Ein Spaziergang mit Ludwig Güttler durch den Zschonergrund

Es ist ein herrlicher Herbsttag Ende September, der Himmel über Dresden ist blau, die Sonne liegt sanft über Wiese und Wald. Wir treffen uns am Romantikhotel Pattis am Eingang zum Zschonergrund und lenken unsere Schritte sofort auf den Weg entlang des Zschonerbaches. Nach nur wenigen Metern steigt der Duft frischer, feuchter Erde auf, durch die Bäume fallen Sonnenflecken auf den schmalen Weg, der uns schon bald vergessen lässt, dass wir eigentlich mitten in der Stadt sind. Kastanien leuchten durch die Blätter unter unseren Füßen, umgestürzte Bäume liegen quer über dem Bach, dessen leises Plätschern unseren gesamten Spaziergang begleiten wird wie ein vertrautes Lied.


Ludwig Güttler liebt diesen Weg, er liebt den Grund, und er liebt das Murmeln des Wassers. „Man könnte sagen, dass das mein Hausweg ist“, erzählt er. Seit 1978 schon lebt der Musiker in diesem Teil Dresdens – der Zschonergrund ist deshalb für ihn reich an Erinnerungen. „Hier bin ich mit meinen Kindern manchmal rodeln gewesen“, berichtet Güttler, als wir das enge Tal hinter uns gelassen haben und sich weite Hänge vor unserem Blick eröffnen. „Und hier bin ich barfuß über die Wiese gelaufen.“


Der weltbekannte Solotrompeter findet in seinem engen Terminplan nicht oft die Zeit für einen geruhsamen Spaziergang. „Ich habe ab und zu die Gelegenheit, es zu tun und dabei festzustellen, wie viel einem dadurch entgeht, dass man nicht so oft dazu kommt“, sagt er mit spürbarem Bedauern. Immer wieder bleibt er stehen, weist auf die umgestürzten Bäume hin, die wilde Natur, die hier – im Landschaftsschutzgebiet – eben nicht beschnitten und gestutzt wird. „Schauen Sie, ist es nicht herrlich, wenn sich ein Baum ungehindert ausbreiten kann, welche majestätische Gestalt er dann bekommt“, sagt er und zeigt auf ein riesiges Exemplar, das mit breit ausladenden Ästen die Landschaft beherrscht.


Auf die Frage, ob ihm der Herbst als Jahreszeit besonders gut gefalle, erklärt er: „Ich mag alle Jahreszeiten. Alle gleich gern.“ Und ergänzt mit einem verschmitzten Lächeln: „Die schönste Jahreszeit ist ja Frühstücken.“ Er gesteht, dass er lieber etwas eher aufsteht, um in Ruhe zu frühstücken, als den ganzen Tag unter das Zeichen eines hastigen Aufbruchs zu stellen. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Frühstück irgendwie auf den ganzen Tag ausstrahlt.“


Vor dem Frühstück jedoch übt Ludwig Güttler bereits das erste Mal auf seiner Trompete. „Dreimal am Tag ist das Pflichtprogramm“, erlegt sich der erfolgreiche Musiker auch mit 65 Jahren noch auf. „Kunst kommt von Können“, sagt er, „und das kann man nicht besitzen. Es gibt eben keine Batterie, in der man Können speichern könnte.“

Beweglich bleiben – das ist eines der Lebensziele des Künstlers, der am 13. Juni 1943 in Sosa im Erzgebirge geboren wurde und schon als Kind neben Ziehharmonika später auch Klavier, Orgel, Flöte und Cello lernte. Nach dem Studium an der Musikhochschule Leipzig begann Ludwig Güttler seine Konzertkarriere 1965 beim Händel-Festspielorchester Halle. Von 1969 bis 1980 war er Solotrompeter der Dresdner Philharmonie – schon seit dieser Zeit ist sein Name unauslöschlich mit Dresden verbunden. Eine Karriere ausschließlich als Solist reichte ihm jedoch nicht. Er hat drei eigene Ensembles gegründet: das Leipziger Bach-Collegium, das Blechbläserensemble und das Kammerorchester Virtuosi Saxoniae. Seit 1976 engagiert er sich außerdem für unzählige kirchliche, ökologische, soziale und Denkmal-Projekte.


„Hallo, Herr Güttler, ganz allein heute?“, ruft ihm ein Wanderer mit Walking-Stöcken zu, als wir auf einer Bank verschnaufen. „Aber nicht doch“, ruft Güttler freundlich zurück, „ich bin doch im Gespräch.“ – Offensichtlich hatte der Wanderer etwas anderes gemeint – er vermisst die „Bläserei“, mit der er Güttler sonst bei Benefizaktionen für das Zschonergrundbad erlebt. Gunther Emmerlich und Ludwig Güttler setzen sich für eine Sanierung des alten Luftbades ein. Güttler wird außerdem weitere Dresdner Künstler bitten, hierbei zu helfen. „Und das machen wir so lange, bis wir das Ding stehen haben“, muntert der Trompeter den Wanderer auf, als dieser sich wieder in Bewegung setzt. Auf unserem Rückweg bleibt er am Tor des Bades stehen und empfiehlt: „Wenn Sie sich mal wirklich in Ruhe abends am Wochenende irgendwo hinsetzen wollen, gehen Sie hier oben rein – das ist herrlich.“
Der Mitstreiter für ein saniertes Bad ist nicht der Einzige, der Güttler auf unserem Spaziergang freundlich anspricht. Familien mit Kindern, Paare, einzelne Spaziergänger – eigentlich jeder, dem wir begegnen, begrüßt den Musiker wie einen alten Bekannten. Darauf angesprochen sagt der Künstler mit einem Lächeln: „Na, ich bin ja schließlich 65 Jahre alt – da möchten mich doch ein paar Leute kennen.“


Seine Berühmtheit ist dem fast zwei Meter großen Mann ganz offensichtlich nicht zu Kopfe gestiegen. Er beugt sich zu den Hunden hinunter, kommt mit den Spaziergängern locker ins Gespräch, fragt ein kleines Mädchen nach seinem Weg. Und er macht sich über eine Bezeichnung lustig, die ihm die Öffentlichkeit allenthalben überstülpt. „Startrompeter“, sagt er spöttisch, „dieses Wort finde ich sowieso …“ Er schüttelt den Kopf und fügt lachend hinzu: „Amsel, Drossel, Fink und Star.“


Dass dem Trompeter beim Star-Begriff zuerst der Vogel einfällt, mag daran liegen, dass er als zehnjähriger Junge bei den Jungen Ornithologen mitmachte. „Wir haben zu zweit die Nistkästen im Wald kontrolliert und aufgeschrieben, was wir gefunden haben“, erzählt er, „ob das Nest verlassen und wie es beschaffen war, ob inzwischen wilde Bienen oder vielleicht ein Siebenschläfer drin hausten.“ Natürlich hätten sie auch die Vögel selbst beobachtet, ihre Rufe zugeordnet und bestimmt, berichtet Güttler und hebt den Kopf, als ein Bussard mit lautem Ruf über uns hinwegfliegt.
Die Töne in der Natur, der Rhythmus von Wasser und Wald – dies alles empfindet der Musiker als eine Erholung von der Konzentration beim Musizieren. „Rhythmus ist das Natürlichste von der Welt“, sagt er. „Nur wenn man es mit dem Kopf machen muss, merkt man, dass man es nicht beherrscht, dass man nicht gelernt hat, auf das Gefühl zu hören. Rhythmus ist körperlich, es ist das Natürlichste von der Welt.“
Überhaupt wird die Musik ein bestimmendes Thema unseres Spaziergangs bleiben. Ihr misst Güttler eine stark motivierende und ermutigende Kraft zu, die keinem Menschen vorenthalten werden sollte. Seit zwei Jahren engagiert sich der Künstler als Schirmherr für das Projekt „Jedem Kind ein Instrument“. Die Idee: Bereits in der Grundschule sollte jedes Kind die Möglichkeit haben, ein Instrument zu erlernen. „Ich kenne keine sinnvollere Investition in die Kinder, von denen wir sowieso zu wenige haben, als diese Maßnahme“, kommt er ins Schwärmen, während sein Blick auf den Bäumen am Wegesrand ruht. „Beim Musizieren bewegen sie sich innerlich, sind in Bewegung und bewegen andere Menschen.“ Selbst wenn Kinder das Instrument später wieder weglegen, so seine Überzeugung, ist das, was sie bis dahin gelernt und gespürt haben, nicht mehr zu verlieren.

 

Was Güttler sich im großen Maßstab für alle Kinder wünscht, das setzt er im Kleinen bereits in seiner Familie um. Zwei seiner fünf Enkel spielen inzwischen Geige. Dafür brauchte es aber keinen Impuls seinerseits? „Doch, natürlich“, sagt er vehement, „die Geigen sind von mir. Und die Bögen auch.“ Im November wird die dritte Enkelin zwei Jahre alt. Und Güttler verspricht schon jetzt: „Die bekommt auch eine Geige.“Nach anderthalb Stunden muss der viel gefragte Musiker an den Rückweg denken. Wieder führt uns der Weg durch den kühlen Grund hinauf zur Straße. Als Güttler die Brennnesseln am Wegesrand sieht, meint er: „Hier ist alles ungedüngt. Die können Sie sich holen für den Salat.“ Er selbst hat sich jedes Jahr ein paar Blätter gepflückt für seinen Tee – auch heute noch sammelt er die nötigen Zutaten vor allem im eigenen Garten. Ob er sich vorstellen könne, Dresden zu verlassen? „Das habe ich noch nie ernsthaft erwogen“, sagt er nachdenklich. „Obwohl ich mir gut vorstellen könnte, bestimmte Lebensperioden auch an anderen Orten zu verbringen.“


Als Musiker habe er sich schon an vielen Plätzen der Welt angenommen gefühlt. „Mit der Zeit kann ich tatsächlich ein heimatliches Gefühl für einen zunächst fremden Ort entwickeln“, glaubt er. Hinter dieser Erfahrung steht eine Haltung, die ihn zeit seines Lebens geleitet hat: „Ich kann mich an vielen Orten wohlfühlen, weil ich das, was mich umgibt, zunächst mit Wohlwollen und Offenheit und nicht mit Misstrauen und Skepsis betrachte.“ Unser Spaziergang durch den Zschonergrund, die wache Aufmerksamkeit der Natur gegenüber und die freundliche Herzlichkeit, mit der er alle Vorüberziehenden grüßte, sind der beste Beleg dafür.
Birgit Andert