Wie sind alle Fliegen am Angelhaken

Foto: Jan Roeder

Wieder ein total verrücktes Interview von Christine Salzer. Dieses Mal mit dem TV-Pfarrer Jürgen Fliege. Anschnallen, festhalten, lesen!

Da will vielleicht ein General in Dresden ein Hotel aufmachen? Er fragt, unter welchen Bedingungen das möglich wäre.
Fliege: Ob das ein Haus in Dresden ist, General oder Fahnenflüchtiger, spielt überhaupt keine Rolle, man muss vor allen Dingen ein Konzept haben, um eine Marktlücke zu entdecken. Da er keins hat, sondern nur einen Traum, soll er sich beraten lassen.

Stellen Sie sich vor, auf Ihrem Nachbargrundstück will jemand, der die letzten Jahre in Kabul verbracht hat, ein Hotel eröffnen.

Fliege:
Ja, soll er doch. Ich verstehe die besondere Beschwernis nicht, warum einer, der in Kabul General war, nicht nächste Woche ein Hotel aufmachen soll. Weil der dort Leute umgebracht hat? Oder weil Blut an seinen Händen kleben könnte? Jetzt reden wir über etwas anderes. Wir reden über Sie und Ihre Furcht und Ihre Ängste.

Machen Sie mal!
Fliege:
Das Vorurteil über Sie heißt: Ich muss aufpassen. Von Ihrer Stimme her stehen Sie nicht mit beiden Beinen lachend auf dem Boden und lachen alle Gefahren dieser Welt aus, sondern Sie sind vorsichtig.

Ich war jahrelang Ärztin.
Fliege:
Warum machen Sie das nicht mehr?

Weil mir das alles eine Nummer zu nah war.
Fliege: Aha, da sind wir wieder bei derselben Geschichte. It's too much. Sie, meine Liebe, stecken in einer Lebenskrise.

Die Krise geht dann aber schon über Jahrzehnte.

Fliege: Die wandert. Es wird zu viel, heißt ja: Ich konnte das alles nicht mehr verarbeiten. Das heißt: Meine Seele war voll.

Das Verrückte ist: Je distanzierter ich bin, umso mehr öffnet sich mein Gegenüber. Im Internet erklärte mir jemand, dass er sich in fünf Minuten umbringen will.
Fliege: Ja, dann soll er sich doch umbringen. Warum sollen Sie nicht ins Bett gehen, nur weil sich einer umbringen will? Das hört sich jetzt von einem Pfarrer komisch an.


»Ich bin da sehr fromm und demütig. Wenn der liebe Gott einen Menschen auf die Welt schickt, habe ich damit nichts zu tun, das ist er.«

Ich verstehe Sie.
Fliege: Ich bin da sehr fromm und demütig. Wenn der liebe Gott einen Menschen auf die Welt schickt, habe ich damit nichts zu tun, das ist er. Und wenn er einen von der Welt holt, habe ich damit auch nichts zu tun, sondern das ist er. Ich bin an beiden Stellen demütig und lasse mich nicht erpressen. Was ich von Ihnen erfahre, ist ein Übergriff eines anderen Menschen auf Ihr Leben, der den Eindruck machen will, dass er sich umbringt. Dann sage ich: Erzähle das deinem Heiland oder deiner Putzfrau. Und wenn die nicht zuhören, dann kommst du wieder zu mir. Halten Sie sich da raus, Christine!

Und was macht Ihre Dresdner Dachwohnung? Gibt es darüber schon was zu erzählen?
Fliege:
Es ist ein altes Jugendstilhaus, das ich für viel Geld vor vielen Jahren mit Eiche und Marmor richtig stilgerecht und denkmalsgeschützt renoviert habe. Das Dachgeschoss bauen wir jetzt um und dann habe ich eine Dependance in Dresden und wenn es Wohnungsnot gibt, können andere Leute drin wohnen.

Was fasziniert Sie an Dresden?
Fliege:
Es hat zugenommen. Ich bin ein Wessie und war zweimal im Jahr in der DDR, habe Jugendliche getroffen, Dinge geschmuggelt. Aber in Dresden bin ich erst vor zwanzig Jahren zum ersten Mal aufgetaucht. Als einer, der viel Fernsehgeld verdiente, habe ich in Dresden investiert, weil ich Dresden spannend fand.

Was war das Spannende?

Fliege: Dass es in Dresden eine Liebe zur Schönheit gibt. Wenn man damals in der DDR durch diese Straßenschluchten ging, dann konnte das Auge nicht ruhen. Alles war scheiße. Aber in Dresden konnte man spüren, hier gibt es einen Geist, der liebt

»Ich war bei einem Konzert in der Kreuzkirche. Auf einmal zogen in dieses dunkle Gewölbe diese Jungen ein und haben gesungen. Und ich saß oben auf der Orgelempore, habe denen zugehört und habe geweint.«

das Schöne. Und der stand aus dem Grabe auf. Ich war bei einem Konzert in der Kreuzkirche. Auf einmal zogen in dieses dunkle Gewölbe diese Jungen ein und haben gesungen. Und ich saß oben auf der Orgelempore, habe denen zugehört und habe geweint. Das hat mich sehr bewegt und ich entschied, wenn überhaupt, dann investiere ich in Dresden.

Sie durften auf der Orgelempore sitzen?

Fliege: Ich kannte den Organisten. Übrigens hat der evangelische Bischof Bohl von Sachsen mit mir 1968 in Wuppertal angefangen, Theologie zu studieren.

Kennen Sie viele Dresdner?
Fliege:
Die Dresdner kennen mich. Hier werde ich öfter angesprochen als in Köln, Hamburg oder München.

Und was sagen die Dresdner zu Ihnen?
Fliege: Manchmal fangen sie sofort an, ihre Geschichte zu erzählen. Sie beziehen sich auf eine meiner alten Sendungen und fragen, ob ich Ihnen helfen könnte. Das finde ich ganz wundersam, welches lange Gedächtnis die Dresdner haben. Ich bin schon sieben Jahre nicht mehr jeden Tag im Fernsehen zu sehen. Es gibt offenbar nicht so ein Ex-und-Hopp-Bewusstsein in Dresden, sondern da gibt es ein etwas nachhaltigeres Erleben.

 

Apropos Ex und Hopp. Sie haben auf Ihrer Internetseite stehen: "Erzengel Michael, befreie mich von allen unguten Gedanken, Meinungen, Dingen und auch Menschen, die nicht gut für mich sind." Wann ist ein Mensch gut?
Fliege:
Für mich gibt es so schnell den Unterschied von Gut und Böse nicht, sondern das Böse, das wir wahrnehmen, ist erstmal noch gar nicht böse, sondern nur der nicht gesehene Schattenanteil meiner eigenen Persönlichkeit.

Das verstehe ich nicht.
Fliege: Offenbar ist es gut, andere Menschen umzubringen, im Namen des Volkes. Verstehen Sie, was ich meine?

Ich weiß nicht, ob Sie es wirklich meinen.

Fliege: Doch, meine ich wirklich. Also nein. Ich meine es natürlich nicht. Aber was gut, was böse ist, entscheidet manchmal die Kultur, aus der man kommt. Deswegen ist es im Grunde gar nicht klar, was ist gut und was ist böse. Auch wenn es so etwas gibt wie Böses, was auf mich zukommt, dann muss man immer noch das Gefühl haben, das wird seinen Sinn haben, auch wenn es mich gerade zerstört.

Wie sieht ihr Arbeitstag heute aus? Sind sie oft in ihrer Online- Redaktion?
Fliege:
Es ist so wie eine Kirche, durch die ich nicht jeden Tag gehe. Denn es ist sozusagen meine Kirche. Manchmal gehe ich und schaue, manchmal nicht.

Was wäre ein Raum, in dem Sie sich täglich bewegen?
Fliege:
Ich gehe jeden Tag in die Küche und stelle Essen her. Ich bin ein einfacher Mensch, der gerne einfache Sachen macht.

Sie sind als Fast-Dresdner auch öfter auf dem SemperOpernball.

Fliege:
Ja. Rote Teppiche sind im Grunde genommen nicht meine. Sondern rote Teppiche braucht der Veranstalter immer, um die Promis vor irgendeinem Werbehintergrund abzubilden.

Und Sie sind jetzt Gallionsfigur für die Idee?

Fliege: Ich bin nichts weiter als ein Stück am Angelhaken. Die Fliege am angelhaken. Funktioniert das? Fliege: Wenn man das weiß, ist das nicht schlimm. Wir sind alle Fliegen am Angelhaken. Fragt sich nur, wer die Angel hält. Und mit dem General machst du nichts, Mädchen.

Ich werde ihn ignorieren.
Fliege: Ich bitte darum.