Frühjahr 2019

Disy

Heuschnupfen habe ich schon seit ich jung war. Deshalb habe ich meine Kinder extra lange gestillt, weil es hieß, dass das die Neigung zu Allergien verringern würde. Hat nicht geklappt. Der Kinderarzt empfahl für die Kleinen eine Hyposensibilisierung und so gehen wir seit eineinhalb Jahren regelmäßig zum Spritzen. Ich würde behaupten, es hilft. Schon letzten Sommer waren die Symptome deutlich weniger.

 

Obwohl die Allergieforschung in den vergangenen Jahren einen gewaltigen Erkenntniszuwachs erlangt hat, erhält ein großer Teil der allergischen Patienten in Deutschland gar keine oder keine angemessene Behandlung. Und dies, obwohl Allergien, wenn sie frühzeitig diagnostiziert und adäquat behandelt werden, zum großen Teil heilbar sind. „Diese Kluft muss dringend geschlossen werden“, fordern die Herausgeber des „Weißbuchs Allergie“ (Springer).

 

 

Die Professoren Thomas Werfel, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie e.V. (DGAKI), Ludger Klimek, Präsident des Ärzteverbands Deutscher Allergologen (AEDA) und Christian Vogelberg, Präsident der Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin (GPA) sind die Autoren des Vorworts. „Wir hoffen, dass das Weißbuch dazu beitragen wird, Verantwortliche in gesundheitspolitischen Entscheidungsgremien wachzurütteln, um die Situation der Betroffenen und ihrer Familien in Deutschland endlich entscheidend zu verbessern“, so die Allergie Experten.

 

 

Eine Ursache der unbefriedigenden Situation ist unter anderem die Trivialisierung der Krankheit - zu Unrecht, denn Allergien können chronisch werden und tödlich enden. So übersteigt die Zahl der Todesfälle durch allergisches Asthma bronchiale hierzulande die Zahl der Verkehrstoten. Außerdem beeinträchtigen Allergien die Lebensqualität massiv und können die berufliche Existenz gefährden: In 80 Prozent der Fälle ist eine Allergie die Ursache, wenn Jugendliche ihre Ausbildung abbrechen; häufig führt sie auch im fortgeschrittenen Arbeitsleben zur Aufgabe von Allergiker-gefährdenden Tätigkeiten. Überdies führen sie zu deutlichen sozioökonomischen Benachteiligungen und Belastungen. Während man noch vor 30 Jahren Allergien als Krankheiten von Kindern und Jugendlichen einordnete und allergische Erkrankungen bei Menschen über 50 Jahren seltener beobachtete, sind heute zunehmend auch ältere Patienten jenseits des 70. Lebensjahres von klassischen allergischen Erkrankungen wie Heuschnupfen oder Neurodermitis betroffen.

 

 

„Leider muss 18 Jahre nach Erscheinen der ersten Auflage des Weißbuchs festgestellt werden, dass sich zwar die allergischen Erkrankungen weiter ausgebreitet haben, mit immer schwereren Erkrankungsformen und komplexeren Krankheitsverläufen, dass Allergienzunehmend auch Kleinkinder und ältere Menschen erfassen, sich aber in der Struktur der Versorgung nichts Wesentliches zugunsten der Betroffenenverändert hat", so die Experten. SO hätten im Gegenteil jüngste Veränderungen im Gesundheitswesen die Situation dramatisch verschlechtert. Mit den derzeitigen Erstattungsmöglichkeiten sei die sachgerechte Versorgung allergiekranker Menschen in Diagnostik und Therapie in Deutschland unmöglich geworden.

 

So ergab eine Studie der wissenschaftlichen Fachgesellschaften in Deutschland, dass nur ca. zehn Prozent der allergischen Patienten eine adäquate Therapie erhielten. Nach Ansicht der Herausgeber liegt dies unter anderem an Mängeln im Medizinstudium. Denn trotz der steigenden Zahl der Allergiker ist die Allergologie weder ein Pflicht- noch ein Prüfungsfach im Medizinstudium. Das hat zur Folge, dass entsprechende Lehrstühle in Deutschland nicht vorhanden sind und die großen Fortschritte der Allergieforschung nicht bei allen Patienten in Deutschland ankommen. Große Sorge macht den Autoren auch die von den Ärztekammern jüngst beschlossene, drastische Reduktion der Anforderungen zum Erwerb des Zusatztitels Allergologie für Ärzte. Denn für eine angemessene medizinische Versorgung solcher Patienten sind gut ausgebildete Allergiespezialisten Grundvoraussetzung. Für die Umsetzung der hier genannten Ziele ist die Deutsche Allergie-Liga e.V. gegründet worden, deren Ziel die Verbreitung allergologischer Fachkenntnisse ist. „Uns geht es darum, neben den Allergiespezialisten auch Allgemeinmediziner, Apotheker und Ernährungsfachkräfte für die Allergologie zu begeistern. Ganz besonders wichtig sind uns etwa das frühzeitige Erkennen von allergischen Erkrankungen und die nachhaltige Behandlung von Allergien, zum Beispiel durch die Allergen-spezifische Immuntherapie, aber auch Patientenschulungen und eine Übernahme der Kosten für Anti-Allergika durch die Krankenkassen“, so die Allergie-Liga-Gründer Professor Thomas Werfel und Professor Ludger Klimek. Auf Basis der Erkenntnisse des aktuellen Weißbuchs Allergien könne die Deutsche Allergie-Liga e.V. ihre Arbeit nun intensiv ausbauen.

 

Autoren des Weißbuchs sind Meinungsführer und anerkannte Spezialisten in ihrem jeweiligen Thema: Die Liste der Autoren entspricht dem „Who is Who“ der Allergologie in Deutschland. Mehr von dem, was sie fordern, lesen Sie auf den Seiten 22/23!

 

Die Monate der demnächst beginnenden Heuschnupf-Saison werde ich gewohnheitsmäßig tapfer überstehen. Aber danach, einen Termin habe ich schon, beginne ich mit der Immun-Therapie. Es wäre doch ein Traum, wenn ich die Sommer danach auch mal genießen könnte. 

 

Ihre Anja K. Fliessbach