13. Beitrag: "Der reichste Mann Brasiliens" (9. Januar)

Langsam glitt der Fahrstuhl in die 12. Etage des Towers in Rios Nobelviertel Ipanema. Die Türen öffneten sich zum Imperium des angeblich reichsten Mannes Brasiliens. Weltzentrale. Millionenumsätze. Edelsteine. Wir mittendrin...
Doch statt rotem Teppich und Goldlüstern oder modernen Designermöbeln und elegantem Minimalismus betraten wir den schmalen Gang eines in die Jahre gekommenen Bürogebäudes mit dunklem Holz und grellem Licht. Ich war ein kleines bisschen enttäuscht, als ich an unserem ersten Tag in Rio zum Interview mit Hans Stern gekommen war. Nachdem wir von einem netten jungen Mann und einem Fahrer mit einem Toyota mit dunklen Scheiben vom Schiff abgeholt wurden waren, zwei Herren am Eingang mit einer kleinen Verbeugung die Türen unseres Autos geöffnet hatten und wir in einem modernen Eingangsbereich mit kleinen Drinks begrüßt wurden waren, sah es hinter den Kulissen ziemlich trostlos aus.

Auch das Büro von Hans Stern war äußerst bescheiden eingerichtet. Der Mann selbst in zerknittertem Anzug und derben Schuhen. Doch in seinen Augen blitzte ein gewisses Amüsement, als er uns begrüßte und meinen Blick beobachtete. Er war sich der Erwartungen und Ernüchterung seiner Besucher wohl bewusst, hatte es sicher oft erlebt. Der alte Herr ließ Espresso bringen und lächelte mich freundlich an. "Erzählen Sie mir etwas von Ihrer Zeitschrift Disy", begann er das Gespräch, in dem es eigentlich um seinen Weg und sein Unternehmen gehen sollte. "H.Stern" ist eines der bekanntesten Schmuckimperien der Welt mit 160 eigenen Filialen, 3200 Mitarbeitern und einem Image, das Hollywoodgrößen (zu Sterns Verehrerinnen zählen Charlize Theron, Cameron Diaz oder Sharon Stone) und die Konkurrenz beeindruckt. Zu den Mitbewerbern von „H. Stern“ zählt die Fachpresse gerade mal Tiffanys oder Cartier.

Ich antwortete höflich. Doch statt zu erzählen, wollte ich etwas von ihm lernen. Das schönste an meinem Beruf ist es, Menschen zu treffen, denen man sonst nie begegnet wäre und ihre Geschichten zu hören. Bei Hans Stern lernte ich viel. Schon als er zu erzählen begann, war die nüchterne Umgebung und der unscheinbare Anzug vergessen. Es leuchtete eine Persönlichkeit und eine Aura auf, die nun von den großen Saphir-Manschettenknöpfen unterstrichen wurde, die  ein winziges Stück hervor blitzten, wenn sich der Patriarch locker zurück lehnte. "Die schlimmste Eigenschaft der Menschen sind Neid und Mißgunst", begann er von seinem Leben zu erzählen." (Die ganze Reportage über den Besuch bei Hans Stern und das Interview könnt ihr ab morgen lesen unter www.disy-magazin.de).

"Hast du ihn gefragt, wie alt er ist?" Der junge Mitarbeiter von Stern hatte auf dem Hinweg das Alter seines Big Bosses nur schätzen können. "Über 70", war seine These gewesen. André hatte uns vom Schiff abgeholt und sollte uns nun wieder zurück bringen. "Er ist 84", klärte ich auf. André war Student der Soziologie und verdiente sich bei Stern Geld für das Studium. Er war in Rio geboren, aber sein Großvater stammte aus Deutschland. Auf meinen Reisen hatte ich gelernt, Einheimische, die auch noch Deutsch sprachen, nicht so schnell wieder gehen zu lassen. Wir fragten André ob er uns in den fünf Tagen, die wir in Rio bleiben würden, die Stadt zeigen wollte.
Also holte uns André jeden Morgen am Schiff ab und verbrachte seine Ferien damit, uns in die Geheimnisse seiner Stadt einzuweihen. Das erste war: Leute aus Rio gehen niemals in das eigene "Hard Rock Café". Doch da wollten wir hin. Auch wenn wir keine T-Shirts sammelten, war das eine Tradition. Prompt kam von Louisa: "Hier waren wir schon mal, Mama." Sie sehen eben alle gleich aus, diese Filialen. Ob Bali, Singapur oder Rio, wir bestellen immer Ceasars Salad und Burger mit Pommes. Ich oute mich und stehe dazu.

André hoffte auf ein Stipendium für Deutschland und wollte bei uns gern Wirtschaft studieren. Er stellte beim Essen gleich seine wirtschaftlichen Kenntnisse unter Beweis und erklärte uns den Verfall der brasilianischen Währung. "Weil wir zurzeit viele Bodenschätze ins Ausland verkaufen, besitzen wir viele Dollars. Deshalb hat der Dollar gegenüber dem Real nicht mehr viel Wert", erzählt er. Das sei besonders für uns Ausländer gerade schlecht, weil wir weniger Real für das gleiche Geld bekommen.
Seine Rede wirkt sich gleich auf meine Stimmung in dem in der Nähe liegenden Shopping-Center von Barra aus. Eigentlich wollte ich Geschenke für meine Freunde und Mitarbeiter kaufen. Letztlich wurde es nur ein kleiner Walfisch zum Aufblasen für Louisa. "Wali" ist ein Tröster, denn am liebsten möchte Louisa nach Hause. Wir müssen nämlich die Kabine wechseln und das Packen der Sachen und das Verlassen der gerade vertraut gewordenen Umgebung ließen Tränen über die Wangen der 6-Jährigen laufen.
Packen. Alles, was wir einst in vielen Koffern für fast fünf Monate schon einmal ein- und ausgepackt hatten, mussten wir nun für den Umzug wieder verstauen. Deshalb musste die Stadtrundfahrt am Nachmittag für uns ausfallen. Doch wir sollten André am nächsten Morgen wieder treffen.

Autorin: Anja K. Fließbach
(Geschrieben am Dienstag, dem 9. Januar 2007, 21:16 Uhr)

Kommentare zum 13. Beitrag

Vielen Dank für Ihre Zeilen zu meinem Kommentar - dann werde ich wohl noch drei Jahre Fernweh ansammeln und auf ein Familien-freundliches Umdenken der Veranstalter hoffen.
Zwei Fragen hätte ich:
1. Wie lange holt man als Journalist Anlauf, um bei Hans Stern zum gewünschten Zeitpunkt einen Interview-Termin zu bekommen?
2. "Die Welt" thematisierte vor einer Woche im Reiseteil, wie wichtig das Verhältnis von BRT des Schiffes zur Anzahl der Passagiere ist. Ist das wirklich von Bedeutung?
Wünsche weiterhin gute Fahrt.

Kommentiert von: ZA76 | Dienstag, 9 Januar 2007, 22:37 Uhr

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Hallo aus Brasilien.
1. Das Interview mit Hans Stern hatte ich seit zwei Jahren im Kopf. Schon damals, als ich in Rio war, hatte ich mit einem Vertreter der Firma gesprochen und die Sache danach nie aus den Augen gelassen. Ich wäre nicht extra deswegen nach Rio geflogen, aber nun hat sich das so ergeben. Die zwei Vertreter auf dem Schiff, Tony und Winnie, haben sich auch zwei Wochen lang sehr darum bemüht.
2. Soweit ich weiß, bedeutet das mit den BRT und den Passagieren, wieviel Platz es pro Passagier gibt. Ist es eher wie in einem Hamsterkäfig oder ähnelt es einem Palast. Ich frage für dich aber nochmal den Kapitän und schreibe es dir dann genau.
HAT NOCH JEMAND FRAGEN AN DEN KAPITÄN?
LG Anja

Kommentiert von: Anja K. Fließbach | Mittwoch, 10 Januar 2007, 22:31 Uhr

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Wie schnell fährt das Schiff denn, wenn es in fast fünf Monaten um die Welt kommt?

Kommentiert von: Sascha | Mittwoch, 10 Januar 2007, 22:44 Uhr

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Ich bin heute das erste Mal auf ihre Berichte gekommen und bin begeistert. Noch nie habe ich im Internet so einen interessanten blog gefunden. Ich verspreche Ihnen, dass ich auf jeden Fall Ihre Weltreise weiter verfolgen werde. Die Geschichte mit dem reichsten Mann Brasiliens sollten Sie an ein grosses Magazin oder eine grosse Zeitung schicken. Dort stehen weniger interessante Sachen drin, als was Sie jeden Tag schreiben. Kompliment. Caroline

Kommentiert von: Caroline | Sonntag, 14 Januar 2007, 16:00 Uhr

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Hallo Anja, vielen Dank für die tollen Berichte aus Brasilien, ich schwelge auch schon wieder in Fernweh, denn seitdem ich vor vier Jahren in Brasilien war, lässt mich die Sehnsucht nach dem Land nicht mehr los. Ich freue mich, Ende diesen Jahres wieder hinreisen zu können und diesmal auch nach Rio, darauf freue ich mich wahnsinnig. Ich sehe es auch als großes Privileg an, zu reisen, schon mit 17 in Brasilien gewesen zu sein, damals sind wir in Sao Paulo gelandet und weitergeflogen zu den atemberaubenden Iguacu-Wasserfällen in Parana und verbrachten dort Weihnachten. Ich erinnere mich auch noch gut an Silvester in weißen Kleidern am warmen Strand in Santa Catarina und die Kolibris, die vor meiner Nase im Garten umherflogen. Mich hat auch dieser typische Brasilien-Geruch nicht losgelassen: die Mischung aus verbranntem Kaffee, Essen, feuchter Hitze, man kann ihn schwer beschreiben.
Mich hat auch das Interview mit Hans Stern sehr interessiert, denn ich habe damals selbst eine wunderschöne Kette von Stern zu Weihnachten bekommen, die ich hüte, wie einen Augapfel und nur zu besonderen Anlässen trage.
Ich wünsche ich Ihnen und Lousia noch eine wunderbare Zeit. Viele Grüße, Caroline

Kommentiert von: Caroline | Montag, 15 Januar 2007, 2:23 Uhr

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(Letzte Aktualisierung: 15.01.2007)

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