Lernprozesse kann man nicht aufhalten

Hortleiterin Marianne Hübner und Uwe Oblentz. Foto: Doreen Zetsche

Schulanfänger haben einen Entwicklungsunterschied von bis zu zwei Jahren 

Disy Familie im Gespräch mit Uwe Oblentz, Rektor der 25. Grundschule, und Marianne Hübner, Hortleiterin

Disy Familie: Ist es für die Arbeit der Pädagogen hinderlich , wenn Kinder mit Vorkenntnissen in die Schule kommen und z. B. schon lesen können?

Uwe Oblentz: Man kann und sollte den Lernprozess eines Kindes nicht aufhalten. Wenn das Kind gezielte Fragen, z. B. nach Buchstaben oder Zahlen, stellt, sollte man in jedem Falle darauf eingehen.

Disy Familie: Wie helfe ich meinem Kind, fit für die Schule zu werden?

Uwe Oblentz: Es ist wichtig, gezielt die Merkfähigkeit und Wahrnehmung eines Kindes zu schulen. Darüber hinaus ist das simultane Erfassen von Mengen wesentliche Grundlage für das Rechnen. Oftmals sind es ganz einfache Aktivitäten, die den größten Lerneffekt bewirken, beispielsweise ein Würfelspiel mit der ganzen Familie. In vielen Einrichtungen werden Vorschulen angeboten, die die Kinder mit der Institution Schule vertraut machen sollen. Unser Miniclub findet wöchentlich zu verschiedenen Themen statt, die die Kinder anregen, sich kreativ zu artikulieren.
Marianne Hübner: Vielen Kindern fehlen grundlegende Fertigkeiten: das Binden von Schleifen oder das Schneiden mit der Schere. Hier ist der Einsatz der Eltern gefragt, um die Kinder zu lenken und zu differenzierten Aufgaben zu animieren.

Disy Familie: Wie verhält es sich mit dem Leistungsdruck, der auf den Kindern lastet?

Uwe Oblentz: Die Erfahrung zeigt uns, dass Schulanfänger oft einen Entwicklungsunterschied von bis zu zwei Jahren aufweisen. Diese Tatsache sollte Eltern allerdings nicht beunruhigen. Die Kinder werden von den Lehrern und Lehrerinnen auf ihrem individuellen Stand abgeholt und gezielt nach ihren Bedürfnissen gefördert – in ihrer gesamten schulischen Laufbahn.
Marianne Hübner: In der 25. Grundschule und im Hort hat es sich etabliert, dass entwicklungsschnellere Kinder anderen Kindern helfen. Dieses gegenseitige Geben und Nehmen entstand zwar aus einer Initiative der Betreuer heraus, wird aber von den Kindern sehr gern angenommen.

Disy Familie: Der Schuleintritt bedeutet für die Familie, vor allem aber für das Kind, eine enorme Umstellung. Ein neuer Tagesablauf ist zu organisieren. Das Kind muss sich in eine neue Gruppe einfügen und Vertrauen zu fremden Ansprechpartnern entwickeln. Wie unterstütze ich mein Kind, diese Herausforderung zu meistern?

Marianne Hübner: Die beste Unterstützung, die man dem Kind bieten kann, ist das Gespräch: sich Zeit nehmen und mit dem Kind reden. Beim gemeinsamen Essen kann man innerhalb der Familie den Tag Revue passieren lassen und Abläufe für die Woche besprechen. Es sind ganz banale Dinge, die heute oftmals leider zu kurz kommen.
Uwe Oblentz: Wichtig für Kinder ist eine Rhythmisierung des Tagesablaufs. So wird es den Kindern leichter fallen, sich an Veränderungen zu gewöhnen. Darüber hinaus sollte der Tagesablauf eines Kindes von einem ausgewogenen Wechsel zwischen An- und Entspannung geprägt sein. Auch hier in der Schule wird dieses Prinzip umgesetzt. Den Kindern werden unterschiedlichste Regenerationsphasen angeboten. Regeneration meint dabei vor allem auch „aktive Entspannung“.

Disy Familie: Was kann man tun, wenn die Motivation nachlässt?

Marianne Hübner: Stellt man fest, dass das Kind plötzlich nicht mehr gern zur Schule geht oder ein anderes Verhalten auffällig wird, sollte man sofort nach der Ursache forschen. Dies geschieht in erster Linie über Gespräche mit dem Kind. Natürlich sollten Eltern auch mit den Lehrern und Erziehern des Kindes den Dialog suchen. Überhaupt ist die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule eine wichtige Grundlage für den Lernerfolg.
Uwe Oblentz: Es ist nur menschlich, dass auch Kinder an bestimmten Tagen keine Lust zu einzelnen Aktivitäten haben. Spielerisches Lernen ist eine von vielen Möglichkeiten, hier anzusetzen und die Lust am Wissen wach zu halten.

Disy Familie: Für viele Eltern ist die Schuleinführung ihres Kindes nicht nur mit Vorfreude, sondern in gleichem Maße mit Ängsten und Bedenken verbunden. Das betrifft nicht nur die Schulwegsicherheit, sondern auch den Schutz des Kindes vor Übergriffen. Wie sollten Eltern mit dieser Problematik umgehen?

Uwe Oblentz: In Gesprächen werden die Kinder auch für andere Gefahren, die ihnen auf dem Schulweg begegnen könnten, sensibilisiert. Hier müssen vor allem die Eltern erzieherisch einwirken.

Disy Familie: Die 25. Grundschule ist eine Ganztagesschule. Wie viele solcher Schulen gibt es in Dresden?

Uwe Oblentz: In Dresden nehmen seit drei Jahren neben der 25. Grundschule auch viele Grundschulen am Modellprojekt „Ganztagesschule“ teil.

Disy Familie: Welche Besonderheiten weist diese Schulform auf und welche Vorteile bietet sie?

Marianne Hübner: Eine der Besonderheiten besteht in der engen, vom Träger bewilligten Zusammenarbeit zwischen den Lehrern und den Erziehern des Horts. Die Erzieher nehmen stundenweise am Unterricht teil und umgekehrt. Damit kann der gesamte Tag samt seiner Inhalte vernetzt und effektiv genutzt werden.
Uwe Oblentz: Die Nachmittagsangebote sind freiwillig. Die Ausdehnung der Lern- und Übungszeit in den Nachmittag hinein erlaubt jedoch die differenzierte Förderung individueller Bedürfnisse, was im reinen Vormittagsunterricht in dieser Form zeitlich oft nicht zu bewältigen ist. Dabei sind die Lehrer und Erzieher angehalten, auf ein ausgewogenes Verhältnis von Anspannungs- und Entspannungsphasen zu achten. Dieses Prinzip wird auch in den einzelnen Unterrichtsblöcken zu 90 Minuten durchgehalten. Neben dem Blockunterricht arbeiten wir sehr stark projektorientiert.

Disy Familie: Sie sind nicht nur Pädagogen, sondern vor allem auch Eltern. Wie haben Sie die Schuleinführung Ihrer Kinder erlebt?

Marianne Hübner: Ich war stolz und vielleicht auch ein bisschen aufgeregt. Meine Kinder wurden nicht in der Einrichtung eingeschult, in der ich tätig war. Da ist man natürlich gespannt auf Ähnlichkeiten oder Unterschiede in den Abläufen.
Uwe Oblentz: An der feierlichen Schuleinführung meines ältesten Sohnes konnte ich nicht teilnehmen. Ich war selbst im Dienst. Aber aus meiner Erfahrung weiß ich, dass sich bei den meisten Eltern – je näher der Termin der Einschulung rückt – eine Spannung aufbaut. Aber allen Bedenken zum Trotz – am Tag des Schulanfangs überwiegt letztlich immer der Stolz auf die Kinder.

Disy Familie: Vielen Dank für das Gespräch!

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