Die verschollene Generation

Foto:Anton Bolz

Das Dresdener Barockviertel ist die Heimat vieler Galerien. Mit ihrer Spezialisierung auf verschiedene Epochen und Richtungen bereichern sie die Kunstszene der Stadt. Disy hat Ralph Kühne in seiner Galerie Finckenstein besucht.

 

Woher kommt Ihr Interesse für Kunst?

Kühne: Das Kunstinteresse ist familiär bedingt. Mein Vater hat schon sehr früh ein starkes Interesse für Kunst und Geschichte in mir geweckt. Man kann also daraus sagen, dass mir die Kunstaffinität in die Wiege gelegt wurde.

 

Wie kamen Sie auf die Idee, eine Galerie zu eröffnen?

Kühne: Das hat sich während meiner Studienzeit ergeben. Ich habe im Nebenfach Kunstgeschichte studiert und in dieser Zeit die Maler der „Verschollenen Generation“ für mich entdeckt. Ich begann, Künstlererben zu eruieren und Nachl.sse zu sichten. Erste Erfolge bei der Vermittlung von Werken in öffentliche wie private Sammlungen machten mir dann Mut zu diesem Schritt.

 

Können Sie den Begriff der „Verschollenen Generation“ näher erläutern?

Kühne: Er umschreibt jene Künstler, deren Schaffen von zwei Weltkriegen und den politischen Wirren des 20. Jahrhunderts überschattet wurden. Nicht wenige wurden verfolgt oder durften nicht mehr ausstellen. Eine ausreichende Anerkennung war ihnen zu Lebzeiten oft nicht vergönnt, nach ihrem Tod wurden einige ganz vergessen. Unter ihnen gab es zahlreiche Maler und Malerinnen, die in Dresden gelernt und gewirkt haben.

 

Woher bekommen Sie Ihre Bilder?

Kühne: Gerade bei dieser Künstlergeneration erweist sich der Erwerb bisweilen als schwierig. Eine beträchtliche Anzahl von Werken wurde im 2.Weltkrieg zerstört oder ist anderweitig verloren gegangen. Überdies: Viele qualitätsvollen Bildern befinden sich inzwischen bereits in Museen oder Privatsammlungen. Ich beziehe meine Exponate aus unterschiedlichen Quellen, ich kaufe beispielsweise aus Nachlässen oder auf Auktionen. Und ich bekenne freimütig, dass die Provenienzforschung und das Aufspüren unbekannter Kunstwerke sehr spannend sein können.

 

Gibt es tatsächlich wertvolle Dachbodenfunde?

Kühne: Das ist extrem selten. Allgemein kann man sagen: Gemälde bekannter Meister waren auch schon in ihrer Entstehungszeit teuer. Was zur Folge hatte, dass sie im Regelfall auch entsprechend geschätzt und gepflegt wurden. Der ,,geschenkte Meister'' vom Dachboden ist eher ein Mythos.

 

Wie kann man hochwertige Werke erkennen?

Kühne: 30 Jahre Erfahrung sind natürlich durch nichts zu ersetzen, aber es gehört meines Erachtens auch ein gewisses Gespür dazu. Wichtig ist, das Kunstschaffen stets im Kontext seiner Zeit zu betrachten. Daneben sind Kenntnisse der Materialkunde - etwa Maltechniken oder die Alterung von Bildträgern betreffend - sowie ein Auge für Farblehre und Komposition unentbehrlich.

 

In Zeiten niedriger Zinsen boomt der Kunstmarkt. Viele Menschen suchen nach alternativen Anlageformen. Sind das für einen Galeristen besonders gute Zeiten?

Kühne: Mit steigender Nachfrage w.chst auch die Konkurrenz auf dem Kunstmarkt. Neue Galerien entstehen, der Online-Handel etabliert sich mehr und mehr, daneben versteigern auch Auktionshäuser Kunstwerke. Tatsächlich haben Aktionshäuser einen großen Wirtschaftlichen Vorteil gegenüber Galeristen: Sie müssen die Stücke nicht erwerben, tragen ein geringeres Risiko. Unverkaufte Objekte werden dem Einlieferer einfach zurückgegeben. Ich muss dagegen genau überlegen, ob ich in ein Werk investiere, da mit dem Ankauf mein Kapital auf unbestimmte Zeit gebunden ist.

 

Ist Kunst generell eine lohnende Anlageform?

Kühne: Sie kann es durchaus sein, aber kein seriöser Kunsthändler kann eine Wertsteigerung wirklich garantieren. Deshalb sollte man im Erwerb von Kunst in erster Linie einen Zugewinn an Lebensfreude sehen.

 

Kritiker sagen: Kunst ist Kunst und keine Ware. Kunst sollte keinen Preis haben.

Kühne: Diese Aussage war weder in der Vergangenheit zutreffend, noch ist sie es heute. Künstler müssen essen, Miete zahlen und Arbeitsmaterialien kaufen. Auch Galerien und Museen entstehen Unterhaltskosten. Menschen Kunst zugänglich zu machen, kostet Geld. Deswegen ist es auch richtig, dass ein Kunstwerk einen Preis hat.

 

Wer sind Ihre Kunden?

Kühne: Meine Kunden sind vor allem Dresdner, die sich für jene Künstler interessieren, die hier gelebt und gewirkt haben. Aber auch Touristen verlieben sich spontan in ein Bild und kaufen es, mitunter selbst wenn sie von dessen Urheber noch nie etwas gehert haben. Für mich eine besonders schöne Bestätigung, die für die angebotene Qualität stehen dürfte.

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Kühne: In Zeiten zunehmender, virtueller Angebote hoffe ich natürlich, dass Menschen auch in Zukunft noch Galerien aufsuchen werden. Ich bemühe mich, in meinen Ausstellungsräumen, etwa durch die Ausgestaltung mit originalen Riemerschmid-Möbeln, ein Ambiente zu schaffen, in dem die Werke der Generation, die ich vertrete, noch unmittelbarer erlebbar werden. Ich wünsche mir, dass das Interesse für die Klassische Moderne, also die Kunst der ersten Hälfte des überaus spannenden 20. Jahrhunderts, auch in der Generation Facebook weitergetragen und persönliche, fachkundige Beratung auch fürderhin geschätzt werden.