Ein Austausch von Energie

Jan Vogler hat zwei Partner: Eine Stradivari-Cello von 1707 (von einer Stiftung zur Verfügung gestellt, Anm. d. Red.) und eines von Domenico Montagnana von 1721. Beide haben ihre ganz eigenen Stärken, so wie er selbst. Der Star-Cellist Jan Vogler wurde bereits 1984 als Zwanzigjähriger erster Konzertmeister Violoncello der Staatskapelle Dresden. 1997 begann er seine Solokarriere. Heute ist Jan Vogler Künstlerischer Leiter des Moritzburg Festivals und seit Oktober 2008 auch Intendant der Dresdner Musikfestspiele. Claudia Homberg traf das Multitalent in Dresden.


Herr Vogler, mit einer erhöhten Anzahl von Veranstaltungen und zu ver­kaufender Karten konnte das Niveau der Auslastung bei den Dresdner Musikfestspielen von 2011 mit 94 % gehalten werden. Das heißt, 2012 kamen mehr Zuschauer als je zuvor und es wurden in diesem Jahr mit 821.000 Euro die höchsten Einnahmen in der Geschichte des Festivals überhaupt erzielt...Was können Musikliebhaber in Dresden finden, was sie woanders nicht bekommen?
Vogler:
Nun, das Paket der Dresdner Musikfestspiele insgesamt ist attrak­tiv. Es ist ein spektakuläres, dichtes Programm das viele verschiedene at­traktive Spielorte in Dresden ganz gezielt nutzt. Der Musikfan soll sich kaum entscheiden können, welche Veranstaltungen er am Ende besucht. Dazu kommt das wirklich sehr gute Hotelangebot in Dresden, das sich in den letzten Jahren enorm entwickelt hat. Und die vielen kulturellen Möglichkeiten, wie die wunderbaren Museen, sie machen Dresden als Fe­stivalstandort einzigartig. Wenn die Chemie zwischen der Stadt und dem Festival stimmt, und das ist in Dresden der Fall, dann kommen auch "Wie­derholungstäter".

Jedes Jahr wird ein großes Geheimnis um das Motto und die Künstler des darauffolgenden Jahres gemacht...

Vogler: Ja, das ist ein wichtiger Punkt für uns. Unsere Pressekonferenz ist in jedem Jahr ein Ereignis, ein Highlight. Erst dann lüften wir das Geheim­nis des Programms. Vorher darf nichts an die Öffentlichkeit dringen, es ist wie in der Musik-Spannung ein Schlüsselelement.

Am 1. Oktober beginnt der Vorverkauf für die Festspiele 2013. Können Sie den Disy-Lesern wenigstens ein bisschen was verraten?

Vogler: Nur so viel sei verraten: Auch die nächste Saison wird zu be­sonders spannenden musikalischen Begegnungen führen und zur Ent­deckung von Künstlern, die sich erstmals in Dresden präsentieren. Und durchaus als "schillernd" ist einer der Gäste zu bezeichnen, der in unver­gleichlicher Weise die Grenzen der verschiedenen Kunstformen auslotet und dessen Auftritte einer Gesamtinszenierung voll Kreativität und In­spiration gleichen.

Wie schaffen Sie den schwierigen Spagat zwischen Musiker und Intendant?
Vogler: Beide Jobs befruchten sich gegenseitig. Bei den Musikfestspielen ist es mein Ziel, ein guter Gastgeber zu sein und den Künstler-Kollegen auf Augenhöhe zu begegnen. Das kann ich umso überzeugender tun, wenn ich auch beim Festival selbst als Solist aktiv bin. Ich gebe rund 80 Konzerte im Jahr, das ist das normale Pensum eines Solisten. Zugegeben, es ist viel Ar­beit, aber die Festspiele geben mir die nötige Bodenhaftung und erinnern mich immer wieder daran, worauf es beim Spielen von Konzerten wirk­lich ankommt. Es ist eine sehr lebendige Arbeit, die mich stark mit dem Publikum verbindet. Allerdings ist mir meine Zeit zum Üben heilig, das wissen auch meine Mitarbeiter. Am liebsten lasse ich mich dazu im Palais im Großen Garten einschließen, ein wunderbarer Ort. Nach 2-3 kreativen Stunden mit meinem Cello dort lassen sich viele Probleme viel einfacher lösen oder schwierige Dinge neu in Angriff nehmen.

Welche Bedeutung hat ihr Cello für Sie?
Vogler: Ich habe zwei unglaublich tolle Partner: Eine Stradivari-Cello von 1707 (von einer Stiftung zur Verfügung gestellt, Anm. d. Red.) und eines von Domenico Montagnana von 1721. Beide haben ihre ganz eige­nen Stärken und Klangfarben, so dass ich je nach Repertoire wählen kann. Wenn ich fliege, "sitzt" mein Instrument neben mir, ich buche immer einen extra Platz für das Cello.

Sie leben in Dresden und New York. Unterschiedlicher können zwei Standorte kaum sein, könnte man meinen....
Vogler:
Ja, das stimmt. New York ist natürlich eine sehr energetische Stadt, hat aber ebenfalls sehr schöne, romantische Ecken. Ich liebe es zum Beispiel, am Hudson River Rad zu fahren. In Dresden gibt es diese herrlichen histo­rischen Orte und die gewachsene Kultur. Aber, tatsächlich, die Menschen sind überall Menschen, haben die gleichen Wünsche, Sorgen und Nöte.

War es Ihr eigener Wunsch, Musiker zu werden?

Vogler: Nein, am Anfang nicht. Ich stamme aus einer Musikerfamilie, da gehörte es einfach dazu, ein Instrument zu spielen. Aber dann habe ich schnell gemerkt, dass ich Cellist werden wollte, auch wenn ich natürlich oft lieber Fußball spielen wollte, als üben. Ich bin meinen Eltern heute sehr dankbar, dass sie mir klar gemacht haben, dass es ohne harte Arbeit mit diesem Wunsch nichts werden würde.

Sie haben zwei Kinder, 9 und 12 Jahre alt. Musizieren die beiden auch?
Vogler: Selbstverständlich, sie spielen beide Geige. Meine Frau (Geigerin Mira Wang, die Red.) und ich halten es für einen Bestandteil der Erziehung und der guten Ausbildung, dass unsere Kinder ein Instrument spielen. Und natürlich auch Zeit ins Üben zu investieren. Was langfristig daraus wird, ist dabei erst einmal nicht so wichtig.

Zurück zum Klassik-Business. Der Altersdurchschnitt in Konzerten ist hoch. Glauben Sie, dass das Publikum eines Tages "ausstirbt"?
Vogler: Nein, auf gar keinen Fall. Mehr Menschen als je zuvor auf der Welt kennen klassische Komponisten wie Bach und Mozart. Das ist doch ein gutes Zeichen, oder? Allerdings ist die Klassik-Szene ständig im Wan­del und wir Musiker müssen wach und kreativ bleiben, ansonsten kann es schon passieren dass das Publikum andere kulturelle Angebote vorzieht.

Ich habe gelesen, dass Sie Marathon laufen. Hilft Ihnen das beim Stress-Abbau?
Vogler:
Marathon ist eher noch ein Zukunftsprojekt, leider habe ich im Moment nicht die Zeit dafür, zu trainieren. Aber ich laufe sehr gern und es hilft mir sehr, mein Gleichgewicht zu halten.

Dieser Sommer stand musikalisch für Sie ganz im Zeichen von Bach. Die Sechs Suiten für Cello haben Sie komplett aufgeführt. Was sind Ihre nächsten großen musikalischen Ziele?

Vogler:
Der Bach-Zyklus hat mich sehr daran erinnert wie unbegrenzt die Ausdrucksmöglichkeiten auf dem Cello sind. Es hat bei mir den Wunsch geweckt, insgesamt neue Farben und Ausdruckswelten zu entdecken. Bach bewirkt bei mir einen Schub an Energie und Lebensfreude, ähnliche Wirkung haben die Suiten auf das Publikum. Es sind nicht die konkreten Projekte, die mich interessieren, mehr der stetige Austausch von Energie zwischen meinem Cello und mir und meinem Publikum und mir.