Editorial Herbst 2003

Zwei Freunde haben mich angerufen. Ich hätte mich seit Wochen nicht gemeldet. Eine Zeitung muss in den Druck gehen. Das Flughafenfest muss vorbereitet werden. Vorstellungsgespräche in der Sprachschule. Doch ist es das wert?

Mein Onkel ist vor zwei Wochen gestorben. Er war 38. Am Donnerstag ins Krankenhaus, am Sonntag war er tot. Warum bist du so traurig, Mama? Was sagt man einem dreijährigen Kind? Was ist passiert?

Ich war in der Oper. Wagner. Die Musik ging ins Herz. Durchbrach alle Dämme. Nur Wagner und ich. Siegfried und Wotan. Sie waren geblendet. Macht und Reichtum statt Liebe. Zum Schluss gingen sie unter und mit ihnen die Welt.

Ich habe Menschen getroffen. Gute und böse. Manche im Schafspelz und manche im Hemd. Vor kurzem erst Heinz, aus Amerika. Er ist fast siebzig, machte Millionen in New York. „Ich habe immer nur so viel wie nötig gearbeitet“, erklärt er das Geheimnis seines Lebens.

Ich sollte sie anrufen, meine beiden Freunde. Ein Essen in Ruhe, ihnen sagen, wie sehr ich sie mag. Bei meiner Oma war ich seit Monaten nicht, meine beste Freundin wartet noch länger.

Und wer wartet auf Ihren Anruf?

Herzlichst! Ihr Anja K. Fließbach