Haben Ihre Kinder eigentlich denselben Vater?

Foto: Jan Klömich

Wir sind eine Durchschnittsfamilie

Haben Ihre Kinder eigentlich denselben Vater?“ Diese Frage verfolgt mich, seit ich den Kreißsaal mit meinem Jüngsten verlassen habe. Sicher, der Chefarzt hatte damals medizinische Gründe für seine Neugier. Dennoch. Er brachte einen Stein ins Rollen – und mich zum Nachdenken.

Liegt es an mir? Vermitteln Alter, Auftreten oder gar Äußerlichkeiten bei meinem Gegenüber den Eindruck von Unstete? Dann wäre dem Problem leicht beizukommen. Man müsste nur einzelnen Zeitgenossen die Vorurteilsfreude und den latenten Hang zur Unhöflichkeit austreiben.
Nein, diese Frage muss einen anderen Grund haben. Schon lange sind alleinerziehende Elternteile als bewundernswerte Kleinstfamilienmanager anerkannt, dürfen homosexuelle Paare endlich gemeinsam Kinder adoptieren. Kinder von mehreren Vätern zu haben ist – gottlob – kein gesellschaftliches Stigma mehr. Und gerade in Dresden gehören wunderbar kugelige Bäuche zum neuen Stadtbild. Veilleicht ist es also genau umgekehrt.

Vielleicht wird mein Gesprächspartner nur staunend gewahr, dass ein längst verloren geglaubtes Phänomen doch noch mitten unter uns existiert: die deutsche Durchschnittsfamilie. Wir sind wohl so ein Fall. Eigentlich fehlen uns nur der Golden Retriever und das Haus am Stadtrand.

Zwei Kinder? In diesen Zeiten? In ihrem Alter? Eventuell sogar verheiratet? Diese „Überdosis Familie“ scheinen viele nicht zu verkraften. Mir geht es da anders. Ich brauche sie zum täglichen Leben. Anders kenne ich es auch gar nicht. Die fürsorgliche Omi, die gut gemeinten Ratschläge der lieben Tanten, beschwipste Onkels auf den zahllosen Familienfesten, fragwürdige Verlegenheitsgeschenke und mehr als ein Dutzend plappernder Cousinen und Cousins. Trotzdem bin ich Realistin – und nicht selten heilfroh, dass die liebe Verwandtschaft ungefähr eine Autostunde weit entfernt wohnt.
„Haben Ihre Kinder eigentlich denselben Vater?“ Mittlerweile kann man mich mit dieser Frage nicht mehr verunsichern. Denn letztlich kommt es doch nur darauf an, Kindern Halt und Geborgenheit zu bieten, egal wie groß die Familie nun ist. Dennoch bin dankbar, dass ich einen Mann gefunden habe, dem Familie genauso wichtig ist wie mir – fern jeglichen „Heile-Welt-Kitsches“, aber noch viel ferner von Durchschnittlichkeit!