Editorial Frühling 2007

Mein größtes Glück

Mein größtes Glück ist, dass ich schreiben kann. Das Glück, den Moment festzuhalten, Erlebtes zu verarbeiten und andere daran teilhaben zu lassen.  Es ist ein Stück Kampf gegen die Vergänglichkeit. Eine Dokumentation des Lebens. Ein bleibender Beweis dessen, dass ich da war und dass ich tatsächlich alle diese wunderbaren Dinge erleben darf.

Was ist verrückt auf einem Schiff bei einer Fahrt um die Welt? Verrückt ist, mit Freunden zu sitzen und drei oder vier Flaschen Champagner zu trinken. Wir sind alle keine Millionäre (denke ich zumindest). Verrückt ist, dann auf einem eigenen Balkon zu sitzen und über den Weiten des Pazifik Musik zu hören.
Noch verrückter ist es, sich fünf Uhr morgens wieder anzuziehen und mit dem iPod über Deck zu gehen. Und wenn man dann denkt, man ist allein und plötzlich steht da einer an der Reling und sieht genauso in die Sterne wie man selbst. Verrückt!
Links das Meer, rechts das Meer. Unter uns 4000 Meter nichts, hinter uns drei Tage nichts und vor uns …. nichts. Ich stand ganz vorn an der Spitze des Schiffes mit Blick auf das Schwarze und Unbekannte, was vor uns liegt. Einen Hauch Grusel im Nacken und im Herzen dieses unsagbare, unbeschreibliche Gefühl der Einmaligkeit und Größe dieser Welt. Es drückt, es ist schwer, es lässt einen mühsam atmen.
Habt ihr schon mal einen Mond untergehen sehen? Er sieht so rot aus wie die Sonne, hell, groß und leuchtend. Er verschwindet so schnell wie die Sonne. Nur, dass er wohl weitgehend unbeobachtet im Meer versinkt. Wer ist schon morgens auf dem Pazifik unterwegs und hat Zeit, Lust und Mut, in die Sterne zu sehen?
Bin ich froh, dass ich schreiben kann. Ich möchte diesen Augenblick aufbewahren. Festhalten. Einmeiseln. Einfrieren. Und immer wieder herausholen können. Später, wenn ich wieder an Land bin. Wenn ich wieder vom Alltag gefangen werde. Wenn mir nicht viel bleibt, als die Fotos, die Musik und mein Geschriebenes.
Der Mann von den Philippinen ist schüchtern. Ich gebe ihm einen meiner Kopfhörer und wir stehen da und hören gemeinsam meine Musik.  Er arbeitet, ich bin Passagier. Das gehört nicht zusammen und doch sind wir eins in diesem Moment. Scheinbar allein, mitten auf dem Pazifik. Er bedankt sich, geht wieder seiner Arbeit nach und ich in meine Kabine.
Da sitze ich jetzt. Ob mein Klappern auf der Tastatur die anderen Passagiere wecken könnte?
Hoffentlich. Dann könnten sie diesen Sternenhimmel sehen. In der Südsee gibt es scheinbar Milliarden Sterne mehr als zu Hause. Einer am anderen. So viele Sterne. So viele Sterne. Und ich sage es gern noch einmal: So viele Sterne.
Ich wünsche jedem Menschen, dass er sich das anschauen möge. Wir sind wahrscheinlich nur einmal auf der Welt und keiner sollte da gewesen sein und solche Augenblicke, Orte und Sternenhimmel verpasst haben. Vielleicht ist es für euch nicht die Südsee. Vielleicht ist es der kleine Balkon oder der Blick aus dem Fenster. Nehmt euch die entsprechende Musik auf die Ohren, nehmt eine Portion Leichtigkeit und Freude dazu und genießt. Wenn es kalt ist, nehmt einen Mantel, eine Decke oder wie ich zu Hause nachts im Winter manchmal, ein Federbett. Macht eine Pause vom Alltag. Besinnt euch, wer ihr seid, dass ihr da seid und dass ihr glücklich sein könnt, in welcher Situation ihr euch auch befindet. Dann entschuldigt ihr meinen Überschwang und genießt. Genießt den Augenblick! Ich habe ihn hier. Ihr könnt ihn auch haben. Egal wo ihr seid.
Genießt euer Leben!