Der wilde Westen so nah ...

Andreas Langisch, Chef vom gleichnamigen Reiterhof, sattelte am späten Freitagnachmittag seine Pferde und brach mit vier harten Jungs und zwei süßen Cowgirls auf. Von seiner Ranch in Liegau-Augustusbad führte der Ritt durch Wald und Feld zum ersten Nachtlager unter freien Himmel. Petrus meinte es gut mit unserer Truppe und schickte die ersten langen warmen Sommernächte dieses Jahres mit auf den Ritt.

Während die Jungs und Mädels durch eine frühlingsgrüne Landschaft, vorbei an blühenden Feldern und meist weit abseits der Straßen ritten, erzählte mir Olaf, im wahren Leben Straßenbahnfahrer und im wilden Westen Marketender der Truppe, von diesem wunderbaren Hobby des Wander- und Westernreitens. Seine „Opelkutsche“ war bis an die Decke mit Zeltausrüstung und Proviant beladen. Begegneten uns unterwegs Menschen, staunten sie nicht schlecht über die stilecht gekleideten Reiter. „ Ja, der wilde Westen ist eben auch manchmal in Sachsen.“ An einem einsamen Waldesrand wurden am Abend die Zelte für das Nachtlager aufgeschlagen. Als die Sonne sich langsam glutrot an Sachsens Horizont verabschiedete, saß man am Lagerfeuer und erzählte so manche Episode aus dem „Westernleben“.

Der Neujahrsritt, das Sternenreiten zu den Karl May-Festspielen oder das Rodeoreiten in Sebnitz gaben immer wieder neuen Gesprächstoff. Indianerangriffe und Schießereien im Saloon sind da wohl eher der Phantasie überlassen. Gelacht wird viel an so einem schönen Vorsommerabend. Zum Beispiel als eins der Cowgirls beim Rodeoreiten in atemberaubender Geschwindigkeit und vorbildlicher Haltung (waagerechter Rücken und ausgehobener Po) den Ritt absolvierte.

Des Rätsels Lösung kam sogleich: Beim Ausritt aus dem Corral hatte sich der BH des Girls im Sattelknauf verhakt. Auch über gestürzte Reiter und Kämpfe mit einer „Bestie“ wird gelacht. Die Bestie heißt Kater und hat schon so manchem harten Kerl zu schaffen gemacht. Na ja, der Whisky und seine Nebenwirkungen …
Am nächsten Morgen sitzt man dann wieder am Feuer, brutzelt Schinkenspeck und Eier, trinkt Kaffee, sattelt das Pferd und reitet weiter. Nach vier Stunden ist das Ziel erreicht. Ghost-Town-City steht über einem Tor. Ich komme mir nun wirklich vor wie im wilden Westen. Stilecht gekleidete Cowboys, Trapper und Ladies in einer echten Westernkulisse. Natürlich bewaffnet bis an die Zähne. Selbstverständlich ist auch ein Sheriff vor Ort.

Der Sächsische Jagd- und Schützenverein Großdobritz E.V. 1990 (www.sjsv.de) hat zu seinem achten Westernschießen eingeladen. Mit Langwaffen und Colts werden auf verschiedenen Schießanlagen Klapperschlangen, Wölfe, Bären, Elche, Keiler und Bisons erlegt. Auch Pokerkarten und Whiskyflaschen müssen als Ziel herhalten. Als Gast durfte auch ich, nach einer Belehrung über Waffenumgang, mit schießen. Alle anderen haben ihre Waffenbesitzkarten in einem Schützenverein oder Sportclub erworben und sind mit ihren eigenen Waffen angereist. Es war beeindruckend, die Leistungen der Schützen und die Vielzahl der Waffen zu sehen. Auch ich erlegte mit meiner Winchester einen Bison auf einer Fünfzigmeterbahn. Aber wie war das doch mit dem „blinden Huhn“…? Nach der Siegerehrung fand Andreas dann Zeit, uns über seinen Reiterhof zu erzählen.

Als gelernter Hufschmied züchtete er bereits zu DDR-Zeiten Pferde und kutschierte FDGB-Gäste mit seinem Kremser durch die herrliche Umgebung rund um Liegau-Augustusbad. Heute zählt das Wander- und Westernreiten und therapeutisches Reiten ebenso zu seinem Angebot wie Reiter- und Pferdeausbildung. Nach diesem kurzen Abenteuer, was nicht nur eine Reise in die Vergangenheit, sondern auch in eine andere Welt war, traten wir den Heimritt an. Mittlerweile ist seine Herde auf 20 Pferde angewachsen. Groß war die Freude über den Nachwuchs im Mai 2006 – das Fohlen Josepha, genannt Joesy. Der Reiterhof ist für den Pferdenarr Andreas Hobby und Beruf zugleich. Dies gilt wohl für die ganze „pferdeverrückte“Familie Langisch.

Stefine