75. Beitrag: "Der Wächter des Palastes" (25. März)

Er schaute mir in die Augen. Durchdringend, interessiert zwar, aber auch eine Spur aggressiv. Ihm wollte ich nicht im Dunkel begegnen. Der Wächter des Palastes in Seoul stand so grimmig am Eingang, dass selbst wir Touristen eingeschüchtert waren, obwohl wir weder rauben noch einen König töten wollten...

Der Gyeongbokgung (Palast scheinender Glücklichkeit) ist einer von fünf noch erhaltenen Palästen in Seoul, die die Hauptstadt der Joseon-Dynastie gewesen war. Wir spazieren durch die weitläufige Anlage, lassen uns die Räume und Hallen des Königs zeigen. "Und wo lebte die Königin?", will Louisa wissen und kann nicht verstehen, dass ihr nur ein Gebäude ganz hinten im Gelände gewidmet war. Den Teil mit den Konkubinen, die im selben Gebäude eigene Zimmer hatten, versteht sie zum Glück auch nicht.

Ich streiche leicht über die alten Wände. Was die wohl erzählen könnten? Schon 1394 wurde der Palast   gebaut, während des Imjin-Kriegs 1592 zerstört und erst dreihundert Jahre später, im Jahr 1865, wieder neu errichtet. Der König zog wieder ein. Doch nun muss ich erfahren, dass die Palastwächter damals nicht immer so aufmerksam waren, denn 1895 wurde die Frau des Königs, Königin Min, von Auftragsmördern der japanischen Regierung hier ermordet. Kein Wunder, dass der am Eingang so böse schaut. Und wieder haben wir einen Reiseleiter, der auf die Japaner schimpft.

Nach dem gemütlichen Spaziergang durch die Palastanlagen, steht ein Besuch des Nationalmuseums auf dem Plan. Louisa und ich seilen uns wieder ab und finden nebenan ein Kindermuseum. Hier hat sie Spaß, druckt koreanische Elemente auf Seidenpapier, fühlt die verschiedenen Reisarten mit ihren Händen, darf sich als koreanische Königin verkleiden.

Nach dem Ausflug in die Geschichte fahren wir mit dem Bus durch die Weltmetropole Seoul. Die Stadt gliedert sich in 25 Stadtbezirke, die Bezirke sind in 522 dong unterteilt, diese wiederum in 13.787 tong und diese schließlich in 102.796 ban. Alles klar?! Unser Reiseleiter heute heißt Charlie. Er ist viel aufgeschlossener und lustiger als die Frau in Pusan, die über unsere Köpfe hinweg geredet hatte. Charlie erzählt uns zwar auch einiges über die Kriege, zumal nur 56 Kilometer nördlich von Seoul die innerkoreanische Grenze verläuft. Aber während die andere Koreanerin den Krieg heraufbeschworen  hat, hofft Charlie, nach seiner Aussage viele andere Koreaner auch, auf eine baldigen Öffnung der Grenze. "Wie bei euch in Deutschland", erklärt er. Überhaupt ist Charlie, der eigentlich einen für uns unaussprechlichen Namen hat, sehr viel zukunftsorientierter.

Trotzdem frage ich ihn unter vier Augen, warum die Japaner in Asien so gehasst werden. Zum einen hätte es um die Jahrhundertwende einen Kaiser gegeben, der wie Hitler versucht hatte, ein Land nach dem anderen zu annektieren und dem japanischen Reich einzugliedern mit dem Ziel, die Welt zu beherrschen. Zum anderen hätten die Japaner besonders im Zweiten Weltkriegs in den besetzten Ländern sehr brutal gehaust. Sie hätten Frauen als "Trostfrauen" an die Front gebracht und in Kriegsbordellen teilweise jahrelang vergewaltigt. Die Männer mussten für Japan in den Krieg ziehen, alle Koreaner mussten japanische Namen annehmen und ihre Besitzungen abgeben. Nachdem Japan am 15. August 1945 kapitulierte (siehe Beitrag "Tausend Kraniche für Hiroshima"), wurde Seoul Sitz der U.S.-Militärregierung und die japanische ging in die amerikanische Besatzungszeit über. Als die Republik Korea (Südkorea) 1948 gegründet wurde, wurde Seoul Hauptstadt.

Heute ist es eine quirlige, moderne Metropole mit vielen Hochhäusern und Stau auf allen Straßen, auch wenn sie sechs- , acht- oder zehnspurig sind. In den 70er Jahren wurde unter der Militärregierung von Park Chung-hee ein Plan für die Modernisierung Seouls entworfen. Die meisten Gebäude wurden abgerissen, Rücksicht nahm man nur auf Paläste und Tempel und so sehen wir kaum ältere Bauten. Mir gefällt die moderne Architektur.

Besonders imposant ist der N Seoul Tower, der mit seinen 236,7 m und stehend auf dem Berg Namsan die Weltmetropole überragt. "Wie schwer ist denn so ein Turm", fragt Louisa und ich dachte, sie hätte sich versprochen. Doch sie meinte es ernst und Charlie auch. "15.000 Tonnen", war die Antwort. 2005 wurde der N Seoul Tower renoviert und mit modernstem Design und neuestem High-Tech -Multi Media ausgestattet. Besonders modern gestylt sind die Toiletten mit Panoramaaussicht.

Beim anschließenden Mittagessen wird es wieder traditionell. Auf dem Tisch steht eine große Pfanne mit undefinierbarem rohen Fleisch und Gemüseklumpen. Wie beim Fondue wird die Pfanne warm und wir garen unser Essen selbst. Als es fertig ist, kommt ein finster dreinschauender Mann mit einer großen Schere und schneidet damit die großen Fleischbatzen in kleinere Brocken. Es sieht alles unappetitlich aus. Er erklärt uns die Essweise: Große Salatblätter nehmen, mit Reis, Gewürzen und Zutaten belegen, die in kleinen Schälchen auf dem Tisch stehen und die Brocken aus der Pfanne dazugeben. Alles schön rollen und mit der Hand essen. Die Sorge, mein Kind könnte hungrig aus dem Restaurant gehen, war fehl am Platz. Mit Eifer rollte sie ihr Essen und stopfte es in den Mund. Ich schaute ihr begeistert und erstaunt zu, obwohl ich mich über mein Kind doch eigentlich nicht mehr wundern sollte. "Schmeckt super", meinte Louisa mit dicken Backen. "Wie gefüllte Paprikaschoten bei Oma." Nur die Seetangsuppe ließ sie stehen.

Gestärkt stürzen wir uns wieder in den Trubel der Metropole, die 1986 Gastgeber der 10. Asienspiele, zwei Jahre später Austragungsort der Olympischen Sommerspiele wurde und 2002 während der gemeinsam in Korea und Japan ausgetragenen Fußball-Weltmeisterschaft Gastgeber für das Eröffnungsspiel, ein Gastspiel und ein Halbfinalspiel war. "Die Mannschaft von Korea war fußballerisch über sich hinausgewachsen und ist nun wieder schlecht", so Charlie. "Alle guten Spieler wurden nach der WM weggekauft." Ich erinnere mich als leidenschaftlicher Fußballfan noch gut an die Bilder von den begeisterten koreanischen Fanmassen. Bei dieser WM hatte ich das Land und die Stadt Seoul zum ersten Mal richtig wahrgenommen. "Stimmt", meint Charlie. "Die WM war eine große Werbung für Südkorea."

Wir schlendern durch die Straßen und Charlie will uns zu koreanischen Süßigkeiten vom Straßengrill überreden. Ne, genug kulinarische Experimente für heute. Lieber kaufe ich Louisa eine coole Mütze, mit der wir dann zum Abschluss noch einen ruhigen buddhistischen Tempel mitten in der Stadt besuchen. Ein Mönch spricht meine Tochter an, die mit Charlie vor mir herläuft. Und während ich nur still beobachte, unterhält sich mein Kind hier in Seoul mit diesem Mönch während ein Koreaner für sie übersetzt und es ist mal wieder Zeit für ein erstauntes Kopfschütteln: Wahnsinn, was wir erleben. Wahnsinn, mit welcher Selbstverständlichkeit wir uns in diesen Ländern bewegen. Wahnsinn, wie normal diese Erlebnisse schon fast sind und wie wichtig es ist, immer wieder mir selbst und vor allem meinem Kind das Privileg dieser Weltreise bewusst zu machen.

Wir fahren über die Autobahn eine Stunde zurück zum Hafen. Die Stadt ist riesig und das Zentrum geht in Satellitenstädten über, die mit Seoul durch ein dichtes Netz von Autobahnen, Buslinien und U-Bahnen verbunden sind. In dieser Agglomeration mit rund 20 Großstädten leben 21,7 Millionen Menschen und damit gehört die Region um Seoul zu den größten Metropolregionen der Erde. Der Abschied von Charlie fällt uns schwer. Ihm verdanke ich es, ein netteres Bild von Korea mitzunehmen, als ich es nach Pusan gehabt hätte. Charlie ist fast zu einem Freund geworden, so wie das Land. Genau, wie ich es am Anfang geahnt hatte. Grüße an meine alte Freundin Jian. Das nächste Mal treffen wir uns...

Musiktipp zur Stimmung: Album "Tant De Belles Choses", Francoise Hardy, Titel "Tante de Belles Choses"

Anja Fließbach: Sonntag, 25 März 2007, 23:54 Uhr