getrocknet sein. Und wir werden
immer glücklich.

Nur auf Erden nicht …

Warum? Vielleicht sogar schon auf Erden. Man soll die Hoffnung nie aufgeben,
weil Gott alles zusammenfügt, was zusammengehört, der Schritt
ins Paradies, wie Rio Reiser gesungen hat. Jetzt bin ich hier mit diesen
tollen Leuten vereint, und wir machen uns stark für die Patientenrechte,
für die Menschenrechte auch von Psychiatriepatienten. Entsprechende
Gesetze gibt es schon. Die müssen jetzt richtig bekannt gemacht werden.
Daran arbeiten wir gerade.

Du hast einen Pflegesohn, der in der Psychiatrie war ...

Ja, den Klausi Mausi habe ich neulich bei dem Obdachlosen-Weihnachtsfest
bei Frank Zander kennengelernt. Der hat mir erzählt, dass er oft in der
Wärmestube der evangelischen Stadtmission ist. Die nennt sich „Warmer
Otto“ in Berlin-Moabit. Da bin ich dann auch hin, bin da jetzt auch Fördermitglied,
hab mich mit Klaus angefreundet und ihn unter die Fittiche
genommen, weil er ganz allein ist und keine Freunde hat. Weihnachten
hat er bei uns in der Familie verbracht. Das war ganz schön. Er ist mit mir
sogar in die Kirche gestiefelt, in die Kirche, in der ich in meiner Kindheit
immer war. Das steht auch in meinem Buch geschrieben. Die komische
kleine neuapostolische Kirche.

Ist das die, wo der Pfarrer wie ein Clown war?

Ja, genau. Er ist auf den Balkon geklettert und hat Faxen gemacht. Das
war mein Lieblingsclown. Außer meinem Vater, der war natürlich mein
größter Clown. Papi mit der 50er-Jahre-Schreibmaschine, klack klack
klack.

Warst du schon mal unglücklich verliebt?

Ich habe mich mal jahrelang verrannt und war in jemanden verliebt, von
dem nichts zurückkam. Das ist, als ob man ein kleines Häschen ist und
in die falsche Richtung gehoppelt ist, in Richtung Flughafen, wo die immer
starten und landen. Dann sitzt man dort rum und hofft, man kommt
irgendwann wieder auf die andere Straßenseite zu den anderen Hoppelhasen.
Aber nein, da kommt ständig ein Flugzeug.

Was kann man da tun?

Es gibt doch noch ganz andere Männer auf der Welt, die im Sturm erobert
werden könnten. Man darf sich nicht so festbeißen in den einen Mann,
der so weit weg ist. Du kannst ihn weiter liebhaben und ihm deine Liebe
und deine Gebete schicken. Aber du machst dich nur selber traurig, wenn
du nie ein Zeichen von ihm bekommst. Deswegen halt mal deine Äuglein
offen. Guck dir die Leute da draußen an. Da genügt ein Blick von einem
Menschen.

Und wenn das Zeichen kommt?


Schon eine Himmelsportion Liebe! Und dann? Weißt du, was ich dann
machen würde? Ohne Gott ist immer alles so bekloppt und eindimensional
auf dieser Welt. Da versucht man, durch irgendwelche merkwürdigen
Mittel an Informationen heranzukommen. Dabei kannst du doch einfach
vorm Einschlafen beten. Zu deinem Schöpfer gehen, mit dem du zur Zeit
ein bisschen Sendepause hast. Sag ihm, du möchtest gern die Sendepause
beenden. Lieber Schöpfer, der hört sowieso jetzt zu, unser süßer Liebster.
Denn ohne den Weinstock sind wir nichts, werden wir vertrocknete Weintrauben.
Vielleicht Rosinen. Ich habe ein fettes Buch. Da steht drin, dass
ich Gott immer um Hilfe angeschrien habe.

Das klang so einsam.

Ich sag´s dir. Das Leben ist beschissen. Aber mit Gott ist es einfach richtig
gut. Dann ist man plötzlich zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle und
kann sich nur noch wundern, wie der liebe Gott uns alle richtig zusammenfügt,
wie sogar unsere verborgenen Herzenswünsche mit Gottes Hilfe
in Erfüllung gehen. Den dürfen wir aber nicht vergessen. Den müssen wir
zwischendurch immer wieder um Hilfe rufen und bei kleinen Sachen immer
mal wieder „Danke!“ ausrufen. Du kannst das nennen, wie du willst.

Wie nennst du ihn?

Mein Rabbuni. Das ist so ein Kosewort. Das hat die Maria Magdalena
immer zu ihm gesagt. Er ist ein Rabbi, ein Pastor, ein Hirte. Wir sind
seine Schäfchen. In Hebräisch heißt das Rabbuni als Kosename, also Pastorchen.
„Rabbi“ ist auch der Bruder. Das ist die Kraft des Guten. Es ist
Gottes Kraft. Das Böse ist zu oft vertreten in dieser Welt. Wir brauchen
dem Bösen gar nicht unsere Beachtung zu schenken. Das zieht sich von
alleine zurück. Wenn das Gute überhandnimmt, hat das Böse keinen Platz
mehr und macht sich vom Acker.

"Ich sag dir: Das Leben ist ungerecht.
Aber mit Gott ist es einfach richtig gut."

Gibt es jemanden, der richtig greifbar ist und wo du sagen
könntest: Ja, den vergöttere ich, der gibt mir Geborgenheit?



Ja, der Jesus. Das ist er ja. Ich kann
über ihn mehr und mehr in Erfahrung bringen, wenn ich meine Bibel
aufschlage und gucke, was hat der in welchen Situationen gesagt, was
hat er getan?

Siehst du den auch in Menschen?


In Menschen sehe ich ihn überall, speziell in den Obdachlosen, in den Armen,
in den Entrechteten, im Gesicht vom Klausi Mausi, meinem Adoptivschätzchen,
sehe ich ganz oft Gott durchgucken. Das überwältigt mich. Ich
spüre die Liebe zum Leben. Ich weiß, meine Aufgabe ist, auch ganz viel
Liebe zu leben. Wir machen eine Charity-Veranstaltung für die Obdachlosenhilfe
am 28. Januar im Hilton-Hotel in Berlin mit Doktor Motte und ein
paar anderen Künstlern mit der Berliner Stadtmission. Wir haben schon
eine zweite Wärmestube geöffnet. Es geht immer weiter.

Und du willst einen Bauernhof kaufen.


Ja. Ich möchte gern so eine kibbuz-ähnliche, interkulturelle, soziale Sache
schaffen, wo man eine Laubenpieperkolonie für die Obdachlosen
hinbauen kann, wo Ackerland ist, wo Ställe sind für die Tiere und wo
man eigene Hühner haben und eigene Eier essen kann und keine
Angst vor Dioxin-Vergiftung zu haben braucht, wo es einen Hof
und ein Haus gibt, genug Raum, dass jeder auch eine Privatsphäre
hat. Ein Community-Projekt. Wir gucken uns gerade verschiedene Bauernhöfe
im Umland von Berlin an.

Wann kommst du wieder mal nach Dresden?



Da gibt es einen evangelischen Kirchentag in Dresden. Da komme ich.
Da spielen wir ein Konzert. Und ich bin auch bei Podiumsgesprächen
dabei. Irgendwann gehe ich auch zum Besuch in eine katholische Kirche.
Da mache ich auch beim Gottesdienst mit, obwohl ich gar keine Katholikin
bin. Das ist ein ganz süßer Pfarrer. Der will auch interreligiöse
Freundschaften speziell unter uns Christen pflegen. Es ist so bekloppt,
dass wir nicht mehr gemeinsame Aktionen miteinander machen und dass
die Katholischen und die Evangelischen immer so tun, als ob wir an zwei
verschiedene Götter glauben.

Du sagst, es gibt Christen, die gar keine sind, die nur behaupten,
Christen zu sein.



Das siehst du an ihren Früchten. Zum Beispiel George Bush hat behauptet,
ein Christ zu sein. Erstens ist er in einer merkwürdigen Geheimorganisation,
das weiß jeder, und er ist nur vom Munde her Christ. Das hat er
nur gesagt, damit er die Wahlen gewinnt. Der ist aber auf der absolut
antichristlichen Seite. Der war ein ganz schlimmer Kriegsverbrecher.
Da ist auch noch nicht das letzte Wort gesprochen.

Wie stehst du zu Julian Assange jetzt? Für den hattest du dich so engagiert.



Ich kenne ihn nicht persönlich. Ich kann mir keine persönliche Meinung
über einen Menschen bilden, wenn ich ihn nicht kenne. Aber ich
bin der Meinung, dass es total in Ordnung ist, wenn man Dinge in
der Öffentlichkeit bespricht, wenn wir sehen, dass da von den verantwortlichen,
demokratisch gewählten Volksvertretern Schindluder
getrieben wird. Wenn die Scheiße bauen, muss es Whistleblowers
geben, Leute, die in die Trillerpfeife blasen. Wir sind freie Menschen
in einer freien Welt. So wird es uns jedenfalls proklamiert. Wir leben immer noch in einer Demokratie.
Wir müssen aber dafür sorgen, dass die Menschenrechte eingehalten werden.
Es ist ein Menschenrecht, dass wir Redefreiheit und Informationsfreiheit
haben, nicht so wie in Ungarn jetzt, wo die rechtslastige Hauptpartei
ein neues Gesetz erlassen hat, wo die Pressefreiheit nicht mehr besteht,
wo freie Journalisten richtig Ärger kriegen. Wenn die irgendwas in ihrem
Artikel formulieren, was der gegenwärtigen Regierung nicht in den Kram
passt, müssen die hohe Geldstrafen bezahlen. So weit dürfen wir das nicht
kommen lassen. Deswegen müssen wir wach und nüchtern bleiben.

Wem vertraust du da besonders?



Den Leuten, mit denen ich zusammenarbeite im Haus der Demokratie, der
Liga für Menschenrechte. Ich bin jetzt Schirmfrau bei der antipsychiatrischen
Berliner Irrenoffensive der Psychiatrieerfahrenen. Mit dem René
Talbot bin ich in einem Boot und da mehr und mehr beschäftigt für die
Einhaltung der Menschenrechte, sprich des Grundgesetzes.
Der Unantastbarkeit der Menschenwürde …
Wir werden dafür sorgen, dass das Gesetz auch eingehalten wird. Wir sind
gegen die Pseudomaßnahmen irgendwelcher Männer in Kitteln, die vom
Staat legitimierte Foltermaßnahmen gegen Menschen einsetzen. Das ist
ein Vergehen, ein Verbrechen gegen die bestehenden Gesetze. Die müssen
einfach wieder eingefordert und eingehalten werden. Auf Englisch sagt
man law enforcement, Gesetze wieder bekräftigen wie die Wahrung der
Menschenwürde, dass es keine Zwangsmaßnahme in der Psychiatrie
und keine psychiatrische Behandlung gegen den Willen mehr
geben darf. Wenn ein Mensch in eine psychiatrische Behandlung
gehen will, dann aus freiem Willen. Oder wenn er Pillen schlucken
will, die der Arzt ihm verordnen will, dann nur aus freiem Willen,
aber nicht aus Zwang. Das muss unterbunden werden. Vom Gesetz
her haben wir alle Rechte dazu.

Stimmt es, dass du auch mal Stimmen gehört hast, die es gar
nicht gab?


Ich hatte das mal, weißt du. 1979. Lies mal das Kapitel, wo
ich Kokainmissbrauch gemacht habe. 1979 bin ich die ganze Zeit
mit dem Herman Brood und den Filmleuten zusammen gewesen,
da wurde ein Film gedreht, der hieß „Cha cha“. Bei diesem Film
wurde dieses Kokain rumgereicht, als ob es eine Tasse Kaffee wär.
Den ganzen Tag, von früh bis spät. Ich war von dem Zeug aufgewühlt.
Nach vier Wochen habe ich nur noch 45 Kilo gewogen, weil ich nichts
mehr gefressen habe. Das ist ein Appetitshemmer. Ich habe Stimmen gehört.
Die haben mir die blödesten Scheißwörter gesagt. Ich hatte vorher
schon immer geglaubt, mit Gott zu kommunizieren, mich aber in etwas
hineingesteigert, alles, Zahlen, Worte. Ich habe Botschaften aus dem Universum
gekriegt. Ich dachte: Ach, die sind für mich, wie schön, wie toll.

Ja, jedes Autokennzeichen ist ein Roman. Jedes einzelne Wort zersplittert
in einzelne Buchstaben.

Jaja. Ich sage dir, lauter so ´ne blöden Sachen. Weißt du, wer das ist? Das
sind irgendwelche negativen Kräfte. Die wollen versuchen, einen aus dem
Leben ins Dunkel zu reißen. Die tun einen nur dazu verführen, dass man
glaubt, dass es vielleicht etwas Interessantes, was Gutes oder was Schönes
ist. Zack, sind die da. Man denkt, das hat alles etwas mit einem zu tun.
Aber man vergisst total, Gott um Hilfe zu rufen. Denn das ist der Klingelknopf,
das ist der Notdrückknopf. Das erzählt dir auch kein Arzt oder kein
Doktor. Wenn die Leute in der Psychiatrie anfangen würden zu beten, aber
das macht keiner.

Wie bist du da wieder rausgekommen?



Ich habe daraufhin angefangen, mich hinzulegen, flach auf den Rücken aufs
Bett, und habe Gott um Hilfe angeschrien. Ich habe die ganze Nacht gerufen:
Gott, hilf mir, oh mein Gott, hilf mir doch. Ich wollte diese Stimmen
loswerden. Ich wollte nie wieder Kokain anfassen, ich wollte nie wieder
Drogen anfassen. In dieser Nacht haben viele Leute mit mir gebetet, die
plötzlich Angst, einen Schreck, bekommen haben, wie schlimm ich aussah.
So schrecklich gebeutelt, wie ich war. Ich sagte: Ich bin in Not, ich
höre Stimmen, mir geht es schlecht und dass ich das seit Wochen schon
hatte. Das habe ich gar keinem gesagt.
Ich dachte, das war irgendwas Tolles. Ich hab mich da reingesteigert.

Fühlt man sich wie auserwählt?



Jajaja, aber das will der blöde Teufel, der Widersacher von dem Guten. Der
will einen wuschig machen, damit man dann gar nicht mehr funktionieren kann.
Deswegen ist es am allerwichtigsten, den lieben Gott um Hilfe zu rufen.
Mir ist es lieber, wenn es Menschen sind, die ich sehe, die ich sprechen
kann. Ja, genau. Da kann man auch zusammen
um Hilfe rufen. Einfach um Hilfe beten, es kommt schon. Manchmal
dauert es ein bissel. Manchmal geht es schneller. Je nachdem, wie arg
sich die negativen Egel da hineingefressen haben. Aber die verschwinden
wie das Laub auf der Straße im Herbst, wenn der Wind kommt. Weg
sind sie.

Das klingt nach Liebe!


Gott hat uns so viel Schönheit gegeben, die wir hier schon sehen können
in der Liebe zu unseren Kindern, den Armen der Welt. Wir können diese
Liebe auch richtig anfassen. Dann wird es auch gute Fügungen wieder
geben, wo man oft gegen Wände rennt, um irgendeinen Herzenswunsch
in Erfüllung zu bringen und das allein gar nicht schafft. Dann gehen
sogar die verrücktesten Herzenswünsche in Erfüllung. Mit Gott ist alles
möglich. Er kann nicht eingreifen, wenn du es nicht willst. Gott ist kein
Zwangspsychiater. Daran kannst du Gott auch erkennen. Er hat uns einen
freien Willen geschenkt, ihn zu suchen und ihn zu rufen. Ich sage
dir, Gott ist wunderbar. Ohne ihn wäre dieses Leben einfach sinnlos.

Hast du deshalb deine Gospel-CD aufgenommen?


Das sind uralte, traditionelle amerikanische Gospeltexte und -gesänge.
Die kommen von den Sklaven. Im alten Amerika waren die Weißen
ihre Herrschaft. Die Weißen haben sich immer sonntags in den Kirchen
versammelt, haben das Evangelium gepredigt, die gute Nachricht von
Jesus, dass sie alle gleichwertige Geschwister sind und dass keiner mehr
oder weniger wert ist als der andere. Diese tolle Botschaft haben die
schwarzen Sklaven heimlich, still und leise mit ihren Öhrchen an den
Kirchentüren mitgehorcht, mitgelauscht und sind dann wieder auf ihre
Felder gegangen, haben geschuftet und haben sich das Evangelium vorgesungen.
Das ist ein Vorsingen der guten Botschaft von Jesus.

Wie kommt es, dass das so beruhigend ist?


Weil Gott darin beschrieben wird, Treue und Liebe, Gottes Heilkraft.
Gott ist kein Erbsenzähler. Gott ist das Liebste, das Beste und das Gutste,
das es jemals gegeben hat und immer geben wird. Zurzeit sind wir auf
dem blauen Planeten und müssen einfach zusammen beten.

Worauf freust du dich in Dresden am meisten?


Auf dich.

Huuuuuuuuuuuh! Ich drück dich.

Auf dich und dass wir zusammen in die Frauenkirche
gehen auf unsere Knie und beten.

Ich habe aber noch nie gebetet.

Dann wird es aber mal Zeit.


Ich war mal zu Weihnachten bei Katholiken in Polen in der Tatra
und hab da gesehen, wie die tatsächlich auf die Knie gegangen
sind.



Ja. Ich gehe auch auf die Knie. Weißt du was, ich sag dir mal eins.
Die katholische Kirche ist natürlich sehr versaut. Aber es gibt ein paar
gute Katholiken, wirklich. Wir können manchmal nichts dafür, dass das
Böse die Chefetagen unterwandert. Aus den besten Menschen werden
plötzlich die bösesten Stalinisten. Das Böse schleicht sich überall ein
in die Chefetagen. Aber das kann uns gar nichts ausmachen, wenn wir
an Gott festhalten und zusammenbleiben. Die Guten müssen sich organisieren.

Weißt du, dass wir jetzt grad 40 Minuten gesprochen haben?


Was? So lange? Ohje. Ich muss mal das Fenster aufmachen hier.

Das ist schön. Ich hab dich lieb.


Oh Mann, ist das toll.

Gibt es einen Menschen, der für dich Geborgenheit ausstrahlt?


Du wirst dich wundern. Mein kleines Adoptivkind Klausi Mausi, dem
in der Psychiatrie so übel mitgespielt wurde. Der Kleine strahlt Geborgenheit
aus. Und mein leiblicher Sohn Otis strahlt für mich die absolute
Geborgenheit aus. Und meine Tochter. Das sind so bodenständige Menschen
geworden. Ich kann mir mal auf die Schulter klopfen. Ich hab
mit Gottes Hilfe wirklich einen guten Job gemacht. Diese Kinder sind
richtig selbstständig und selbstbewusst. Die sind so lieb, bei denen läuft
es auch manchmal über, die Liebe. Die helfen anderen Leuten genau
wie ich auf ihre eigene Art und Weise.

Und deine Mutter?


Sogar meine Mutter, meine verrückte,
durchgeknallte Mutter, selbst die gibt mir
Geborgenheit von ferne. Die ist trotz unserer
kleinen Reibereien immer ein verlässlicher
Hafen. Wenn alle Stricke reißen, meine Mutter ist immer da. Drei Hauptleute
und meine Mutter kann ich auch da mit reinfügen in die Geborgenheitszentrale.

Schön.


Ja. Obwohl die mich so selten besuchen kommt. Aber so ist sie nun mal.
Dafür hat sie mir aber auch die Unabhängigkeit quasi vorgelebt. Die habe
ich von ihr gelernt. Ich bin keine Zipfelhängerin am Schürzenzipfel, keine
Mutterhängerin geworden. Das ist auch gut. Cosma auch. So frei. Mein
Sohn auch. Die haben alle so tolle Lebenspartner. Die sind alle nur verlobt.
Aber hoffentlich gibt es bald mal eine Hochzeit und Enkelkinder. Meine
Freundin Nicki ist grad schwanger. Die wollte unbedingt ein Mädchen haben.
Die hat schon zwei Jungs. Jetzt war die sauer. Da haben wir mit ihr geschimpft,
das ist von Gott so gewollt. Wir brauchen mehr gute Männer hier
unten. Es gibt zu viele böse Männer. Deswegen.
Weil es schon so viele gute Frauen gibt.
Da hat sie sich damit abgefunden. Jetzt geben
wir ihr schöne Ideen für Jungennamen.
Ich finde den Namen Curtis so süß. Curtis
Emanuel. Ich hab meinen Sohn Otis genannt. Das klingt auch schön.

Ich danke dir für das Interview!


Wir haben neulich einen 80-jährigen Thüringer in der Kneipe getroffen,
mit grünem Jackett. Über 80. Der kommt auch in die Kneipe und trinkt
ein paar Biere, war der nett. Aus Dresden. Der kommt auch zu unserer
Menschenrechtsgruppe.

Thüringen und Dresden ist aber nicht das Gleiche.


Ich weiß, aber das ist alles in der Nähe. Was seid ihr denn in Dresden?

Sachsen.

Entschuldigung. Lass es dir gut gehen. Vergiss nicht, dein Schöpfer liebt
dich und will, dass du ihn um Hilfe rufst. Alleine schaffe ich das nicht.