Hilfe, ich werde 50! - Wie und warum eine Dresdnerin den Jakobsweg ging

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Von Ines Gnörich

Vor etwa zwei Jahren fing es an. Meine Gedanken kreisten um das Thema - ich werde 50. Nicht, dass ich Panikanfälle bekam. Nein, ich fing an über so manches nachzudenken. Wo bin ich heute? Was bin ich? Was will ich alles noch? Wenn man in der Mitte des Lebens ankommt, darf man sich ja einmal solche Gedanken machen. Ich habe dann in meinem Kopf eine To-do-Liste angelegt.

Wünsche, die ich an die zweite Hälfte meines Lebens habe. Ich möchte einmal am Ende mit dem Gedanken an ein interessantes, aufregendes und auch befriedigendes Leben abtreten... Bereits Jahre zuvor hatte ich verschiedene Bücher über den Jakobsweg in die Hand bekommen. Amüsiert Hape Kerkeling und nachdenklich Anne-Kathrin Müller und Carmen Rohrbachs Bücher über den Jakobsweg gelesen. Und in mir reifte der Wunsch... Ich auch! Also dann auf meine Liste... bevor ich 50 werde. Wandern habe ich als Kind gehasst. Aber mit den Jahren ist bei mir immer mehr die Freude an der Bewegung, an der Weite der Natur und dem Gefühl, etwas für mich getan zu haben, gewachsen. Auch hatte ich bereits mehrjährige Erfahrungen wie Fastenwandern, Bergwandern und anderes hinter mir. Also kann es ja nicht so schwer sein... der Jakobsweg... Gesagt, getan. Dass ich mich sechs bis acht Wochen aus meinem Leben und meinem Geschäft weg "beame" war, in der jetzigen Lebenssituation einfach nicht möglich. Klar wäre es toll, einfach wie Hape zu sagen: "Ich bin dann mal weg!" Und wenn alles passt, bin ich so in 8 Wochen wieder da. Aber ich bin ja nicht Hape. Irgendwo ist da auch (leider) die Verantwortung für die Menschen in meiner Umgebung. Gut also das geht nicht. Aber aufgeben? Nein. Meine Träume vergessen? Nein. Ein paar davon möchte ich verwirklichen. Also musste Plan B her. Wenn schon nicht die ganze Strecke, dann soll es wenigstens ein Teil davon sein. Es ist mir völlig egal, ob ich in Santiago de Compostella ankomme. Ich habe schließlich schon viele Kathedralen gesehen in meinem Leben und die Urkunde? Nein, das ist nicht mein Beweggrund. Eher herauszufinden, ob ich den Mut habe, die kleinen Hindernisse des Alltags zur Seite zu schieben. Gesagt getan!

Einige Wochen später stieg ich in Bilbao mit meinem Rucksack aus dem Flugzeug. In der City angekommen, versuchte ich mit meinem Stadtplan mein erstes Hotel zu finden. Die Unterkünfte hatte ich mir von Deutschland aus vorbuchen lassen. Ganz so mutig war ich dann doch nicht...und die Beschreibungen der Pilgerherbergen taten ein Übriges. Vorbei an schönen Boutiquen, Kaffees und Galerien lief und lief ich mit meinem Plan in der Hand. Nach zwei Stunden dachte ich, soweit kann es doch gar nicht sein....Ein Einheimischer erklärte mir dann lächelnd, dass die Straße stimmt, aber ich die ganze Zeit in die falsche Richtung gelaufen bin... Hilfe, das fängt ja gut an! Der Rucksack wurde immer schwerer... Dabei hatte ich genau abgezählt was ich mitgenommen habe. Ich war wütend, auf mich und auf den Plan. Ja, wenn ich ihn andersherum hielt, konnte ich auch erkennen, dass mein Hotel in der anderen Richtung lag. Also versuchte ich, einen Einheimischen zu fragen, wo denn die nächste Straßenbahn fährt. So genau wollte ich es heute noch nicht nehmen. Die Tram gefunden, eingestiegen und kein Kleingeld für die Box. Woher sollte ich das denn wissen? Nach der 3. Station merkte ich, dass es die falsche Richtung war... Das fing ja toll an. Also aussteigen, umsteigen, nächster Versuch. Hotel gefunden, eingecheckt und erst einmal die schmerzenden Schultern unter einer Dusche entspannten. Am nächsten Morgen nach einem ausreichenden und stärkendem Frühstück, den Rucksack aufgeschnallt, nachdem ich am Abend zuvor mein einziges mitgenommenes Sommerkleid samt Sandalen entsorgt hatte, und auf dem Weg nach Portugalete. Heute sollten es 12.9 km werden. Vorbei an Industriebrachen und weite Teile der Strecke immer an einer vielbefahrenen Straße entlang kam ich am frühen Nachmittag in meinem Hotel in diesem kleinen und hübschen Badestädtchen an und war mächtig stolz auf mich. Am nächsten Tag sollte es nun auch schon etwas anspruchsvoller werden. Das Etappenziel, den Ort Castro Urdiale, wollte ich nach 28 km erreichen. Aus der Stadt heraus kam ich ganz gut. In Spanien ist das Zeichen der Pilger die Jakobsmuschel. Und genau diese war in das Straßenpflaster eingearbeitet. Nach einem kurzem, ich weiß nicht mehr wohin, half mir ein freundlicher Straßenarbeiter. Überhaupt waren die Menschen sehr freundlich. Zu übersehen, dass ich zu der Sippe der Pilger zählte, war es ja nicht.

Immer öfter, je mehr ich landeinwärts kam, begegnete mir der Gruß "Buen Camino". Einfach nett, oder? So manchmal fragte ich mich schon, wie anders wir Deutschen da sind. Unterwegs durch die Landschaft und kleineren Orte, musste ich jetzt immer sehr auf die gelben Pfeile (statt Muscheln) achten. Wie soll ich aber gleichzeitig in meinem Buch die Wegbeschreibung lesen, dabei laufen, dabei auf die Pfeile achten und auch noch die Kilometer-Angaben begreifen? Die schöne Landschaft wollte ich auch sehen. Ich dachte bisher immer, ich sei als Frau multi-taskfähig, aber gerade jetzt war ich überfordert. Auch habe ich habe doch keinen Schrittzähler an meinen Beinen! Waren das jetzt schon 1.2 km? Muss ich hier abbiegen oder erst da vorn?

„Wenn mir jemand vor einem halben Jahr prophezeit hätte, dass ich anfange, mit den Bäumen zu reden, ich hätte ihn für verrückt erklärt. Aber der Jakobsweg hat so seine Tücken, auch auf emotionaler Ebene.“

Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

Dann wischte ich die Tränen ab und begann mein "Gespräch" mit der Natur auf meinem Weg bergauf. Wenn mir das jemand vor einem halben Jahr prophezeit hätte, dass ich anfange mit den Bäumen zu reden, ich hätte ihn für verrückt erklärt. Aber der Jakobsweg hat so seine Tücken, auch auf emotionaler Ebene. "Danke, du wunderschöner Baum, dass du hier an diesem Ort stehst und das du mich begleitest. Kann es noch schlimmer werden? Aber es tat einfach gut, meine eigene Stimme zu hören. Wenn ich mir auf dieser Etappe den Fuß verknackst hätte? Oh weh! Gegen 17 Uhr kam ich in Liendo an. Mein Hotel, eine Posada. Einfach ein Traum! Ein spanisches Gutshaus, dunkelbraunes Holz mit vielen Balken, vermittelte mir sofort ein Gefühl von Wärme und Gemütlichkeit. Am nächsten Morgen, ein traumhaftes Frühstück und frohen Mutes ging es weiter nach Santona. Zunächst ging es nur bergauf. Nach geschätzten 5km merkte ich, dass es doch nicht der richtige Weg sein konnte. Ich heulte vor Wut. Nein, nicht heute noch einmal. Meine Zehe tat weh und der Tag hatte erst begonnen. Ich musste den ganzen Weg bis zum Hotel wieder zurück und die Parallelstraße laufen. Gott sei Dank, hört niemand meine Geschimpfe. Ja, verflixt! Ich bin ein Stadtkind! Und können die Typen solche Wegbeschreibungen nicht so schreiben, dass es auch Frau versteht. Und noch einmal von vorn! Wieder nur bergauf. Nach zwei Stunden fing der Regen an. Cape aus dem Rucksack geholt und weiter gelaufen. Nach einer halben Stunde war es von außen genauso nass wie von innen. Das Cape war eine Sauna. Wer testet auch ein Regencape vorher? Ich habe es nicht getan! Positives Denken befahl ich mir. Die überfälligen Kilos müssten doch jetzt nur so schmelzen. Nach meiner Ankunft im nächsten Ort legte ich fest, dass dies heute nicht mein Tag war. Ich stieg an der Bushaltestelle in San Maredo ein und fuhr bis Santona. Es war mir heute egal, ich wollte nicht mehr! Lieber heute am Strand von Santona die Seele baumeln lassen und Kraft tanken für die noch folgenden Etappen. Am nächsten Morgen ging es weiter nach Santander (38km). Halb Regen und halb Sonne. Einfach einen Fuß vor den anderen setzten. Mittlerweile finde ich auch die gelben Pilgerpfeile besser und schaffe es sogar, dabei noch die Landschaft zu betrachten. Vielleicht weil ich nicht mehr so verbissen bin und etwas die strengen Strukturen des Dresdener Alltags aus mir raus sind. Irgendwo ist da oben mein Stern. Er wird mir schon den Weg weisen und sei es heute lediglich in mein nächstes Hotel. Dieses war heute ein Viersterne Hotel direkt am Strand. Am siebenten Tag meiner Pilgerreise wurde ich früh mit einem Taxi zu einer Ermitage gebracht. Was ist eine Ermitage? Der Taxifahrer sprach nur Spanisch. Ja, aber ich nicht! Also eine Ermitage ist eine Kapelle. Ab dort ging heute meine Wanderung los. Nach Santillana del Mar, circa 37 km. Im REGEN... Irgendwann sah ich vor mir eine kleine Gruppe von Pilgern. Ich näherte mich "unauffällig". Ich hatte gerade überlegt, dass ich seit 6 Tagen kein Gespräch geführt habe. Bei der Menge von 7000 Wörtern, die eine Frau pro Tag gebraucht, hatte ich jetzt doch langsam einen Wortstau! Ich lief im Abstand von 20 m hinter ihnen her. Das war gut. Ich hörte einige verständliche Laute und brauchte nicht mehr in mein Buch zu schauen, denn ich hatte ja meine Wegweiser vor mir laufen. Endlich konnte ich auch die Weite der Landschaft und meinen Weg bewusst in meiner Seele aufnehmen ohne die Angst zu haben, ich verpasse einen Pfeil... Die letzten Kilometer bis Santillana del Mar gingen wir zu viert. Es war ein sehr schöner Tag. Nachdem mir die Männer die falsche Trageweise meines Rucksackes erklärt hatten, schwatzten wir über Gott und die Welt... Die drei kamen aus Nordrhein Westfalen und hatten sich unterwegs kennengelernt. Sie planten, zwischen drei bis acht Wochen zu pilgern. Wie armselig waren doch da meine 10 Tage? Unterwegs trafen wir noch zwei Pilger aus Kanada und Italien. Wow, die Welt ist groß... Abends gingen die anderen in eine Herberge und ich in mein vorgebuchtes Hotel. Okay, heute habe ich es bedauert. Aber wer weiß, es ist bestimmt nicht meine letzte Pilgerreise in meinem Leben. Ich trat meine letzten Wanderungen am nächsten Tag an und bin noch bis Comillas (23 km) und San Vicente de la Barquera (15 km) gepilgert. Von da aus fuhr ich mit dem Bus zurück nach Bilbao und dann mit Flieger nach Dresden. Es war eine der mich stark prägenden Momente in meinem Leben. Ich werde mich irgendwann wieder auf diese Reise begeben. Meine Erkenntnis von dieser einen Woche? Es geht immer weiter und wenn es einmal nicht so gut läuft, lerne ich daraus und es macht mich stärker an Erfahrungen, an Willen und an Kraft. Seit dem 15. Jahrhundert pilgern Menschen diesen Weg aus verschiedenen Gründen. Ich habe meinen gefunden. PS: Gewicht unverändert(!), aber Fett abgebaut und Muskelmasse zugelegt. Bezahlt habe ich übrigens 1200 Euro und bin 180 km gelaufen.