Extrem Bayrisch

Fotos: Roger Fritz

Der Bajuware ist extrem. Daher würde er in aller Bescheidenheit eine Beurteilung tolerieren, die ihn als Kleinod der Schöpfung definiert. Diese Einschätzung als ethnisches Juwel erklärte dann aber auch, weswegen man gerne sagt: Der Bayer ist nicht zu fassen.

Auch die erhellenden Worte von Ottfried Fischer und die Fotostrecke von Roger Fritz führen den Beweis, dass man ihn, diesen wertvollen Rohling, zwar oft schon von Weitem riechen und hören kann, es aber immer spannend bleibt, welches Manns- oder Weibsbild plötzlich vor einem steht – und oft ist das dann wirklich unfassbar.

Roger Fritz, hochbegabter Fotograf, hat schon mehrfach bewiesen, unter anderem in seinem Bildband "Muc People", dass er Menschen und Stimmungen mit dem Kameraauge genau trifft. So auch jetzt, wo er fantastische Aufnahmen vom ausgeprägten Hang des Bayern zum gegenseitigen sich Übertreffen und daraus resultierender, seltsam malerischer Sportarten "berichtet". Dabei ist er auf eine extreme Typenvielfalt gestoßen - da finden Sie keinen, den Sie nicht treffen. In der Servicewüste Deutschland erweist sich damit der Bayer dankenswerterweise als Voyeurismusdienstleister.

Der Rest der Welt mokiert sich gern über uns Bayern, hält uns auch für reichlich extrem. Wer will es ihm verdenken, benehmen wir uns daheim doch so, als wäre das Bayernland die Mutter aller Trachten. Als durchaus förderlich für die uns unterstellte Extremismusvermutung erweist sich, dass der Bayer mit großer Hingabe seltsamen Sportarten frönt. Seine Wellness heißt dabei Gaudi, seine Fitness Schmalz (bayrisch für Kraft). Und in den aberwitzigsten Disziplinen, geistigen wie körperlichen, geht er hemmungslos bis an seine Grenzen.

Eigentlich war der Bayer damit schon immer der Zeit voraus! Dennoch halten die Betrachter dieses Treibens die gesammelten Erscheinungsformen des Bayernsports nur für schrullig. In der Oberflächlichkeit ihrer weichgespülten Spa-Bereiche können sie nicht kapieren, dass die bayerisch sportive Zeitlosigkeit das wahre Anti-Aging ist. Und woher soll er auch, weiß er es doch oft selber nicht. Als Willy Brandt sagte: "In Bayern gehen die Uhren anders", war damals der gesamte Volksstamm beleidigt, anstatt die Äußerung des Kanzlers aller Deutschen als Kompliment anzunehmen. Aber wie soll der Bayer sich selbst verstehen, wenn ihn schon die ganze Welt nicht versteht. Sinn dieser Ausführungen muss daher sein, ganz tief ins bayerische Unterbewusste einzutauchen: Nur so kann man den Bayern, das unbekannte Wesen, begreifen und vielleicht dahinterkommen, woher sein sportlicher Wesenszug überhaupt kommt. Vorausgesetzt werden muss hierbei die Kenntnis des bayerischen Selbstwerttheorems, das da lautet, schlicht und ergreifend: "Mia san mia und schreib´n uns uns, weil dahoam is dahoam! Host mi? - Mehr sog i ned!" Diese grundsätzlich munter und selbstbewusst nach außen getragene Haltung scheint phänotypisch für den bayerischen Menschen zu sein. Manchmal neigt er dazu, die Bodenhaftung aufzugeben. Das beschert uns zwar interessante und originelle sportliche Betätigungen - vom Schlittenrennen bis zum Maibaumklettern -, aber Sie werden auch bekannt gemacht werden mit dem folgenden kuriosen Phänomen.

Ich muss jetzt etwas ausholen: Tatsache ist, dass es bei der deutschen Handelsmarine überdurchschnittlich viele Bayern gibt. Heimatverbundenheit und Fernweh! Was willst du mir damit sagen, bayerische Zerrissenheit? Es lässt mich der Gedanke nicht los, dass wir die Begeisterung des Bayern an Leibesübungen überhaupt erst dann verstehen, wenn wir die Entstehung des nautisch-alpinen Paradoxons kapiert haben. Sollte der Habitus gar von heimlicher purer Weltgewandtheit zeugen und deutet dies auf das ungeschriebene ethnopoetische Dogma als stimmig hin: "Der Bayer setzt gern der Unendlichkeit seines Geistes die endliche Weite des Horizonts entgegen." Das wäre fast der Beweis für selbstkritische Interpretationsfähigkeit und daraus resultierender Erkenntnis. Das aber kann´s nicht sein, beweist doch allein das politische Verhalten des Bayern seit langem schon, dass die Beschäftigung mit der Erkenntnistheorie nicht zu seinen Stärken zählt, geschweige denn die Erkenntnispraxis - und das natürlich wegen der endlichen Weite seines heimatlichen Horizonts, der ihm bisweilen den Tellerrand zu einem Hochgebirge geraten lässt. Vielleicht bringt uns ein Heidegger´scher Ansatz voran, wonach die Bayern einem Geworfensein in ihr bayerisches Wesen unterliegen könnten. Der Bayer kann also gar nichts dafür, dass er so ist, wie er ist. Aber wozu braucht´s da einen Philosophen? Es ist eben, wie es ist, fast wie ein Rausch, und den hat man! Also, von wegen Heidegger´sche Unausweichlichkeit - diese Deutung bringt gar nichts, erklärt nichts und ändert nichts. Schließlich hat Heidegger vom Bayern und seinem Rausch keine Ahnung. Behauptet er doch an anderem Ort, die Sprache sei die Sage der Zeitung. Der war garantiert nie bei einer Trinksportveranstaltung in einem Münchner Stehausschank nach elf Uhr vormittags, wenn´s heißt: "I sogs iatzt amoi wias is!"

Aber der auch inzwischen moderne, weltoffene Typus des IT- und High-Tech-Bayern zeigt zwar durchaus Laptop, aber immer noch zu viel Lederhose. So leidet er darunter, dass er es in der Fremde nicht schafft, mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen wie daheim. Es fehlt ihm einfach die Kraftquelle des Gleichgesinnten, die Älplersportart "ständige Lodenschau".

Wenn sogar die aufgeklärte bayerische Intelligenzia mit der Exterritorialität nicht klarkommt, warum heuern dann Vertreter dieser Spezies schon im Zustand der bajuwarischen Frühreife bei der Handelsmarine an? Der Vorwitz der Jugend kann es nicht sein, wird jener doch regelmäßig schon beim Kammerfensterln verbraucht.

Es könnte jedoch auch ein Minderwertigkeitskomplex vorliegen, der den Bayern die Identifikation so sehr auf die Spitze treiben lässt: ein Missionszwang zur Verbreitung der eigenen Lebensart? Aber wer in katholischem Glaubensgebiet erzogen wurde, weiß doch um die Kontraproduktivität, wohin Missionierung und übertriebene Glaubensvermittlung führen. Gibt es doch keinen Ort auf dieser Welt, wo mehr Atheisten versammelt sind als in einem katholischen Hochamt. Was also ist der wahre und wirkliche Grund, dass so viele Bayern bei der Handelsmarine anheuern? Ich habe mich, um es herauszubekommen, für das Nächstliegende entschieden. Ich habe einen Beteiligten gefragt, und, siehe da, schon herrschte Klarheit: Die Ursache des seltsamen maritimen Verhaltens erklärt sich mit erfrischender Logik aus der bayerntypisch weitverbreiteten sportiven Obsession des Kräftemessens. Der von mir Befragte hatte, schon als Achtjähriger, mit einem gleichaltrigen Freund gewettet, dass er als Erster an der Copacabana sein würde. Die Wette, gleichwohl sie, wie oben nachgewiesen, durchaus geeignet ist, weitreichende Folgen zu zeitigen, stellt nur die kleinste Form des Kräftemessens dar. Sie ist für alle Altersstufen geeignet, gehört zur Basisfitness der bayerischen Wettbewerbsgesellschaft. Wie angesehen sie ist, neben ihrer wichtigen demokratischen Funktion des Wettkampfbegleitens für passive Schlachtenbummler verdeutlicht ein bekanntes bayerisches Sprichwort: "Beschwör´n tät ich´s, aber wetten trau i mi ned!" Alles, was im vorliegenden Werk dem geneigten Betrachter fotografisch kunstvoll vor Augen geführt wird, entstand letztlich vor dem Hintergrund urbayerischen Sichmessens, sowohl untereinander, gegenseitig, als auch mit Dritten.

Bestes Beispiel liefern die Jodler: Die trachten nur danach, sich gegenseitig lautstark an die Wand zu kehlköpfeln, sind aber dadurch voll im Training und in der Lage, im volksmusikalischen Ernstfall jegliche japanische Jodelbedrohung alt aussehen zu lassen. Lassen Sie uns einmal willkürlich hineingreifen in das Schatzkästlein bayerischen Turnierwesens, denn da riecht´s nach reicher Beute: Wettschnupfen, Fingerhakeln, Gams- und Vollbartwettbewerbe, Preisschnupfen, Schafkopfrennen, Maßkrugstemmen, Wettsägen, Bierfassrollen, Anzapfen, Rangeln, Genickziehen, Fußhakeln, Ochsenrennen, Eisstockschießen, Schützentreiben (fast eine halbe Million bayerischer Menschen sind in Schützenvereinen organisiert), Schuhplatteln (inzwischen sogar erweitert um die moderne Version des Schwulplattelns), Weiber abschleppen, Wallfahren mit Riesenkerze, Maibaumkraxeln ... und damit haben wir nur einige harmlose Auswüchse der Spezies Bayernsport aufgezählt. Wie eingangs schon angedeutet, geht's bei den bayerischen Sportarten allerdings nicht mehr hauptsächlich um mens sana in corpore sano oder gar um das Primat der Leibesübung als höchster Ausdruck eines ganzheitlichen, selbstgefälligen Wellnessgedankens. Nein, es handelt sich hier um Rituale zur höheren Ehre Bayerns. Die bajuwarischen Gladiatoren spielen mit im Konzert der Heimatverherrlichung, und wie könnte die Heimat einen solideren Stand haben, als wenn man selbst gut aufgestellt ist!

So ist der Bayer primär beseelt vom schneller, höher, weiter und oft auch vom länger oder anders. Alles, was geeignet ist, Anerkennung zu bringen, wird zum Sport, auch wenn´s zur Zerstörung der heimischen Landesbank führt. Kurzum, der Sport wird zum Fanal der Selbstdarstellung des ewigen Bayern. Zu Dank verpflichtet sind wir den alten Griechen, welche aus der Erkenntnis des agonalen Triebes, also des Wettkampftriebes, die dazu gehörige Organisation geschaffen haben. Mit der Erfindung der Olympischen Spiele haben sie das Sportliche endgültig salonfähig gemacht.

Aber der auch inzwischen moderne, weltoffene Typus des IT- und High-Tech-Bayern zeigt zwar durchaus Laptop, aber immer noch zu viel Lederhose.

Dank ihrer wissen wir, dass es niemals degoutant, sondern zutiefst menschlich ist, wenn man unbedingt herausfinden will, wer geschickter im Sautrog schwimmt. In der zivilisierten Welt gibt es kaum einen zweiten Volksstamm mit solch gewaltigem Identifikationspotenzial - vom Zwiebelturm bis zur Krachledernen - wie jenen im Land Bayern. Das weiß der g´standene Ureinwohner auch und spürt instinktiv, dass er im Zeitalter der europäischen Gleichmacherei sowie der Globalisierung "sakrisch" aufpassen muss, dass er sich nicht plötzlich wiederfindet auf der roten Liste der bedrohten Arten. Das gilt, wohl gemerkt, für ganz Bayern und ist zugleich Absage an jegliche separatistische Strömung, wie zum Beispiel seitens der Franken ("Frei statt Bayern") oder ansatzweise verächtlich seitens der Altbayern ("Man muss Gott für alles danken, selbst für Schwaben und für Franken"), offiziell hat man sich einig zu sein: Vivat, crescat, floreat bavaria. Und unseren Separatismus tragen wir intern und vor allem geschlossen aus! Die Symbole und zugleich die Symptome des gegenseitigen Übertreffens und des so überaus beliebten bayrischen Superlativtreibens findet man in den Bierzelten des Freistaats. Kollektiver Rausch. Findet statt in den lange vor Christo verpackten Räumen des weltgrößten Jahrmarkts, dem Münchner Oktoberfest. Alle Jahre wieder erleben wir die Jagd auf den Besucher- und Trinkrekord - mit eigener Böschung zur Bierleichenablage. In besagten Leinwandhütten erscheint uns so manches Mal die wohl archaischste Form des Bayernsports: die Volksfestschlägerei, wenn auch auf dem Oktoberfest der klassische Hauptwettkampftag, der "Maurer-Montag", schon fast in der Versenkung verschwunden ist. Großer Verlust für die bayrische Streitkultur entstand durch die Abschaffung der Medaillen für Starkbierleistungstrinker auf dem Münchner Nockherberg. Wahrscheinlich wollte man bloß einer schon länger befürchteten Doping-Debatte zuvorkommen. Interessant dazu auch die Haltung der Niederbayern, die nach einer Wirtshausschlägerei. Also dem Beweis urtümlichster Manneskraft, gerne konterkarierend anmerken: "... g´scherzt hamms auch noch!" In einer Zeit, in welcher Schweinsbraten weltweit Mäcrib heißen wird, müssen die Völker dankbar sein, dass es Bayern gibt, die feste Größe in Sachen Wiedererkennung und Bollwerk gegen geschmäcklerische Beliebigkeit. (Wenn auch der zunehmende Gebrauch der Wörter "lecker" und "Schnäppchen" in der altbayerischen Bevölkerung zu großer Sorge Anlass gibt.)