Was ist Macht ? von Holger John

Holger John (Maler, Grafiker und Impresario)

Da ich Gott und Schöpfer bin, habe ich alle erfunden. Und die müssen mich aushalten, so wie ich bin, und ich sie sich selbst.

Macht ist Freiheit. Macht ist Lust. Macht ist Sex. Erfolg macht sexy. Macht ist dumm.

Der Künstler jongliert täglich mit der Macht der Möglichkeiten auf dem Bild und mit den Menschen – absichtsvoll, absichtslos und allem, was dazwischen liegt. Ein Spiel um Macht, hier in der großen Schüssel mit den bunten Kugeln. Beim Machen, wenn man etwas tut, schöpft, macht, denkt man keine Sekunde daran. Da spielt Macht keine Rolle. Der Künstler ist frei von Macht, unterwirft er sich der Macht, stirbt die Kunst und somit er. Erfolg ist Lebendigkeit der Seele und des freien Blicks in allen Momenten des Lebens. Wirklicher Erfolg in der Kunst hat nichts mit Macht zu tun.

Zum Kunstwerk könnte ich aller zehn Minuten etwas anderes erzählen. Deshalb habe ich oft zu meinen Bildern drei Titel. Jedes Mal, wenn man etwas dazu erzählt, ist der andere schon vorprogrammiert, was er sehen soll. Wenn man drei Titel gibt, weiß er überhaupt nicht mehr, was los ist. Das ist am besten. Der Betrachter sieht, was er sehen will. Welche Bedeutung hat der Begriff Macht für mich? Da ich Gott und Schöpfer bin, verfüge ich über unendliche Macht. Als Gott und Schöpfer habe ich alle erfunden.

Und die müssen mich aushalten, so wie ich bin, und ich sie und sie sich selbst. Wir sind soziale Erfindungen, es zählt kein persönlicher Stellenwert, das Leben sind WIR, alle miteinander! Beim Machen ist man spielerisch und erfindet die Welt jeden Tag neu.

Wenn ich Gott bin, ist natürlich auch jeder andere Gott. So wie wir uns die Welt ausdenken, so ist sie jeden Tag. Jeden Moment kann es anders sein. Ich erfinde sowieso den dritten Weltkrieg. Nach dem dritten Weltkrieg fliegt alles hoch. Und wenn es wieder runterfällt, ist alles anders: Der Stuhl ist ein Hund, der Hund ist ein Tisch, der Tisch frisst den Kater, und der Kater sitzt im Stadtparlament. Das kann auch jetzt so sein. Wir haben ja eine große Verabredung von Sachen. Es gibt zum Beispiel in der Natur keine Linie. Das ist erdacht.

Wenn wir etwas zeichnen, eine Linie setzen, ist das abstrakt, eine Verabredung, das soll das sein und das das. Es ist alles möglich. Mich treibt immerwährende Neugier, Mut vor dem Ungewissen. Im kalten Wasser weiterschwimmen. Das Wort Angst existiert in der Kunst nicht! Täglich Türen aufschließen, Möbel verrücken, Tapeten austauschen, kleine Räume in große schieben, Berge auseinanderfalten, Zimmer mit achtarmigen Menscherfindungen und zwölfköpfigen Giraffenelefantenmutanten bevölkern, Vorhänge aufreißen, Horizonte verschieben, Licht an- und ausschalten, stets von sich selbst überrascht sein, mit Lust Verbotenes, sogar Falsches tun, Banales zulassen, von Straßen abbiegen, Verabredungen ignorieren, Affen und Bäume frisieren, Blödes tun, Ahnen achten und sie kritisch betrachten, Götter entmannen, Maß halten und maßlos sein! Balance? Auf einem Schiff ohne Steuer, auf offener See im Sturm den Naturgewalten ausgesetzt, relativieren sich Werte. Beim Gericht gibt es so eine Dame, eine Brust frei und offen, Balance … Die hat eine Waage in der Hand. Wenn da etwas drauf liegt, verändert sich das. Wo es drauf liegt, entscheiden wir oder andere. Das ist spannend.

Macht … Macht der Mittel. Geld ist Macht. Geld ist supergeil.
Macht ist wertlos.

Holger John ist auf Usedom aufgewachsen. In früher Kindheit bekam er Zeichenunterricht von Otto Niemeyer-Holstein und erlernte das Töpferhandwerk bei Hedwig Bollhagen. Er studierte Gebrauchsgrafik in Berlin-Schöneweide und arbeitete als Grafiker am Theater Schwedt. In Dresden nahm er das Studium der Malerei und Grafik an der Hochschule für Bildende Künste Dresden auf, und erhielt ein Diplom bei Gerhard Kettner und Ralf Kerbach. John wurde Assistent des Rektors und anschließend zum Dozenten an die HfBK Dresden berufen. Der Maler Jörg Immendorff holte sich John als seinen persönlichen Assistenten und Mitarbeiter zu sich. Mittlerweile werden Johns Zeichnungen in allen europäischen Metropolen ausgestellt. Als Impresario inszenierte er Kunstfeste und Ausstellungsprojekte für die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Jörg Immendorff, Georg Baselitz, Gerhard Richter und die Band Rammstein.