Ein großer Musiker wächst durch sein Leid

Es war nicht nur ein Interview. Das Gespräch mit Arkadi zenziper hat Disy-Chefredakteurin Anja k. Fließbach und Disy-Fotograf Mirko Joerg kellner tief ergriffen. Der Musikprofessor begleitete seine Worte mit den passenden Melodien am Flügel, wenn er von persönlichem und fremdem Leid erzählte, vom ewig Unerklärlichen, von Güte und Men- schenliebe. Arkadi Zenziper sprach auch von Unabhängigkeit, dem Kampf gegen die Inflation der klassischen Konzerte und seinem Verständnis für das Leben, die Gesellschaft und natürlich die Musik. 

 

Was ist Ihre Berufung?

Ich bin seit fast 30 Jahren Hochschullehrer, und es macht mir im- mer noch Spaß, jungen Leuten bestimmte Zusammenhänge zu erklären. Ich bin auch selbst von diesen noch fasziniert und lerne dazu. Dabei kann man nicht nur trockene Materie vermitteln, sondern man muss überzeugen, und das kann man nicht nur durch Worte. Man muss die Schü- ler faszinieren. Erst durch diese Faszination wird der Lehrer überhaupt akzeptiert und der Weg zu einem selbst und dann zum Erfolg möglich.

 

War Ihr Weg vorbestimmt?

Ich habe schon mit 19 Jahren in St. Petersburg an der Hochschule mit einem Lehrauftrag angefangen. Seitdem hat mich die Hochschule nicht aus ihren Fängen gelassen.

 

Als ich Sie mit Ihren Schülern beobachtet habe, sah es aus, als stünden Sie sich sehr nahe?

Man steht ihnen sehr nahe, aber man muss die Balance finden und auch eine Distanz aufbauen. Nicht im Sinne von Unterordnung, sondern im Sinne von Gleichberechtigung. Deshalb sieze ich meine Schüler, und erst, wenn sie die Meisterklasse erreichen – da kommen allerdings nicht viele hin –, erlaube ich mir, irgendwann auch „Du“ zu sagen.

 

Ich kenne Sie als einen sehr herzlichen Menschen ...

Zu den Grundsätzen meiner Pädagogik gehört, dass man als Pädagoge eine tiefe Menschlichkeit besitzt. Ein Pädagoge ohne diese ist einfach nur ein Methodiker. Diese Fähigkeit, sich in die Probleme anderer hineinzuversetzen, ist allgemein sehr wichtig in unserer Gesellschaft, und das ist etwas, das ich sehr vermisse. Wir könnten viele Gesellschaftskonflikte dadurch schlichten.

 

Loben Sie viel?

Pädagogische Prinzipien sind allgemein eigentlich ganz einfach. Ein berühmter Musiker hat einmal gesagt: Ein junger Pianist braucht eigentlich nur drei Sachen - Lob, Lob und nochmals Lob. Man muss Menschen fördern und fordern. Dann sind sie bereit, ihr Letztes zu geben. Nur Tadeln bringt nichts.

 

Man sollte aber schon auch kritisieren?

Natürlich, aber man muss sehr vorsichtig mit Kritik umgehen und dabei keine Grundsätze der jungen Leute infrage stellen. Mich stört das auch bei der Presse, wenn diese nur kritisiert.

 

Wie wäre es Ihnen denn lieber?

Man sollte eher eine goldene Mitte als Königsweg finden. Stattdessen wird entweder glorifiziert oder niedergemacht. Das sehe ich als Problem. Auch die Kon- zentration auf Details ist nicht richtig. Skandalöse Details sind heute wichtiger als die Substanz.

 

Nennen Sie ein Beispiel!

Ein Beispiel ist Elton John: ein genialer Pianist und Sänger mit klassischer Aus- bildung, den ich seit meiner Kindheit bewundere – über den so viele unnötige Details geschrieben werden, z.B. über seine Brillen, über seine Partnerschaft, aber die breite Öffentlichkeit weiß nichts über die Entstehung seiner größten Songs. Es interessiert doch eher: Wie komponiert er? Wie improvisiert er? Wa- rum macht er das? Aber das ist typisch für unsere Zeit, dass selbst von größten Schauspielern noch möglichst viele Details herausgesucht werden, die auch noch möglichst skandalös sind.

 

Spielt die Moral auch in der Beziehung zu Ihren eigenen Kinder eine Rolle?

Ja. Man muss sich moralisch darüber im Klaren sein, was man will. Ich habe eine tolle Familie und Kinder, auf die ich sehr stolz bin. Durch meine Kinder lerne ich mich vor allem auch selbst kennen. Es sind sehr gutherzige und hilf- reiche Menschen, die mir und meiner Frau auch zur Seite stehen.

 

Wie schaffen Sie es, Zeit für Ihren Beruf und die Familie aufzubringen?

Ich schaffe es nicht. Es ist nicht zu schaffen, aber ich versuche es. Eine gött- liche Wahrheit gibt es in dieser Frage allerdings nicht. Auch diejenigen, die sich ausschließlich um die Kinder kümmern, sind nicht krisenfrei. Man muss, genau wie im Unterricht und in vielen Bereichen des Lebens, mit einer großen Menschlichkeit und Verständnis für andere Persönlichkeiten an die Sache ge- hen. Dann wird auch eine kurze Zeitspanne richtig in Erinnerung bleiben. Das ist das Wichtigste, nicht allein die Zeitaufwendung. Und da wird ein glück- licher Lehrer zum glücklichen Vater, wenn man Spuren hinterlässt und die Kinder wirklich lange Erinnerungen haben, die auch prägen. Ich denke, das ist das Wichtige.

 

Sie denken offenbar sehr viel an andere Menschen. Gibt es auch für Sie selbst etwas, das Sie noch erreichen möchten?

Es gibt einige Werke, die ich unbedingt einmal spielen möchte. Sonst ist meine Eitelkeit mit den Jahren ziemlich gestillt, deshalb ist das eine eher schwere Frage. Allerdings lebt man auch durch die Neugier, Neues zu erleben. Ich per- sönlich liebe zum Beispiel die Natur über alles, vor allem ihren Wechsel. Lei- der verbringe ich mein Leben größtenteils in großen Städten und Metropolen, vom Stau geplagt oder irgendwo zwischen zwei Fliegern steckend, und das ist für mich keine Befriedigung. Deshalb können das auch keine Erfolge oder Eitelkeiten dieser Welt für mich rechtfertigen.

 

Wo finden Sie Ihre Ausgeglichenheit?

Die finde ich zum Beispiel in Schnackenburg an der Elbe in Niedersachsen, das ich sehr liebe und wo ich etwas zurückgezogen mit meiner Familie, Klavier und Büchern auf einem Anwesen lebe. Meine Frau und ich sind leidenschaftliche Gärtner. Außerdem liebe ich es, dort auf der Bank zu sitzen und über die Elbe auf die alte innerdeutsche Grenze zu schauen. Ich habe einen schönen Blick auf Brandenburg. Es ist ein geschützter kleiner Ort, an dem ich mich durch die Natur einfach gut konzentrieren kann. Außerdem übe ich dort, da ich nicht gestört werde.

 

Müssen Sie denn noch üben?

Natürlich. Ich gehöre nicht zu den Glücklichen, die ohne Üben auskommen. Ich denke, das ist auch ein Märchen. Tägliches Üben ist sehr erstrebenswert, aber nicht immer realisierbar. Aber ich bemühe mich, sehr oft zu üben.

 

Was bevorzugen Sie beim Spielen?

Es gab hier verschiedene Phasen in meinem Leben. In meiner Jugend hatte ich eine wilde Phase, zum Beispiel mit Beethoven. Dann kam Mozart. Chopin hat mich immer begleitet. Es gibt für mich aber eigentlich nicht den einen Kompo- nisten oder den einen Stilisten. Moderne und spätromantische Franzosen gehen mir zum Beispiel genauso nahe wie frühromantische Deutsche. Auch mit mo- derner Musik habe ich positive und interessante Erfahrungen gemacht.

 

Manchen selbst ernannten Musikkritikern ist Mozart zu leicht und Schu- bert zu banal. Wie stehen Sie zu Mozart und Co.

Ich stehe zu meinem Herzen, und da kann man Mozart nicht herausstreichen. Mozart ist die Welt und sicherlich eine kosmische Erscheinung. Und man muss sich fragen, wie solche Erscheinungen in ganz bestimmten Zeiten unserer Geschichte bei uns wirken konnten. Das ist schon unglaublich. Zum Beispiel wurden um 1810 viele romantische Komponisten in Deutschland, Frankreich, Polen und Italien geboren.

 

Worauf führen Sie diese Häufung in der damaligen Zeit zurück?

Die Frage ist auch, wie Bach so viel schreiben konnte, dass eigentlich sein Leben gar nicht gereicht hätte, um alles aufzuschreiben.Wir stehen vor einem Phänomen. Die biblischen Propheten sprachen noch mit Worten, die Propheten der Moderne mit Tönen.

 

Glauben Sie, dass es so eine Phase noch einmal geben wird?

Das weiß ich nicht. Die Erde bewegt sich inzwischen in ganz anderen kos- mischen Bereichen. Wir Menschen sind unglaublich hochnäsig und viel zu ar- rogant. Wir begreifen immer noch nicht, was Kosmos, Raum und Zeit sind. Das begreifen nur ganz kluge Köpfe; die das aber nicht wirklich preisgeben wollen, weil sie dann sofort von allen Seiten niedergemacht werden.

 

Ist da Ihrer Meinung nach mehr?

Wir wissen generell zu wenig über Zeit und Raum, zu wenig über deren Wech- selwirkungen. Wir haben auf allen Seiten große Herausforderungen, darüber nachzudenken. Wir sollten die Gründe für einige Dinge nicht nur auf der Erde suchen. Es gibt auch das ewig Unerklärliche.

 

Haben Sie über die Musik Zugang dazu?

Die Menschen sind fähig, Musik zu empfinden als eine kosmische und univer- selle Sprache. Wir können die großen Komponisten/Propheten hören, verstehen und unter anderem Katharsis erleben, als eine glückbringende Seelenwandlung und Seelengenesung. Katharsis ist ein Bestandteil der Musik, den jeder kennt. Wenn man zum Beispiel geweint hat, wird es damit einfach leichter. Ein wei- terer Bestandteil der Musik ist die kosmische Energie. Musik kann aber auch etwas über die Geschichte erzählen und den Zeitgeist widerspiegeln. Wer hat zum Beispiel mehr gesagt über das 20. Jahrhundert als Schostakowitsch mit seiner zerreißenden, schmerzhaften Musik. Jeder Ostdeutsche, Russe, Pole oder Ungar weiß dabei sofort: „Das ist unsere Vergangenheit.“

 

Schwelgen Pianisten lieber in melancholischen und temperamentvollen Melodien als in spielerischer Leichtigkeit?

Das ist nicht so. Das hat wohl eher mit unserer Zeit zu tun, in der man versucht, mithilfe der Musik traurige oder negative Gefühle zu verarbeiten. Es gibt in der Musik alles. Neben dem traurigen Mozart auch den energischen und kraftspen- denden Beethoven und umgekehrt.

 

Wo liegen in musikalischer Richtung noch Herausforderungen für Sie?

Da gibt es einige Werke, nicht weil sie zu schwer sind, sondern weil sie eine monatelange Vorbereitung brauchen. Eine intensive Vorbereitung. Das geht nicht nebenbei. Zum Beispiel: die Goldbergvariationen von Bach, das zweite Klavierkonzert von Tschaikowski oder die großen Variationen von Beethoven – das sind schon Werke, die mich sehr reizen. Das Problem ist dabei natürlich die Zeit.

 

Wie und wann wollen Sie sich diese Zeit nehmen?

In den Ferien. Da ist normalerweise Zeit für meine Konzerte, und da bin ich immer sehr viel unterwegs. In den nächsten Ferien ist der Februar zum Beispiel schon voll. Eigentlich wollte ich mehr üben als konzertieren, aber ich bin trotz- dem in den Vereinigten Staaten und in Südkorea, wo ich spiele und auch unter- richte. Ich plane aber, mir die Übungszeit zu gönnen. 

 

Wenn man Ihre Biografie kennt, weiß man, dass Sie in Ihrem Leben so manche schwere Belastung durchzustehen hatten, die oft über die Gren- zen des Ertragbaren ging ...

Es stimmt. Schon in meiner Jugend habe ich immer versucht, anständig zu bleiben. Aber diesen Anstand zu behalten war schon damals sehr schwer und mit verschiedenen Strafen verbunden.

 

Wird man nur ein guter Pianist, wenn man Leid und Tiefen erlebt hat?

Ein großer Musiker wächst durch sein Leid. Das wurde bezüglich Mozart und seinen Lebensumständen, Schubert mit seiner furchtbaren Krankheit oder Beethoven mit seiner Taubheit gesagt. Ohne diese schmerzhaften Erlebnisse wären diese Leute sicher nie das geworden, was sie sind. Und wenn Sie das Leben großer Leute verfolgen, dann sehen Sie, wie prägend das war. Der Tod der Frau für Bach, der Tod der Schwester bei Mendelssohn. Ich denke, das ist bei großen Leuten schon ganz klar.

 

Und bei den kleinen?

Ja, was sollen wir einfachen Sterblichen sagen? Für uns ist das natürlich auch prägend. Als Lehrer höre ich oft außerordentlich schmerzliche Dinge. Zum Beispiel erlebte ich bei einem Wettbewerb jemanden, der mit besonders schö- nem, aber schmerzhaftem Ton spielte. Dann erfuhr ich, dass der Pianist sehr früh seine Eltern verloren hatte.

 

Sind Sie ein melancholischer Mensch?

Ich kann in tiefe Melancholie verfallen, besonders wenn ich allein bleibe und in mich hineinschaue und erschrecke über all das, was ich nicht weiß.

 

Sind Sie ein religiöser Mensch?

Religiös in dem Sinne, dass ich einen bestimmten Begriff von Treue und Schicksal habe. Ich übe aber Religion nicht aus, das heißt, ich gehe am Sonn- tag nicht in die Kirche. Aber ich spiele sehr gerne in kleinen und großen Kir- chen. Denn dort spürt man besonders die ganzen Emotionen, die ganzen Klän- ge, die ganzen Empfindungen der Menschen.

 

Sie werden in die ganze Welt eingeladen. Wie funktioniert das?

Es gibt mehrere Veranstalter, die mich immer wieder einladen, weil das Pub- likum es wünscht. Dann gibt es Agenten, die dabei helfen, von denen ich mich allerdings nicht abhängig mache. Ich bin kein Vorstellungstier. Aber das ist heute leider so: Klassische Musik wird gehört wie schlechte Popmusik, und es regiert das Geld. Das ist eine traurige Entwicklung, aber die Realität. Genau wie in der Popmusik gibt es immer noch den Mut, „Nein“ zu sagen, und ich war klug genug und auch nicht mehr so eitel, um mich nicht mehr jeden Tag auf irgendeiner Bühne sehen zu wollen. Ich habe es probiert, und es hat keinen Spaß gemacht.

 

Woran lag das?

Ich war Diener eines bekannten Agenten, der mich ständig durch ganz Europa schickte. Das war sehr anstrengend und künstlerisch auch nicht sehr interes- sant. Deshalb ist mir meine Unabhängigkeit wichtiger. Heute habe ich zwar mit Agenten zu tun, aber die haben nicht mich, sondern ich sie. Ich lasse mich nicht vereinnahmen. Und ich versuche auch, meine Schüler davor zu bewah- ren. Das ist natürlich der schwierigere Weg, aber man kann diesen Weg gehen, und zwar in jedem Bereich. Als Pianist steht man zwar im Tagesgeschäft und muss spielen, aber irgendwann sagt man sich: Ich kann auch ohne die tägliche Befriedigung meiner Eitelkeit gut und glücklich leben.

 

Dafür benötigt man allerdings auch eine gewisse materielle Basis. Sind Sie ein reicher Pianist?

Ich denke nicht, wobei das Schicksal in letzter Zeit zu mir recht gnädig war. Das liegt aber vielleicht auch daran, dass ich nicht allzu viel benötige, um glücklich zu sein. Ich habe meine Kinder, meine Familie, die Natur in Schna- ckenburg und natürlich ein wenig Stabilität sowie Unabhängigkeit in Form meiner Professur. Das ist in Deutschland auch richtig gemacht, dass eine Professur selbsttragend ist und man sich nicht aus politischen oder sonstigen Lebensinteressen heraus anpassen muss.

 

Man ist unabhängig ...

Eben anders als Politiker, die am Ende der Legislaturperiode alles über den Haufen werfen, um wieder gewählt zu werden. Und so kommt eben eine Ein- heit zustande, von Schöpfen und Schöpfungsergebnisse weiterzugeben. Und mit Schöpfungsergebnissen meine ich den geistvollen Akt der Erforschung der Musik. Diese Ergebnisse teilt man dann mit Gleichgesinnten innerhalb dieser Schule hier, in der ich mich wohlfühle. Und das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum ich den weiten Weg von Schnackenburg hierher auf mich nehme.

 

Bleiben Sie Dresden auch in Zukunft erhalten?

Ja. Ich bin gern hier. Wenn ich eine Stadt mag, dann Dresden. Es ist nicht zu groß und nicht zu klein, und man findet hier eine einmalige Mischung von Kultur und Natur und von deutschen und slawischen Elementen.