"Aus Roswell wird Rostock"

Foto: Paul Ripke

Was ist das Konzept hinter dem neuen Album „Roswell“?

Marteria: Also das Konzept des Albums wird eigentlich mit dem ersten Satz auf der Platte gesagt: „Aus Area 51 wird Marteria 51“ und „Aus Roswell wird Rostock.“ Eigentlich ist die ganze Platte mit diesem Bild entstanden. Dass Rostock auch mit R-O-S beginnt ist natürlich so ein bisschen Rumgespinne. Roswell, der Mythos ist ja: Es ist ein Ufo abgestürzt in Amerika mit einem Alien. Darauf basieren 1.000 Filme. Und eigentlich kann das überall sein. Es geht aber eigentlich um ganz normale Leute. So bisschen die Außenseiter, die sich manchmal nicht verstanden fühlen in der Welt. Oder wie die Welt so funktioniert und tickt im Moment. Man hat das Gefühl, dass es strange ist. 

 

Also sind es eher nachdenkliche Songs?

Marteria: Nicht nur. Es gibt Songs, die das anspielen, weil ich gut finde, wenn ein Album Farbe hat. Classic-Alben die man so selber mochte, hatten so ein Ding, ob das so ein David-Bowie-Teil war oder „Post“ von Björk oder HipHop-Alben. Ich mochte es, wenn die so einen Aufhänger hatten.

 

Ist „Roswell“ ein Konzeptalbum?

Marteria: Es ist kein durchgezogenes Konzept, es gibt aber eine Art Album-im-Album. Es gibt so dieses Konzeptionelle, und dann gibt es so eine persönliche Welt, was mit „Große Brüder“ und „Skyline mit zwei Türmen“, wo man so wächst. Erst wo ich mit 13 Jahren in Rostock ein Jugendlied habe und dann mit 18 nach New York gehe mit dem nächsten Song. Das habe ich so auch noch nicht gemacht auf alten Platten.

 

Was fasziniert dich an der Science-Fiction-Thematik?

Marteria: Es gibt Übernatürlichkeit. Das ist etwas total besonderes, Karma und so. Es ist total interessant, wenn man sich Gedanken macht über Spiritualität oder verrückte Dinge oder Zeichen zu sehen oder Zufälle. Irgendwas, das der Mensch nicht so richtig erklären kann, ist immer interessant. Du suchst ja Bilder. Wir haben 450 Wörter, die im Deutschen irgendwie cool klingen. Die hängen alle an diesem einen Baum und irgendwann ist der abgerüttelt. Umso schöner, wenn du dich in so einer Thematik bedienst, wo dir Wörter zufallen oder neue Gedanken und neue Wege. Außerdem ist es wichtig, dass jedes Album eine andere Farbe hat. Die nächste Platte kann eine totale Party-Platte irgendwo in Berlin sein oder in Alaska und wir machen eine Eis-Platte. Weißt du, was ich meine? 

 

Viele kochen Altbewährtes wieder auf.

Marteria: Ich finde es sehr, sehr langweilig. Das nervt. Als Künstler versuchst du etwas zu machen, was eine Outness hat. Marsimoto ist ja nicht einfach so entstanden. Das ist ein Teil von mir, solche Welten zu bedienen. Bei einem Song wie „Scotty, beam mich hoch“ ist ganz klar: Ey, hier unten ist natürlich alles crazy – aber da oben erst. Schneidersitz, schwarz, alles ist gleich, immer das selbe Licht. Dann lieber wieder in den Wahnsinn zurück. Das ist die Message. 

 

Inwiefern unterscheidet sich „Roswell“ von den beiden „Zum Glück in die Zukunft“- Teilen?

Marteria: „Zum Glück in die Zukunft“ ist so „Hallo, ihr bin ich!“. „Endboss“: von Level zu Level. Was war mein Leben? Was war bis da? Wo geht es jetzt hin? Ging sehr nach vorne, hatte viele Songs, die Power gemacht haben. „Zum Glück in die Zukunft 2“ sollte eine ganz andere Farbe haben. Da gab es die Singles mit „Kids“ und „OMG“, die partymäßig waren, aber auch eine Message hatten. Das Album war sehr deep, sehr melodisch, sehr dark. Der Abgeh-Song ist „Bengalische Tiger“, aber der ist trotzdem dark. 

 

Sind das eher persönliche Songs?

Marteria: Absolut. Weil das auch mitten in einer krassen Zeit geschrieben wurde: viel Party, viel Nachtleben, viel konsumiert, viel durch die Gegend gestreunert. 

 

Und jetzt Party?

Marteria: Jetzt ist es eine Platte, die voll nach vorne geht. Eine sehr tanzbare Platte mit dicken Beats, die Party machen. Das ist das Besondere: Dass du einen Song machen kannst, wo die Leute abgehen, trotzdem eine Message mitgeben musst, die aber nicht so doll drückt. Du musst nicht immer die Politikkeule hart schwingen und jedem in die Fresse schlagen. Eine ganz klare Haltung, eine ganz klare Richtung. Was du an Songs wie „Scotty, beam mich hoch“, „Links“, „Tauchstation“ oder „Elfenbein“ siehst. Es gibt eine Richtung vor, wie ich die Welt sehe, aber es geht nach vorne. 

Bist du progressiv?

Marteria: Dadurch, dass ich auch kein Alkohol mehr trinke, reflektiere ich die Vergangenheit viel besser. Es wird alles  noch ein bisschen darker. Es hat Power, mehr Power, als wenn du in so einer Phase steckst. 

 

Also geht es auch um die Zukunft?

Marteria: Das ist interessant. Weil du nicht weißt, was in den nächsten Jahren passiert oder da passiert oder hier passiert. Du hast immer eine Art leichten Druck. Das ist sehr gut. Viel Aufregung. Du willst auf etwas zeigen und du willst Anerkennung für das, was man macht, dass die Leute sehen, dass wir uns den Arsch aufreißen. Jetzt haben wir den Anfang gesetzt mit den „Aliens“-Video. Da kommen natürlich noch andere Videos und noch verrückte Sachen. 

 

Wie lange arbeitet ihr an einer Platte?

Marteria: Das dauert so anderthalb Jahre im vollen Arbeitsmodus. Klar kannst du 12 Lieder in einer Woche schreiben. Das ist überhaupt kein Problem. Aber eine Platte zu machen, die sich nicht wiederholt und eine Eigenständigkeit an Songs hat, das dauert einfach lange. 

 

Wann hast Du die besten Ideen?

Marteria: Einfach beim Reisen, beim Abfeiern, beim Flashen, beim Überlegen. Es rattert immer. Wir suchen Wörter und Inhalt an jeder Ecke. In diesem Gespräch jetzt, kann das eine Wort fallen, was der nächste Albumname sein kann.

 

Wo wurde „Roswell“ aufgenommen?

Marteria: Wir waren an der Ostsee und haben da ein bisschen produziert und waren dann eigentlich die ganze Zeit in Berlin. Haben da so bisschen Beats gecheckt und dann eigentlich die Songs in Berlin gemacht. 

 

Wie sind die Songs entstanden?

Marteria: Jeder Song entsteht anders. Da ist der Beat, da ist der Text und dann ist nach zwei Tagen Grundmixing das Ding fertig. Es gibt viele Songs, die sehr reduziert sind. Die fett sind, aber vier oder fünf Spuren haben, eigentlich. Und das ist auch wichtig für eine coole Platte. Das ist auch so ein bisschen Kendrick-mäßig. Dass man so ganz minimale Sachen hat, weil du gar nicht mehr brauchst für eine Geschichte. Aber manche Dinger brauchen auch irgendwie so einen Boost. Eine Rampe. Ein Highlight oder eine Veränderung drin. Das ist immer total unterschiedlich.

 

Was ist Dir Wichtig?

Marteria: Zu akzeptieren, wie andere Menschen sind. So lange das nicht irgendwie total gegen deine Ideale geht. Offen zu sein, Neugierde gewinnen zu lassen. Ich finde das wichtig und vielleicht regt das Leute an. Ich denke, dass das gar nicht so eine Gedankensache ist, sondern das die Menschen einfach verschieden sind. Die einen sind groß, die anderen sind klein, die anderen sind dunkel, die anderen sind hell. 

 

Was denkst Du über die Zukunft?

Marteria: Es ist wichtig, dass man nicht immer nur an Jetzt denkt, und an unser Wir-kaufen-uns-jetzt-eine-tolle-Jeans-Leben sondern was in 300 oder 400 Jahren so ist, dann ist das die Zukunft. Dass das zusammenwachsen muss. Sonst funktioniert das nicht. Sonst brennt das alles nieder. Das finde ich wichtig. Dadurch reist man viel in andere kulturelle Kreise. Ich habe das auch gemerkt wieder in Angola im Dezember. Ich bin mit irgendwelchen Fischern an so einem Fluß und die sprechen kein Wort Englisch. Nur Portugiesisch. Und dann unterhältst du dich mit vier Leuten auf drei Sprachen und am Ende verstehst du, was der andere sagen will. Dass ist das Verrückteste der Welt. Weil wir alle verbunden sind. Immer wieder was total Besonderes. Und dieses Gefühl vermisse ich, wenn ich das ein gewisse Zeit nicht habe. Deswegen reise ich so viel. Außerdem war meine Mutter in der Friedensbewegung und wir hatten immer eine Friedenstaube auf dem Auto. Das ist auch wichtig. 

 

Warum sind wir gottverwandte Aliens?

Marteria: Udo Lindenberg zum Beispiel – der ist ein Alien. Ich würde sogar sagen, Peter Maffay ist auch ein Alien. Musik ist Kunst. Das ist bunt und schrill und verrückt. Aber auch Typen in schwarzen Anzügen sind bunt und schrill. Das ist einfach Kunst. Und man bedient sich. Und „Wir sind gottverwandte Aliens“ bedeutet einfach, dass wir gar nicht so alleine sind, wie wir oft denken, wenn wir uns so ein bisschen alleine fühlen – ob das an unserer Straße liegt, an unserer Stadt, in der wir wohnen oder an unserem Zustand. Es gibt genug Wahnsinnige da draußen und genug Leute, die wissen, was die guten Sachen sind und wo die Prioritäten liegen im Leben.

 

Was ist das Beste, was du dir je für Geld gekauft hast?

Marteria: Auf jeden Fall Reisen ist krass. Das Allerkrasseste: Ich habe ein Karpfenanfütterboot für 1.000 Euro gekauft. Das ist ein kleines Boot, das man mit einer Fernbedienung steuert und auf das man Köder für Fische drauflegt. Dann fallen die in den See, dann wird das der Sport, wo die Fische hinkommen. Dann holst du es wieder rein, hängst deine Angel an das Boot und dann fährt das GPS-mäßig genau auf diesen Spot hin. Das ist auf jeden Fall was ziemlich Cooles, das man sich für Geld kaufen kann. 

 

Worum geht es im Song „Das Geld muss weg“?

Marteria: „Das Geld muss weg“ ist natürlich mit einem Augenzwinkern zu sehen. Ob du jetzt drei Euro oder 30.000 Euro hast, das ist egal. Es macht einfach die Welt ein bisschen irre, das ganze Geldthema. Wie das alles so funktioniert mit den Reichen und den Armen und dass manche gut verdienen und dadurch ein leichteres Leben haben. Manche ziehen in eine große Stadt und verdienen dann viel mehr oder gehen in die Schweiz und verdienen noch mehr. Aber am Ende zahlen sie es nur für eine Miete und ein Auto und irgendwie ist das Gefühl „Glück“ ein ganz anderes als das.

 

Verdient Ihr nicht richtig gutes Geld?

Marteria: Ich kenne Hartz IV und ich kenne auch, richtig viel Geld zu haben und alles andere. Ich habe alle Ebenen erlebt – und es hat nichts mit Geld zu tun. Es hat nichts damit zu tun, wie glücklich du bist oder. Natürlich befreit Geld. Aber es macht die Leute auch ein bisschen wahnsinnig und verändert. Versuche einfach cool damit umzugehen.

 

Was bedeutet es dir, live zu spielen?

Marteria: Ich bin auf jeden Fall Livemusiker. Dieses Gefühl: Du kommst auf die Bühne und alles, was davor ist, ist weg. Das ist so volle Kanne. Die Aufregung ist unfassbar gut und positiv, der direkte Kontakt, das direkte Feedback, wie Leute auf Sachen reagieren oder auch nicht. Wir legen unfassbar viel Wert darauf, dass das geil ist. Dass wir guten Sound haben, dass die Songs, die auf der Platte sind, live noch mal geiler sind. 

 

Um was geht es bei einem Konzert?

Marteria: Wenn die in München oder Berlin die 80 Konzerte in der Woche sehen und dann die ganze Zeit in die Raucherlounge gehen, dann so cool vom Konzert nix mitkriegen, ist das ein anderes Gefühl. Aber für einen Menschen, der Konzerte liebt - und ich bin Konzertgänger und Festivalgänger immer gewesen – ist es eskalieren, durchdrehen, alles vergessen für zwei Stunden und komplett ausrasten. Darum geht es. Und nicht darauf zu achten, dass da kein Fleck auf dem Shirt ist, sondern durchzuticken. Das ist ein Konzert. Und das ist das Gefühl, was du auch auf der Bühne haben musst. Darum geht es.

 

Was magst du lieber: Festivals oder Indoor-Konzerte?

Marteria: Es gibt Festivals mit einer unfassbaren Größe oder  es ist eine unfassbar schöne Location - aber es ist immer eine Bühne und es sind immer andere Leute und das merkst du auch. Es gibt einfach Regionen, wo die Leute herkommen und es gibt ein verschiedenes Publikum. Das darfst du auch nicht werten. Es gibt Publikum, das erst mal warm werden muss und dann eskaliert. Es gibt Publikum, dass total durchdreht und wo alles von Anfang an kocht. Wo du mitschwimmst, weil das alles so wahnsinnig ist und alles brennt. Es ist immer anders. Was auch an der eigenen Performance liegt, weil man nicht immer gleich sein kann. Du kannst ein Grundkonzept gleich machen, aber deine Emotionen oder wie du drauf bist an dem Tag, das kann keiner beeinflussen. Ein Konzert ist was total Geiles. Darauf arbeitet man hin. Dafür probt man ewig, dass man dann alles freilässt auf der Bühne. Ich habe auch mein In-Ear unfassbar laut immer. Ich bin da immer in so einer verrückten Welt. Manche machen ja auch eins raus, aber ich bin da so...man kriegt da nur, man sieht da so, man muss ich da so ein Slow-Mo-Bild von so Menschen vorstellen, die einen so... Was ich mache: Ich fixiere Leute, die ich die ganze Show über denn auch anspiele. Irgendwie braucht man das manchmal. Gerade, wenn die was Gutes haben. Irgendwas, geile Ausstrahlung. Oder du siehst, wie die da so drin aufgehen und verstehen, was du machst. Das kann man auch nicht von Jedem verlangen. Gibt ja auch viele, die es nicht verstehen oder die Songs nicht verstehen. Aber manche verstehen das und für die bedeutet das alles - so wie mir.