• Dezember 06, 2021
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Still und mit gesenktem Blick räumen die Kellner die übrigen drei Gedecke weg. Gläser, Besteck, Platzteller. Dann ist es leer auf der gegenüberliegenden Seite unseres Tisches. Meine zwei Jungs und ich sitzen trotzdem tapfer jeden Abend an dem großen runden Tisch im Restaurant „Vier Jahreszeiten“ auf der „MS Artania“ – auf der Suche nach einem Mittel gegen die Einsamkeit.

Am Tisch nebenan sitzen drei Offiziere mit zwei wunderschönen Frauen vom Show-Ensemble. Mit ihren Frisuren sehen sie aus wie Abbilder der Gesellschaften der früheren Seefahrt. Schön. Rotwein wird eingeschenkt, gelacht, der Schmuck der Mädels glitzert so wie die Streifen auf den Uniformen der Offiziere. 

Links neben uns, ein paar Stufen runter, ist die Ecke vom Phoenix-Team. Auch hier hat man sich heute schick gemacht – Gala eben. Kreuzfahrtleiter Klaus Gruschka mit schwarzer Fliege und seine wunderschöne Frau Kim sind unter anderem die großartigen Gastgeber auf dieser Reise. Auch sie sitzen in einem geschlossenen Kreis mit ein paar Reiseleitern. Auch hier gehen die Weinflaschen reihum, es wird gelacht. Sie scheinen zufrieden mit ihrem Job, ihrem Leben und diesem Abend. Kein Wunder. Wo kann man als Angestellter in seinem Job sonst noch 7-gängige Gala-Menüs essen? Phoenix ist nicht nur gut zu seinen Gästen, sie sind auch ein guter Arbeitgeber. Happy crew - happy passengers. Zwei Tische weiter – die Künstler. Gleiches Bild, gleiche Stimmung.

Nach sechs Tagen, die diese Kreuzfahrt durch die Nord- und Ostsee nun schon dauert, haben auch die Passagiere ihren Frieden gefunden. Wir haben zwei Reisen kombiniert und eine Passagierwechsel miterlebt. Kurze Aufruhr, wenn alles neu ist. Und nach einiger Zeit hat Jeder seine Routine gefunden, seinen Platz im Restaurant,  seinen Kreis. 

Ich sehe mich im Restaurant um. So festlich. Voll. Ruhig. Und außer uns sitzt keiner allein an einem Tisch. Keine Singles, keine Alleinerziehenden wie ich, keine Minifamilie wie wir. 

Es sind offensichtlich befreundete Paare und mehrere Großfamilien – Großeltern, Eltern, Kinder... Ich zwinge mich, sie nicht anzustarren. Ich rede mit meinen lieben und intelligenten Kindern, ich schaue aus dem Fenster, wische die Sesamkrümel vom Tisch, die neben den Brotteller gefallen sind. 

Es ist, als würden wir an unserem halb gefüllten Tisch im grellen Scheinwerfer-Spot sitzen. Wie in einem Kegel oder unter einer Glaskuppel. Es ist eindeutig, dass sie uns sehen. Doch wenn mein Blick sie streift, schauen sie schnell weg. 

Wann haben Sie das letzte Mal einen einsamen Menschen wahrgenommen? Sehen Sie ihn? Gehen Sie doch mal rüber und reden sie mit ihm oder laden Sie ihn zu sich auf einen Drink ein!

Ihre

Anja K. Fließbach

PS: Wir fühlten uns nicht lange allein. Die Kellner begannen Zaubertricks mit den Jungs, die Restaurantchefs kamen regelmäßig auf einen Plausch. Sie gaben uns ein Gefühl des Dazugehörens - Phoenix eben. Die Reportage über die erste Reise der MS Artania nach der Corona-Pause lesen Sie auf den Seiten 76 bis 78. Lesen Sie auch einen Kreuzfahrtvergleich zwischen Phoenix Reisen „MS Artania“, TUI Cruises „Mein Schiff 1/6“ und Hapag Loyd „MS Europa 2“ab Seite 79.